Nr. 22/2021 vom 03.06.2021

Der Slip des Schreckens

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Dass sich junge Menschen mit Ideen und Elan Neues einfallen lassen, ist ja grundsätzlich erfreulich. Weltweit motivieren Wettbewerbe sie, ihr erstes Start-up zu kreieren, in Deutschland ist das «Jugend gründet».

Daran beteiligen sich in diesem Jahr auch Jana und Fynn aus einer 11. Klasse in Stuttgart: Monatelang tüftelten sie an einer Unterhose mit Alarmsystem, die Frauen vor einer Vergewaltigung schützen soll. «Genial, super, das ist, was die Welt braucht», freut sich Frau Schwelling, die Lehrerin, die den beiden beratend zur Seite steht, im Video: «Das ist ein Produkt – da find ich: boah!»

Der Alarm befindet sich im aufklappbaren Bund der Unterhose; wenn heftig daran gezogen wird, ertönt ein schrilles Geräusch. Zieht man den Slip einfach «normal» hoch und runter, passiert nichts. Die Gefahrensituation, vor der es die Frau zu schützen gilt, definiert sich also ausschliesslich als gewaltsames Zerren am Unterhosenbund.

Ohne die jugendliche Innovationsfreude dämpfen zu wollen, hätte ich Frau Schwelling ja zu einer vertiefenden Unterrichtseinheit geraten, am besten gleich an der ganzen Schule, um das, was da verhindert werden soll, genauer einzuordnen: zum Beispiel, dass die grosse Mehrzahl von Vergewaltigungen im privaten Umfeld stattfindet; dass sexuelle Übergriffe nicht erst dort beginnen, wo ein nächtlicher Unhold am Slipbündchen reisst; und dass sexuelle Kriminalität gegen Frauen viel mit gesellschaftlichen Vorstellungen von viriler Potenz zu tun hat.

Eine andere Alarmhose wurde übrigens schon 2017 erfunden: Sie funktioniert mit Zahlenschloss und trägt den wichtigen Hinweis: «Dieses Produkt garantiert keinen 100%igen Schutz vor Vergewaltigung!» Eine Webnutzerin kommentierte, sie könne sich keine Zahlen merken, da jogge sie lieber mit entsicherter Flinte.

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