Nr. 02/2021 vom 14.01.2021

Die freiheitsliebende Fürstin

Von Brigitte Matern

Als sie im April 1848 an der Spitze eines Freiwilligenkorps in Mailand einzog, wurde sie von einer begeisterten Menge empfangen. Um eine Ansprache zu halten, war sie aber zu bewegt, denn ein Traum hatte sich erfüllt: Die seit 1815 mit harter Hand regierenden Habsburger waren aus der Stadt gejagt worden, der erste Schritt für ein einiges, demokratisches Italien schien getan. Doch vier Monate später eroberten die Österreicher die Hauptstadt Lombardo-Venetiens zurück. Sie war erneut auf der Flucht.

Die 1808 geborene Mailänder Aristokratin mochte die Habsburger nicht. Bereits ihr Stiefvater sass wegen eines Aufstandsversuchs im Gefängnis, und als sie mit sechzehn einen Prinzen heiratete, war selbstverständlich auch der ein freiheitsliebender Patriot. Leider gab er auch den Casanova, weshalb sie ihn verliess und sich fortan in den Dienst der Unabhängigkeit Italiens stellte. 1830 wegen ihrer Kontakte zu Verschwörerkreisen per Haftbefehl gesucht, floh die Principessa nach Frankreich und eröffnete dort einen Salon, in dem sich bald die intellektuelle (Exil-)Avantgarde traf – Politiker, Musiker, Literaten; nicht wenige, wie Heinrich Heine, erlagen ihrer Klugheit und Schönheit. Sie selbst erhielt hier wichtige Anregungen für ihre publizistische Arbeit und die Vision einer freiheitlichen, sozial gerechten Gesellschaft.

1840 nach Mailand zurückgekehrt, richtete sie in ihrem Landhaus Gemeinschaftsräume für die verarmte Dorfbevölkerung ein und gründete zwei Schulen. Der Aufbau einer Sparkasse und ländlicher Produktionsgenossenschaften scheiterte dagegen am Widerstand der Behörden und der Gutsbesitzer. Und natürlich war sie zur Stelle, als sich 1848 in Mailand und 1849 in Rom die Chance für revolutionäre Umwälzungen bot. Sie finanzierte Truppen und Zeitungsprojekte, griff selbst zur Feder und liess ihre adligen Verbindungen spielen, um Verbündete für den Unabhängigkeitskampf zu gewinnen.

Erst als Frankreich, 1870/71 im Krieg gegen Deutschland gebunden, nicht mehr als Schutzmacht des Papstes auftreten konnte, erfüllte sich ein Grossteil ihrer Hoffnungen: Mit der Einnahme des Kirchenstaats war die Einheit Italiens so gut wie perfekt. Kurze Zeit später starb die Antimonarchistin, gesundheitlich zeitlebens angeschlagen, mit 63 Jahren.

Wer war die vergessene Freiheitskämpferin, in deren grossen Augen, so der Dichter Charles Baudelaire, «die Pupille wie eine Auster in der Suppenschüssel» schwamm und deren Vornamen für ein ganzes Fussballteam reichen?

Wir fragten nach der politischen Journalistin und Publizistin, Historikerin und Soziologin Maria Cristina Beatrice Teresa Barbara Leopolda Clotilde Melchiora Camilla Giulia Margherita Laura Trivulzio di Belgiojoso (1808–1871). Sie verfasste unter vielem anderem eine Kirchengeschichte, die auf dem päpstlichen Index landete, analysierte die Politik und Kultur Italiens und die «Lage der Frau und ihre Zukunft», finanzierte und leitete diverse Zeitungen der Freiheits- und Einigungsbewegung, etwa «La Gazzetta Italiana» und «Il Crociato», und schrieb – wie Karl Marx – für die «New York Daily Tribune». Als alleinstehende Frau (und Mutter einer Tochter) hatte sie ständig gegen Vorurteile zu kämpfen, zumal sie sich mit ihrem umfassenden Polit- und Ökonomiewissen auf einem von Männern besetzten Spielfeld bewegte. Zur Lektüre empfohlen: Karoline Rörig, «Cristina Trivulzio di Belgiojoso (1808–1871). Geschichtsschreibung und Politik im Risorgimento».

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