Ein Traum der Welt: Rumoren an der Limmat

Nr. 50 –

Annette Hug verirrt sich im Römischen Reich

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Was «maghalikwat» heisst, wussten selbst andere Filipinas nicht. Doris, die den Dialekt von Batangas spricht, stellte das Wort in Gesten dar. Als würde sie in der Luft schwimmen. «Wühlen» hiess das vielleicht – aus einer vollgefüllten Kiste ausgraben, darin eintauchen, alles rausreissen und von sich werfen. Da waren wir schon beim Apéro des Kick-off von «Rumble in the Archive».

Noch ein Jahr wird es rumpeln im Zürcher Museum, das sich zur Selbst- und Fremdbefragung ein Fragezeichen in den Namen gesetzt hat: «Völkerkunde?museum». Für eine eigentliche Besprechung ist es zu früh. Ausserdem hat mich der Anlass gleich weggekickt in die Antike. Der Zürcher Architekt Salim Umar lässt in seinem Beitrag einen «stranger» sprechen, der ist «Schwarz, flüchtig, nicht assimilierbar». So seien auch seine Projekte, sagt Umar. Er entwirft ein Zunfthaus «Zum Schiff», mitten in der Limmat, gleich beim Hügel, wo die Stadtheiligen Felix, Regula und Exuperantius nach der Enthauptung ihre Köpfe niederlegten. Sie sind als Hohlformen dargestellt, schauen weg aus der Figur. Woher sind sie gekommen? Aus Theben. Das haben wir in der Primarschule gelernt. Was aber unklar blieb: Das war nicht das siebentorige Theben in Griechenland, sondern das hunderttorige am oberen Nil, in Ägypten. (Heute Luxor.) Die thebäische Legion wurde angeführt von Mauritius. Seine Statue im heutigen Saint-Maurice (Wallis) zeigt: Maurice war Afrikaner. Schwarz. Felix und Regula?

In der Primarschule lernten wir, dass die Helvetier:innen von hier wegwollten. Das war verständlich. Der Anführer Orgetorix wollte zu seinem Copin Asterix an die Atlantikküste. «Der Bordeaux schmeckt einfach besser», sagte mein Vater. Dann stellte sich Julius Cäsar quer und blockierte das Rhonetal bei Genf. Nach Irrwanderungen über den Jura wurden die Auswandernden bei Bibracte geschlagen. Cäsars Bericht ist zu entnehmen, dass das im Jahr 58 v. Chr. geschehen sein muss. Heute ist Bibracte ein Freilichtmuseum im Morvan, Berggebiet des Burgunds. Das Oppidum auf der Bergkuppe war ein Zentrum der Metallverarbeitung und des Handels.

Vor rund zwanzig Jahren hatte ich dort einen mittleren Schock. In einer Wechselausstellung war zu lesen, dass die Römer zur Zeit der Gallischen Kriege definitiv von Schuldknechtschaft auf Versklavung von Kriegsgefangenen umstellten. Die Kelt:innen versklavten ebenfalls Leute und verkauften sie. Was hatten wir in der Schule gelernt? Cäsar zwang die Helvetier:innen, in die Siedlungen zurückzukehren, die sie vor der Auswanderung abgebrannt hatten. Zum Beispiel auf den Lindenhof im heutigen Zürich. Das «Historische Lexikon der Schweiz» gibt Cäsars Zahlen wieder: 368 000 seien ausgezogen, 110 000 zurückgekehrt. Beim Besuch in Bibracte wird plötzlich klar, dass längst nicht alle umkamen oder zurückkehrten, viele werden nach der Niederlage auf Galeeren des Mittelmeers, in Steinbrüchen und Manufakturen gearbeitet haben. Vielleicht in Ägypten.

Man müsse die gängige Vorstellung vom Römischen Reich verändern, sagte Salim Umar am Kick-off. Weite Teile davon waren afrikanisch. Der Nil und die Limmat, Euphrat, Donau und Rhone waren verbunden. Im Fragezeichenmuseum findet das Rumpeln in einem einzigen Raum Ausdruck. Der weitet sich jedoch zum Amazonas, zum Pasig in Manila. Die Stadt Zürich bleibt nicht dieselbe.

Annette Hug ist Autorin in Zürich. «Rumble in the Archive. Interventionen zum postkolonialen Zürich» läuft noch bis Herbst 2026. Die Umrisse von Salim Umars Zunfthaus «Zum Schiff» sind auch auf strangerinthecity.ch zu erahnen.