Nr. 50/2020 vom 10.12.2020

Der Migrant mit dem Zeichenstift

Von Brigitte Matern

«Wir können Ihre Arbeiten nicht annehmen», beschied ihm ein Schweizer Redaktor, «denn wenn Sie eine Nachtigall zeichnen, dann sieht sie kommunistisch aus.» Für den «Basler Vorwärts» war dies kein Problem, und mit Freuden nahm auch die Gewerkschaftspresse in den dreissiger Jahren das Können des Grafikers in Anspruch. Bis die Behörden den Illegalen zur Ausreise zwangen.

Kindheit und Jugend waren schwierig gewesen. 1903 im rheinländischen Koblenz unehelich geboren, war er beim Vater aufgewachsen, einem Beamten mit ausgeprägtem Untertanengeist. Kaum elf Jahre alt, wurde er in eine katholische Fürsorgeanstalt gesteckt. Vier Jahre Prügel und Demütigung folgten. In den Wirren der Novemberrevolution 1918 lief der Junge davon. Die vom Vater aufgezwungene Malerlehre brach er ab, hielt sich mit Diebstahl über Wasser und begegnete endlich einem Sozialisten, der sein zeichnerisches Talent erkannte, ihn Parolen und Politplakate malen lehrte, bis der Vater 1921 den missratenen Spross als «Bolschewisten» denunzierte und ins Gefängnis werfen liess. Wieder in Freiheit, fand er Anschluss an linke Kreise, avancierte zum politischen Karikaturisten und zog nach Berlin, wo ihn Käthe Kollwitz unter ihre Fittiche nahm. 1930 wechselte er an den Lago Maggiore, wo er in der KünstlerInnenlandkommune Fontana Martina mitarbeitete. Bei einem Grenzübertritt 1933 entkam er nur knapp dem Zugriff der Gestapo und tauchte in der Schweiz unter. Da seine Grafiken für die Gewerkschaftspresse und seine Arbeiten über den Naziterror in Deutschland unter Pseudonym erschienen, erkannten die Schweizer Behörden erst 1935, wer da den Arbeitsfrieden und die Beziehungen zum nördlichen Nachbarn störte.

Er emigrierte nach Argentinien und fand schnell Arbeit – seine Bildergeschichten beeindruckten auch wortlos. Der Linolschnittzyklus «Nacht über Deutschland» entstand, und seine Illustrationen zu Hitlers «Mein Kampf» waren so bissig, dass die deutsche Botschaft in Buenos Aires ein Verbot forderte, noch vergeblich. Als mit Juan Perón jedoch ein Faschismusverehrer an die Macht kam, wurde der unbequeme Chronist nach Patagonien verbannt.

Wer war der mit 85 Jahren im Thurgau verstorbene Zeichenlehrer, der dem gewaltsamen Tod des Anarchisten Erich Mühsam eine Bildfolge widmete und den 1962 ein Militärputsch zurück in die Schweiz trieb?

Wir fragten nach dem Grafiker Carl Josef Meffert alias Clément Moreau (1903–1988). Nach dem argentinischen Militärputsch 1962 liess er sich in der Schweiz nieder, unterrichtete an der St. Galler Kunstgewerbeschule und arbeitete für diverse Zeitungen als Theaterzeichner. Sein Zyklus «Nacht über Deutschland» (auch: «La comedia humana») zählt zu den wichtigsten Werken der antifaschistischen Exilkunst.

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