Nr. 14/2021 vom 08.04.2021

Die abstinente Netzwerkerin

Von Brigitte Matern

Der Chef der Fremdenpolizei schäumte: Wenn sie im spanischen Bürgerkrieg nur die republikanische Seite unterstützen wolle, spalte sie die Schweiz und gefährde die Neutralität, wetterte er. Doch sie brauchte den Segen Heinrich Rothmunds nicht. Die Ayuda Suiza, ein breites Bündnis für das notleidende Spanien, kam auch so zustande. «Das vorlaute Frauenzimmer» hatte darauf dreieinhalb Jahre alle Hände voll zu tun, damit Kleider, Nahrung, Transportmittel organisiert, Mütter und Kinder aus den bombardierten Städten evakuiert, Flüchtlingsheime eingerichtet, medizinische Hilfe bereitgestellt werden konnte. Daneben klärte sie mit zahllosen Vorträgen die Schweizer Bevölkerung über diesen «Exerzierplatz für die künftigen Auseinandersetzungen zwischen Diktatur und Demokratie» auf und sorgte für regen Spendenzufluss.

Zur Welt gekommen war die Sozialaktivistin 1889 in Zürich. Der Vater, ein dem Alkohol zugeneigter Kaufmann aus Riga, hätte sie gern als Ärztin gesehen, sie selbst hielt sich dazu für zu ungeschickt. Schauspielerin durfte sie aber auch nicht werden, vorher drehe er ihr – inzwischen Präsidentin des Bundes abstinenter Mädchen – Arme und Beine aus. So wurde sie Lehrerin und, fasziniert von den Ideen einer gerechten Gesellschaft, überzeugte Sozialistin.

1915 heiratete sie und folgte ihrem Mann in die Nordostschweiz, wo sie aufgrund der dortigen «Hinterwäldlerordnung» ihr Lehramt aufgeben musste. Und hob stattdessen die Schaffhauser Frauenzentrale aus der Taufe, wirkte an einer Studie über HeimarbeiterInnen mit, trat in die SP ein und versuchte, leider vergeblich, die Kleinhandelsreisenden in einem Berufsverband zusammenzuschliessen.

1933 beriefen SP und Gewerkschaftsbund sie dann zur Leiterin der Arbeiterkinderhilfe, und von Stund an kannten ihre Tage kein Ende mehr. Mit dem Siegeszug des Faschismus in Europa hiess es, Kinder in Sicherheit zu bringen, verfolgte GenossInnen zu unterstützen, JüdInnen zu retten. Ihre Wohnung wurde zur Notunterkunft für Geflüchtete und zur Schaltstelle der Colis suisses, jener Hilfspakete, die in den Flüchtlingslagern Tausenden überleben halfen, auch nach dem Zweiten Weltkrieg. Bis 1951 führte sie das ArbeiterInnenhilfswerk weiter, organisierte, intervenierte bei Behörden, netzwerkte. Und half dann auch noch der Schweizer Entwicklungshilfe auf die Beine.

Wer war die 1972 verstorbene Uno-Mitarbeiterin, die sagte, dass für eine wirkungsvolle Hilfe ein gutes Herz nicht genüge, es brauche auch «eine klare Vorstellung von den Ursachen der Not und ein eindeutiges Ziel»?

Wir fragten nach der Schweizer Sozialaktivistin, Flüchtlingshelferin und Frauenrechtlerin Regina Kägi-Fuchsmann (1889–1972). Sie war Leiterin der Arbeiterkinderhilfe der Schweiz, Geschäftsführerin des Schweizerischen Arbeiterhilfswerks (SAH) und 1937 Mitbegründerin der Ayuda Suiza, des Schweizerischen Hilfskomitees für Spanienkinder, zu dem sich vierzehn Hilfswerke zusammenschlossen. Nach dem Zweiten Weltkrieg koordinierte sie im Rahmen der «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten» die Aufbauhilfe für Europa und war 1955 Mitinitiatorin des Schweizerischen Hilfswerks für aussereuropäische Gebiete (Helvetas). Um die benötigte Hilfe richtig einschätzen zu können, reiste sie immer wieder selbst in die jeweiligen Krisengebiete. 1961 verlieh ihr die Universität Zürich die Ehrendoktorwürde. Ihre Autobiografie trägt den Titel «Das gute Herz genügt nicht».

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