Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Kein Tag wie heute (1)

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Das heutige Datum ist auf den ersten Blick unspektakulär. Keine Revolution, kein Krieg begann – der Zweite Weltkrieg war am 17. September 1939 zwei Wochen alt und hatte schon jede Menge Kriegsverbrechen auf dem Buckel. Am 17. September 1941 gab es in Deutschland erste Todesurteile wegen «Hören von Feindsendern»; als solcher galt der Schweizer Rundfunk knapp nicht mehr, als er am 17. September 1945 erstmals das «Echo der Zeit» ausstrahlte.

85 Jahre alt wird heute Serge Klarsfeld, der mit seiner Frau Beate Klarsfeld diverse Nazikriegsverbrecher aufspürte, der berüchtigtste war Klaus Barbie. Beate Klarsfeld verpasste übrigens 1968 dem damaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, stellvertretend fürs «abstossende Gesicht der zehn Millionen Nazis», eine Ohrfeige, für die sie von Heinrich Böll rote Rosen bekam, was wiederum Günter Grass falsch fand.

Robert Lembke, Deutschlands «Rate-Onkel der Nation», würde heute 107. Der Chefredaktor des Bayerischen Rundfunks moderierte jahrzehntelang «Was bin ich?, das heitere Beruferaten», bei dem die KandidatInnen ein «Schweinderl» aussuchen und eine «typische Handbewegung» machen mussten. Seine Enkelin, die Autorin Linda Benedikt, schrieb kürzlich in der «Zeit» über ihren Grossvater: Als Robert Emil Weichselbaum geboren, überlebte er die Naziherrschaft zeitweise versteckt, seine Verwandten flohen oder wurden ermordet. Er schwieg darüber, wie in Deutschland fast alle seiner Generation, Opfer wie TäterInnen. «Was ging ihm durch den Kopf, wenn er bei ehemaligen Parteigenossen Semmeln kaufte, ein ehemaliger SSler seine Tram-Bahnkarte abzwickte», fragt sich Benedikt heute, wo «in München wieder vor Juden ausgespuckt wird».

Und damit es nicht ganz traurig endet: Am 17. September 1964 wurde in London der James-Bond-Film «Goldfinger» uraufgeführt.

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