Nr. 05/2022 vom 03.02.2022

Sei wie Familie Iseli!

Von Karin HoffstenMail an Autor:in

Irgendeine Moral haben wir ja alle. Und jene, die überzeugt sind, keine zu haben, haben ihre Amoral zum sittlichen Leitbild erklärt. Doch in politisch rechtsgerichteten Kreisen scheint man der Auffassung zu sein, die Linke habe «die Moral» für sich gepachtet, um sie der Rechten pausenlos hämisch aufs Butterbrot zu schmieren.

In den letzten Tagen äusserten sich gleich zwei Autoren zum Thema; der eine unter dem Titel «Warum Linke weniger moralisieren sollten» im «Magazin», der andere in der NZZ: «Die linken Moralapostel schiessen in der Zürcher Kunsthaus-Kontroverse übers Ziel hinaus.»

«Moralisieren», sagt das Wiktionary, bedeute einerseits «über Werte und Grundsätze der Gesellschaft sprechen oder nachdenken», andererseits «übertrieben eindrücklich auf moralisch korrektes Verhalten hinweisen». Oben genannte Artikel meinen Letzteres. Doch was erbost die beiden so?

Im «Magazin» gehts um eine ökologisch angemessene Lebensweise, die eine Familie Iseli aus dem Gürbetal ganz «entspannt» praktiziere. Weil der Autor sonst nur Menschen zu begegnen scheint, die ihm seine Umweltsünden unter die Nase reiben, stellt er die These auf: Weil viele Linke und Grüne ihren eigenen Lebensentwurf höher bewerteten, funktioniere «das Stadt-Land-Bashing einer SVP».

Der NZZ-Autor klagt: Die Bührle-Ausstellung sei zwar längst hinreichend dokumentiert, doch weil Emil Bührle nun mal ein «unkaputtbares Feindbild der Linken» sei, empfehle es sich vielleicht, die «Bührle-Werke» künftig statt «wie heute als unverrückbare, starre Einheit […] mit anderen Exponaten zu mischen». Als Camouflage sozusagen.

In beiden Fällen scheint man ganz tief drinnen zu befürchten, im Vergleich zur moralinsauren Linken doch sündig zu sein, weshalb man sich gegen die penetranten Gutmenschen einfach wehren muss.

Tja – vermutlich haben sie ja sogar recht. Ich zum Beispiel bewerte meinen Lebensentwurf tatsächlich höher als den von Personen, die es richtig finden, Schweizer Waffen zu exportieren und Flüchtende abzuweisen. Für alles andere fehlt mir hier leider der Platz.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch