Diesseits von Gut und Böse: Die Super­demokraten

Nr. 9 –

Dass Autokraten grössten Wert darauf legen, das Prozedere, mit dem sie alle paar Jahre ihre Herrschaft sichern, «Wahlen» zu nennen, ist bekannt. So glauben sie, ihr Regime – zumindest dem Namen nach – in den Reigen der mehr oder weniger demokratisch legitimierten Staatsgebilde einzureihen.

Dabei ist der ganze Aufwand völlig unnötig. Statt sogenannte Parlamentswahlen durchführen zu lassen, könnten sich die Machthaber in Russland, dem Iran oder Belarus doch in einem schlichten Festakt gleich selbst für weitere vier Jahre oder grad lebenslänglich zum Führer küren. Es käme billiger. Dass in Diktaturen frei und fair gewählt würde, glaubt ihnen ja sowieso niemand – weder im jeweiligen Land selbst noch sonst wo.

Niemand? Nein! Ein paar Unbeugsame leisten sämtlichen Einschätzungen von Menschenrechtsorganisationen oder der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) Widerstand. Zum Beispiel der Zuger SVP-Kantonsrat Patrik Kretz.

Dieser reiste kürzlich mit seinem Kumpel Wilhelm Wyss – man kennt sich vom SVP-nahen Verein «Jugend für Ehe und Familie» – nach Belarus: Die belarusische Botschaft in Bern hatte die zwei in den erlauchten Kreis handverlesener Wahlbeobachter nach Minsk eingeladen; ein AfD-Abgeordneter gehörte auch dazu.

Was sie beobachteten? Nur Gutes. «Nach allem, was wir heute gesehen haben, können wir sagen, dass alles gut organisiert ist», wird Patrik Kretz in belarusischen Medien zitiert: «Die Menschen gehen motiviert und gut gelaunt zur Wahl.» Auch sein Freund Wyss fand die Wahlen «frei und fair», das «Mass an Verantwortung für den Abstimmungsprozess» sei in seinen Augen in Belarus viel höher als in der Schweiz. Roger Köppel wäre sicher gern mitgefahren.

Woraus sich nun eigentlich die Faszination rechter Männer für Autokraten speist, ist mir trotz diverser psychosoziologischer Deutungsansätze ein Rätsel. Selbst mit frühkindlichem Liebesentzug lässt sich zwar eine Menge, aber nicht alles erklären.