Nr. 47/2020 vom 19.11.2020

Wohin mit der Trauer?

Woher kommen wir? Und wohin verschwinden wir, wenn wir sterben? Aber nicht zuletzt auch: Wohin gehen die Hinterbliebenen mit ihrer Trauer, wenn die traditionellen Anlaufstellen wie Kirchen vielen keinen Halt mehr bieten? Mats Staub arbeitet seit vielen Jahren an den Schnittstellen von Recherche, Theater, Ausstellung und menschlichen Alltags- wie Ausnahmesituationen. Er befragt behutsam Menschen zu Themen, die ihnen nahegehen, und bringt diese Gespräche mit Wanderausstellungen wieder zurück unter die Leute. Sein aktuelles Langzeitprojekt kreist um die Klammer unseres irdischen Daseins: Geburt und Tod. Ausgehend vom Tod seines Bruders 2014 hat Staub jeweils zwei Menschen miteinander ins Gespräch gebracht und sie dabei gefilmt: in Kinshasa, Paris, Frankfurt, Manchester, Basel, Hannover, Johannesburg. Sie reden über ihre Erfahrungen mit den «Eckpunkten des Lebens». Wenn wir diesen Gesprächspaaren zuschauen und zuhören, entsteht eine Situation der Nähe, ohne dass die Beteiligten oder die ZuschauerInnen ihre Verletzlichkeit ganz preisgeben müssen: ein Raum, in dem Trauer, Intimität, aber auch Distanz Platz finden und in dem man sich mit den Reflexionen über die letzten Fragen wieder dem Weiterleben zuwenden kann. 

«Death and Birth in My Life» von Mats Staub in: Bern Museum für Kommunikation. Bis 6. Dezember 2020. www.mfk.ch

Daniela Janser

Heroin im Engadin

Die Jugendunruhen von 1980 erschütterten nicht nur Zürich – sie strahlten bis in entlegene Bergtäler aus. Auch im Engadin liessen sich junge Leute von der rebellischen Stimmung anstecken und nahmen den Dorfplatz von Samedan in Beschlag. Lange Haare, Hardrock, Kiffen: Es hätten idyllische Erinnerungen werden können. Doch dann wurde in Samedan Heroin populär. In den nächsten Jahren starben immer wieder junge EngadinerInnen. Und fast niemand sprach darüber.

«Suot tschêl blau» von Ivo Zen geht dem Trauma nach – in einem ruhigen Tempo, untermalt von Landschaftsaufnahmen. Oft ist die Erschütterung nur zu erahnen, etwa wenn ein alter Mann erzählt, wie er seinen toten Sohn fand, oder sich ein fit wirkender Fünfzigjähriger wundert, wie leichtsinnig er mit vierzehn anfing zu fixen. Die Archivaufnahmen von Platzspitz und Letten wirken so ärgerlich voyeuristisch wie damals. Doch dann treffen sich die Überlebenden und die Verwandten der Toten für den Film in der Dorfbeiz «Croce bianca». Und reden miteinander. Endlich.

«Suot tschêl blau» in: Zürich Riffraff; Luzern Bourbaki; Basel Kultkino; Pontresina Rex; Ilanz Cinema Sil Plaz, und weiteren Kinos. www.underblueskies.ch

Bettina Dyttrich

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