Nr. 48/2020 vom 26.11.2020

Erpressungsentertainment

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Mit vor Stolz rosigen Wangen stand er im Studio von Tele Züri, fast meinte man, Speichelspuren freudiger Erregung am Kinn zu entdecken. Nein – die Rede ist nicht von Bundesrat Berset, der sich erfolgreich gegen eine versuchte Erpressung wehren konnte, sondern vom Professor für Medizingeschichte und früheren SVP-Nationalrat, der sich jetzt als Journalist betätigt. Er enthüllte den Fall für die «Weltwoche».

Seither tanzt der Bär. Alle miteinander sind froh, dass endlich wieder über Vitaleres geschrieben und gesprochen werden kann als R-Werte, Todesfallzahlen oder Güterabwägungen zuungunsten achtzigjähriger MitbürgerInnen. Dass der Inhalt des Erpressungsversuchs unbekannt ist, erhöht nur die Spannung. Und Alain Berset, der im Sommer schon als Protagonist für einen erotischen Kurzroman herhalten musste, scheint offenbar besonders geeignet für tiefer liegende Fantasien.

Dass ein Regierungsmitglied durch die Enthüllung auch völlig privater Vorkommnisse in seiner Funktion geschwächt werden kann, versteht sich von selbst. Dass diese Person deshalb automatisch wegen tatsächlicher Verfehlungen erpressbar und handlungsunfähig sei, wie es nun Bersets politische GegnerInnen liebend gerne sähen, bedeutet es nicht.

Reihum macht sich nun Enttäuschung breit, dass über das erpresserische Material bisher so gar nichts in Erfahrung gebracht werden konnte; und manche dürften sich melancholisch der goldenen Zeiten entsinnen, als sie die Dickpics eines Badener Stadtammanns oder den folgenreichen Fehltritt eines Politikers im Wallis breittreten konnten.

Dass die Bundesanwaltschaft im aktuellen Fall das Erpressungsmaterial gelöscht hat, wird jetzt durch deren Aufsichtsbehörde untersucht. Gut so – Hauptsache, sie bringt das Zeug nicht hinterher noch ans Licht. Mögliche politische Fehlleistungen Bersets verdienen politische Auseinandersetzungen.

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