Nr. 22/2021 vom 03.06.2021

Die selbstlos Eigensinnige

Von Brigitte Matern

«Aber die ist ja verrückt!», soll Charles de Gaulle, Chef der französischen Exilregierung in London, ausgerufen haben: Den Vorschlag der Philosophin, eine Formation Krankenschwestern direkt an der Front einzusetzen, hielt er für absurd. Auch ihre Bitte, für eine Sabotageaktion gegen die deutsche Besatzung in Frankreich eingeteilt zu werden, wurde abgelehnt. Dass sie manuell ungeschickt war und sehr schlecht sah, empfand sie selbst aber nicht als Hindernis. Die sich da selbstlos in den Kampf gegen Unterdrückung stürzen wollte, war 1909 in Paris zur Welt gekommen. Der Vater, ein Internist, neigte dem Anarchismus zu, die Mutter fühlte sich der Nächstenliebe verpflichtet. Auch die Tochter – sie litt zeitlebens unter einer schwachen Gesundheit und heftigem Dauerkopfschmerz – engagierte sich früh für die Unterprivilegierten, sammelte Spenden, wurde Mitglied einer «Gruppe für soziale Bildung» und der Liga für Menschenrechte.

Als sie 1931 in der Provinz ihre erste Stelle als Philosophielehrerin antrat, galt sie bald als «rote Jungfrau». Sie sass im Vorstand der Grundschullehrergewerkschaft, hielt Bildungskurse für Arbeiterinnen ab und marschierte in vorderster Reihe mit, als die Arbeitslosen auf die Strasse gingen. Von KommunistInnen hingegen hielt sie wenig, die Oktoberrevolution bewertete sie als Revolution der Funktionäre, die Sowjetunion als oppressiven Staat. Viel mehr interessierte sie die Arbeitswelt. Um den Gründen für soziale Unterdrückung auf die Spur zu kommen, liess sie sich 1934 – inzwischen Verfasserin viel gelesener politisch-philosophischer Schriften – vom Schuldienst beurlauben. Sie wollte am eigenen Leib erfahren, was Fabrikarbeit aus dem Menschen machte. An eine Revolution der Werktätigen glaubte sie daraufhin nicht mehr. Nach einem kurzen Einsatz in der Kolonne Durruti 1936 im Bürgerkriegsspanien und einer langen Flucht vor der deutschen Wehrmacht gelangte sie 1942 schliesslich nach England, wo sie auf einen Auftrag der Résistance hoffte. Die Exilregierung gewährte ihr jedoch nur einen Bürojob. 1943 starb sie, nicht mehr willens oder fähig zu essen, mit nur 34 Jahren.

Wer war die eigensinnige Gottsuchende, deren Herz, so Simone de Beauvoir, «imstande war, für den ganzen Erdkreis zu schlagen», und in der Heinrich Böll «eine zweite Rosa Luxemburg» ahnte?

Wir fragten nach der französischen Philosophin, Gewerkschafterin und Mystikerin Simone Weil (1909–1943). In ihren letzten Jahren setzte sie sich intensiv mit dem Katholizismus und dem universalen Gottesbild auseinander. Für sie war Gott Liebe und der Weg zu ihm völlige Selbstlosigkeit. Heinrich Böll sagte über sie: «Ich möchte über sie schreiben, ihrer Stimme Stimme geben, aber ich weiss: Ich schaffe es nicht, ich bin ihr nicht gewachsen, intellektuell nicht, moralisch nicht, religiös nicht. Was sie geschrieben hat, ist weit mehr als ‹Literatur›, wie sie gelebt hat, weit mehr als ‹Existenz›. Ich habe Angst vor ihrer Strenge, ihrer sphärischen Intelligenz und Sensibilität, Angst vor den Konsequenzen, die sie mir auferlegen würde, wenn ich ihr wirklich nahe käme.»

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