Film: Kleine Gesten stossen ganze Welten auf

Nr. 50 –

Es brodelt in der Villa der Versehrten: Mit seiner Tragikomödie «Sentimental Value» hat Joachim Trier in Cannes den Grossen Preis der Jury gewonnen.

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Filmstill aus «Sentimental Value»: Stellan Skarsgård und Elle Fanning
Alles führt zur grossen Zerreissprobe: Der Filmregisseur (Stellan Skarsgård) formt seinen Star (Elle Fanning) zunehmend zum Abbild seiner Tochter. Foto: Kasper Tuxen

Ein Märchen ist «Sentimental Value» nicht, auch wenn man in den ersten Minuten diesen Eindruck gewinnen könnte. Da stellt eine Chronistin aus dem Off die wunderschöne, über Generationen belebte, im norwegischen Drachenstil errichtete Holzvilla der Familie Borg vor. In kurzen Abrissen von Jahren rennen Kinder durch die hellen Flure, es wird gelacht und geweint, gelebt und gestorben – jemand hat sich hier, das erfahren wir erst später, erhängt.

Mit Minute eins brennt Joachim Trier die Villa als zentralen Schauplatz und eigenständige Protagonistin einer vielschichtigen Tragikomödie auf die Leinwand. Nach dem Tod der Mutter müssen sich die erfolgreiche Theaterschauspielerin Nora (Renate Reinsve) und ihre jüngere Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) mit ihrem Vater Gustav (Stellan Skarsgård) auseinandersetzen. Dieser, ein einst gefeierter Filmregisseur, sucht nach der Beerdigung und nach Jahren der Entfremdung wieder den Kontakt zu den Töchtern und pocht darauf, dass die Villa, rechtlich gesehen, ihm gehört.

Agnes lebt glücklich mit Mann und Sohn und scheint dem Vater gegenüber milder gestimmt; ihre psychisch vulnerable ältere Schwester hingegen hat ihm nie verziehen, dass er die Familie verlassen hat. So ist Nora auch alles andere als begeistert, als Gustav ihr ein Drehbuch in die Hand drückt mit dem Wunsch, mit ihr in der Hauptrolle in der alten Villa zu drehen. Es sei das Beste, das er je geschrieben habe, erklärt der Regisseur seiner Tochter. Als diese ausschlägt, besetzt Gustav die Rolle mit dem Hollywoodstar Rachel Kemp (Elle Fanning), nachdem sie sich auf einem Festival kennengelernt haben. Während Rachel sich die Figur erarbeitet, scheint sie immer mehr eine Version Noras zu werden.

Echos von Bergman

Wie gerne bei Joachim Trier durchdringen und spiegeln sich Kunst und Realität, hier vor allem Filmhandlung und Entstehung des Films im Film. Der norwegische Regisseur wurde des Öfteren schon mit Ingmar Bergman verglichen, und auch bei «Sentimental Value» zeigt sich, dass diese Bezüge nicht von ungefähr kommen. Sachte und unaufdringlich, in teils langen Einstellungen zeigt Trier, wie schon in «Louder than Bombs» (2015), eine Familie vor der Zerreissprobe.

Bekannt geworden ist Trier mit seiner Oslo-Trilogie, in der er ein Panoptikum des späten Erwachsenwerdens entwarf. Sein experimentelles, die Nouvelle Vague atmendes Debüt «Reprise» (2006) erzählte von zwei Zwanzigjährigen mit literarischen Ambitionen, von denen einer in einer psychiatrischen Klinik landet. «Oslo, August 31» (2011) nahm den Faden auf und folgte einen Tag lang einem frisch aus der Klinik entlassenen Exjunkie mit Suizidwunsch. Den Abschluss bildete dann «The Worst Person in the World» (2021) mit Renate Reinsve als Frau, die an der Schallmauer zum 30. Geburtstag nicht stillstehen kann und will.

Wie fast alle seine Filme spielt auch «Sentimental Value» wieder in Oslo, der Stadt, in der Joachim Trier, 1974 in Kopenhagen geboren, aufgewachsen ist. Allerdings durchmisst er die Metropole diesmal nicht, der neue Film, erneut mit seinem langjährigen Drehbuchpartner Eskil Vogt geschrieben, ist kammerspielartiger angelegt. Und während Trier in der Oslo-Trilogie die Ängste und Befindlichkeiten einer Generation einfing, zieht er in «Sentimental Value» den personellen Fokus breiter und porträtiert eine Familie im leise brodelnden Ausnahmezustand.

Bewundernswert, wie es ihm dabei gelingt, dass sich Trauer, Melancholie und Leichtigkeit die Waage halten. Fast alle seine Filme sind bevölkert von süchtigen und depressiven, wenn nicht suizidalen Personen. In «Sentimental Value» werden Selbstmordgedanken einer Figur in einer kurzen Szene angedeutet, und der von Skarsgård gespielte Regisseur greift in seinem neuen Film den Suizid auf, den seine eigene Mutter in der Villa begangen hat.

Kunst oder Kollaps

«Sentimental Value» ist eine komplexe filmische Elegie über familiäre Traumata – seelische Wunden, gerissen vom egoistischen Patriarchen im Selbstläuterungsmodus, der seinerseits ein Trauma künstlerisch verarbeitet. Es wird viel gesprochen und gestritten, wie oft bei Trier, aber zugleich zeigt sich der Regisseur hier einmal mehr meisterhaft darin, mit kleinen Gesten und Blicken ganze Welten aufzustossen. So scheint die Historikerin Agnes ihrem Vater vor allem künstlerisch nahegekommen zu sein, als der sie als Siebenjährige für seinen bekanntesten Film, ein Kriegsdrama, besetzt hat. Davon erzählt das Close-up auf ihr Gesicht am Ende einer Szene aus dem Film, der im Rahmen einer Retrospektive zu Gustavs Ehren gezeigt wird.

Zwischen Sonnenlicht und Schatten, zwischen Spuren aus der Vergangenheit und der Gegenwart tänzelt «Sentimental Value» durch die verwinkelte, geschichtsbeladene Villa. Die beiden Schwestern und ihr Vater sind auf je eigene Art Versehrte, und sie arbeiten sich aneinander ab. Mit seinem grossartig aufgelegten Ensemble entwirft Trier eine schmerzhaft schöne zwischenmenschliche Choreografie. «Schlag mich!», brüllt Nora einen Kollegen vor der Premiere einer Inszenierung von Tschechows «Möwe» an, als sie nahe am Nervenzusammenbruch ist. Davon, dass auch Kunst vor dem Kollaps retten kann, erzählt «Sentimental Value», angenehm undramatisch und leise, aber doch mit explosiver Nachwirkung.

«Sentimental Value». Regie: Joachim Trier. Norwegen 2025. Jetzt im Kino.