Nr. 42/2021 vom 21.10.2021

Das aufklärerische Naturkind

Von Brigitte Matern

Es war nicht nur eine Frage der Sittlichkeit – die Zukunft der Schweiz stand auf dem Spiel: Ein «Volk, das seinen Bestand nicht mehr durch eigenen Nachwuchs sicherzustellen vermag», so Bundesrat Philipp Etter 1940, beginne, «an seiner Unsterblichkeit zu zweifeln». Kurze Zeit später erging an die kantonalen Gesundheitsbehörden die Empfehlung, keine öffentlichen Vorträge über Geburtenregelung mehr zu genehmigen. Für die Vierzigjährige war das nichts Neues. Einige Jahre zuvor schon hatte man ihr in den Kantonen Glarus und Solothurn Redeverbot erteilt: «Wir haben es nicht nötig, uns Aufklärung zu verschaffen von einer aus Russland dahergelaufenen Frau», empörte sich der Solothurner Regierungsrat Otto Stampfli.

Die Dahergelaufene – ein «frohes Naturkind» mit «zwei Doktorhüten auf seinem Lockenkopf», das «weder durch göttliche noch gottlose Religiosität verunziert war» (wie ihr Ehemann später frohlockte) – kam 1880 im zaristischen Pinsk zur Welt. Die Tochter eines jüdischen Privatgelehrten war intelligent, gebildet und sprachbegabt. 1902 zog sie nach Bern, studierte Philosophie, promovierte und setzte noch ein Medizinstudium obendrauf.

Dann begegnete sie einem Zürcher Anarchisten, heiratete ihn und betrieb mit ihm in einem Arbeiter:innenquartier eine Arztpraxis, wo sie das Elend und die Nöte der Frauen kennenlernte – und sich in einen langen Kampf warf: für kostenlose Aufklärung und Verhütungsmittel, gegen die verheerende Sexualmoral und das noch verheerendere Abtreibungsverbot. Sie schrieb für die kommunistische Frauenzeitschrift «Der Weg der Frau» (ohne Parteimitglied zu sein), hielt Vorträge in Quartieren und auf Kongressen, engagierte sich national im «Aktionskomitee für Geburtenregelung und Sexualberatung», international im Netzwerk der Sexualreformer:innen, warb für Mutterschaftsurlaub und Stillpausen in Betrieben und für ein erfülltes Liebesleben der Frau.

1942 wurde das Abtreibungsverbot im neu verfassten Schweizer Strafgesetzbuch fortgeschrieben, die Hoffnung auf eine freiheitliche Sowjetunion hatte sich längst zerschlagen. Dann starb unerwartet ihr Mann. Sie betrieb die Praxis noch eine Weile weiter, zog dann als Aufbauhelferin in einen israelischen Kibbuz und kehrte hochbetagt in die Schweiz zurück.

Wer war die 1967 verstorbene Sozialreformerin und scharfe Kritikerin der traditionellen Ehe, nach der in Zürich ein halber Platz benannt ist?

Wir fragten nach der Schweizer Ärztin und Sexualreformerin Paulette Brupbacher-Raygrodski (1880–1967). Ihr Mann war der Zürcher Freigeist, Arzt und Schriftsteller Fritz Brupbacher. Paulette Brupbacher-Raygrodski verfasste etliche Schriften zum Thema Geburtenregelung und Hygiene, unter anderem auch einen Beitrag für die «Schweizerische Rundschau für Medizin» über den ab 1921 straffreien (und 1936 wieder verbotenen) «Abort in Russland». Als Autobiografie zu lesen ist das 1953 veröffentlichte Buch «Meine Patientinnen» über ihre Erfahrungen als Ärztin im Zürcher Arbeiter:innenquartier Aussersihl. In Zürich Wiedikon wurde 2009 der Brupbacherplatz eingeweiht, dessen eine Hälfte Paulette Brupbacher-Raygrodski gewidmet ist, die andere ihrem Mann Fritz.

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