Diesseits von Gut und Böse : Die unverdeckte Macht

Nr.  31 –

«Nahezu ehrverletzend» sei es, schrieb Cécile Bühlmann der «NZZ am Sonntag» («NZZaS») in einem Leserinnenbrief, «die Klimaseniorinnen quasi als unbedarfte, instrumentalisierte Alte» darzustellen – und das formulierte die einstige grüne Nationalrätin und frühere Präsidentin von Greenpeace noch zurückhaltend. Der Verein der Klimaseniorinnen reichte vor sechs Jahren eine Klage gegen den Schweizer Staat wegen mangelnder Massnahmen gegen die Klimaerhitzung ein. Die Klage wurde durch mehrere Instanzen abgelehnt und ist jetzt vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte angekommen.

Nun wähnte sich die «NZZaS» kürzlich einer heissen Sache auf der Spur. Unter dem Titel «Wie Greenpeace eine Grosi-Truppe erschuf, um die Schweiz zu verklagen» deckte die Zeitung auf, was sowieso alle wissen, die sich mit dem Thema beschäftigen: dass Greenpeace die Klimaseniorinnen organisatorisch und finanziell unterstützt.

Im dazugehörigen Editorial über «Die verdeckte Macht von Greenpeace» fragte Chefredaktor Jonas Projer raunend: «Darf ein Erdölverband die Öffentlichkeit in die Irre führen? Nein. Darf es Greenpeace?» Dabei bediente er sich der verbreiteten «Ich frage ja nur!»-Methode, die gerne angewandt wird, um etwas ins Zwielicht zu rücken, in diesem Fall Greenpeace: Die «NZZaS» berichte, «was Greenpeace lieber verschweigen würde», schrieb Projer.

Wegen der unterstellten Intransparenz bat die Umweltorganisation in einem Mail um angemessenen Platz für eine Replik. Diese schliesse man grundsätzlich aus, antwortete Projer, sonst werde kritischer Journalismus erheblich erschwert; auch könne man Greenpeace kein Gefäss für einen Gastkommentar zur Verfügung stellen, und für eine Gegendarstellung sehe man keinen Anlass. Der ineffiziente Mailverkehr endete mit Projers Hinweis, ein Austausch bei einem Mittagessen würde ihn freuen, wenn Greenpeace daran interessiert sei.

Dass kritischer Journalismus bei der «NZZaS» jetzt am Mittagstisch passiert statt in der Zeitung, spricht nicht für ihre Chefredaktion.