Nr. 15/2021 vom 15.04.2021

Frei wählbare Verträge

Von Karin HoffstenMail an AutorIn

Nein, niemand wird seinen Hamster heiraten müssen, sollte das Volk im Herbst Ja zur Ehe für alle sagen. Ebenso wenig wird irgendjemand einen Menschen heiraten müssen, den er oder sie nicht kennt oder nicht leiden kann. Überhaupt sollte für die 59 000, die jetzt das Referendum gegen die allgemeine Ehe unterschrieben haben, dringend festgehalten werden: In der Schweiz muss niemand irgendjemanden heiraten, selbst wenn er oder sie die andere Person innig liebt. Hierzulande hapert es bloss mit dem Dürfen.

Vor fünfzehn Jahren gestand man Lesben und Schwulen grosszügig zu, ihre Lebensgemeinschaft eintragen zu lassen. Jene, die dieses Konstrukt wählen, müssen seither auf Formularen beim Personenstand immer auch ganz selbstverständlich ihre sexuelle Orientierung angeben. Würde das von der Gesamtbevölkerung verlangt, gäbs einen Aufstand – von den BewahrerInnen, die sich jetzt hinter Anian Liebrand, dem fleischgewordenen Rückschritt, versammeln, ganz zu schweigen.

Bewahrt werden soll die christliche Kernfamilie, Vater, Mutter, Kind, und die dafür vorgebrachten Argumente sind so menschenfeindlich wie weltfremd, auch wenn sie als pseudosoziologisches Geschwurbel daherkommen: Ein Kind brauche männliche und weibliche «Rollenmodelle». Die Bibel definiere die Ehe als Verbindung zwischen Mann und Frau. Weniger Fromme begründen sie naturwissenschaftlich: Nur zwischen Samenzelle und Ei funktioniere die «natürliche» Zeugung.

Eine Ehe ist ein Vertrag mit Rechten und Pflichten, den einzugehen – oder auch nicht – allen freistehen sollte, zumal sich Kinder auch ausservertraglich zeugen lassen. Und während manch traditionelles Vorbild dem eigenen Kind gar gefährlich werden kann, können nicht blutsverwandte Bezugspersonen durchaus segensreich wirken.

Um auf den Hamster zurückzukommen: Wer mit seinem Haustier eine eheliche Bindung eingehen möchte, kann diesen Wunsch auf marryyourpet.com verwirklichen. Möglich machts die «Universal Life Church». Andere Kirchen segnen so ein Tierchen ja bloss!

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