Nr. 38/2020 vom 17.09.2020

Der bibelfeste Kommunarde

Von Brigitte Matern

Oliver Cromwell nannte sie «verabscheuungswürdige Personen, die sich kaum von Tieren unterscheiden». Der englische Oberbefehlshaber (und spätere Alleinherrscher) war nicht gut auf die «gleichmacherischen» Republikaner zu sprechen, die ihm kurz zuvor – in der ersten bürgerlichen Revolution Europas – mit in die Steigbügel geholfen hatten. Aber dieser ehemalige Tuchhändler aus Wigan trieb es dann doch zu weit: Er forderte nicht nur Teilhabe und Religionsfreiheit, er wollte gleich noch die Geldwirtschaft, den Handel und das Privateigentum abschaffen – und hatte gerade mit seinen Getreuen brachliegendes Land besetzt.

Dass er sein egalitäres Gesellschaftsmodell auch noch schriftlich unters Volk brachte – nur auf die Bibel gegründet und in allgemein verständlichem Englisch –, machte Cromwell und seine privilegierte Klientel zu Recht nervös. Bürgerkrieg, Missernten und die rücksichtslose Landnahme der reichen Kaufleute hatten ein Heer verarmter LandarbeiterInnen nach London getrieben. Würden sie alle gemeinsam auf eigenem Boden wirtschaften, wäre es schnell vorbei mit Macht und Herrlichkeit: Wer würde dann noch Lohnarbeit leisten?

Über das Vorleben des Vielschreibers – er verfasste in drei Jahren achtzehn Streitschriften und Traktate – ist nur wenig bekannt. 1609 im Nordwesten Englands geboren, hatte er als Kaufmannssohn wohl eine gute Schulbildung genossen. Mit zwanzig trat er in London eine Tuchhändlerlehre an, eröffnete irgendwann ein Handelsgeschäft und ging 1643 in den Wirren des Bürgerkriegs pleite. Danach lebte er auf einem Bauernhof der Schwiegerfamilie und fand beim Viehhüten Zeit, über die missachteten Worte der Bibel und das daraus resultierende soziale Elend nachzudenken.

Als er 1649 seine Erkenntnisse umsetzte und zur ersten Landnahme schritt, machte das in Südostengland und Wales tatsächlich Schule, schnell entstanden weitere Kommunen. Doch die Grundbesitzer antworteten brachial, liessen Hütten zerstören und Ernten vernichten. Nach zwei Jahren war die Bewegung am Ende. Der bibelfeste Gesellschaftskritiker schrieb noch sein politisches Testament, «Das Gesetz der Freiheit», und zog sich dann nach London zurück, wo er 1676 starb.

Wer war der im 19. Jahrhundert wiederentdeckte Frühkommunist, der wollte, dass es kein «Dies ist mein und jenes ist dein» mehr gibt und dass die Erde «die Schatzkammer aller» ist? 

Wir fragten nach dem englischen Politaktivisten Gerrard Winstanley (1609–1676). Die «gleichmacherischen» Republikaner waren die von der Oberschicht als Levellers («Gleichmacher») verspotteten radikalen Demokraten. Winstanley gehörte zu einer noch radikaleren Abspaltung, den True Levellers. Er war einer der neunzehn Männer, die nach der Oktoberrevolution 1917 auf dem Alexander-Garden-Obelisken in Moskau als «Denker und Wegbereiter der Arbeiterbefreiung» aufgeführt wurden; 2013 wich das Monument einem Denkmal für die Zarendynastie der Romanows. Die Erinnerung an Winstanley und seine Digger (wie man die LandbesetzerInnen auch nannte) ist noch immer wach. In den USA entstanden Mitte der sechziger Jahre etliche Diggerkolonien, Anfang der Achtziger gelang der britischen Friedensbewegung nach einem «Digger Walk» die Besetzung des Cruise-Missiles-Standorts Molesworth. Ab 1995 nutzte die Landrechtsbewegung The Land Is Ours immer wieder St. George’s Hill für ihre Proteste, jenen Ort, an dem einst Winstanleys erste Landkommune entstanden war.

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