Im Affekt: Eine Jugend in bester NS-Tradition

Nr. 22 –

Im Sylter Abendlicht sieht und hört man sie vor einem Club stehen und in glänzender Partylaune «Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!» grölen: Jung, schick, die Mädels blond, die Jungmänner im Freizeitlook mit Pulli über den Schultern, strahlen sie in die Kamera, zeigen Hitlerschnauz und -grüsse.

«Skandal!», kreischts jetzt empört aus allen Ecken: Wer ist das, und wie kommen die dazu? Das erinnert an die verbreitete Lesart der jüngeren deutschen Geschichte, laut der eine Horde brauner Aliens das deutsche Volk 1933 in Geiselhaft nahm und 1945 spurlos wieder verschwand. Gemäss Umfragen soll nämlich eine grosse Mehrheit der Deutschen überzeugt sein, die eigenen Eltern und Grosseltern hätten in der NS-Zeit nicht zu den Täter:innen gehört oder seien gar im Widerstand gewesen. Dass man sich letztes Jahr darauf einigte, das faschistische Flugblatt aus Hubert Aiwangers Schultasche als «Jugendsünde» zu betrachten, dürfte das saubere Selbstbild noch gestärkt haben. Und den grassierenden Antisemitismus haben sowieso die Migrant:innen eingeschleppt.

Am meisten scheint zu schockieren, dass da eine gut situierte Jeunesse dorée herumgrölt und nicht eine Gruppe jener Randschichten, in denen man AfD-Wählende hauptsächlich vermutet: arm, ungebildet, arbeitslos. Dabei sollte sich inzwischen herumgesprochen haben, dass Rassismus und Antisemitismus aus der deutschen Gesellschaft nie verschwunden waren, nur zeigen sie sich wieder offener.

Den «Sylt-Schnöseln» («Bild») drohen nun fristlose Entlassungen und Strafanzeigen. Und der Partysong «L’Amour toujours», auf dessen Melodie gegrölt wurde, soll verboten werden. Die Gedanken werden bleiben. Wie auch in der Schweiz, wo die Parteileitung der Jungen SVP zu Beginn des Wahlkampfs von «Krieg um unsere Kultur und einer Schlacht um die Seele unseres Landes» schwadronierte. Pathetisch deklamiert statt besoffen gegrölt, wirkt es eigentlich noch bedrohlicher.

Es spricht nicht für den Scharfblick der Soziologin Katja Rost, dass sie das Sylt-Gegröle in «20 Minuten» mit der «gescheiterten Asylpolitik» erklärte.