Wichtig zu wissen: Kommentar überflüssig

Nr. 50 –

Ruedi Widmer über Fleissige, Eifrige und Unternehmer

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Wenn Cédric Wermuth Zeitungsinterviews gibt oder auf Facebook etwas schreibt, dann sind die Beschimpfungen nicht weit. Einer der populärsten Sprüche ist – wie schon seit Jahrzehnten –, der habe ja noch nie gearbeitet. Öffnet man das Profil solcher User:innen, sind es oft Leute, die bestimmt einen kürzeren Tag als ein Parteipräsident haben.

Es liegt Leuten meines Schlags eher fern, jemandem zu sagen, er habe ja noch nie etwas studiert.

Oft liest man auch gegenüber anderen User:innen: «Und was hast du so geleistet?»

Aber die bei der Kommentargemeinde wichtigste Qualifikation, um einen Leser:innenkommentar abzugeben, ist, ob jemand Arbeitsplätze schafft. Dazu muss man zwei wichtige Dinge sagen: 1. Leute, die Arbeitsplätze schaffen, schreiben nicht im Internet Leser:innenkommentare. 2. Wenn jede Demokratin Arbeitsplätze schaffen müsste, gäbe es niemanden mehr, der an diesen arbeitet. Oder Kinder unterrichtet. Oder den Stadtpark aufräumt.

Diese einfältigen Sätze rutschen einfach heraus. Denn meist sind die Schreibenden selber Leute, die keine Arbeitsplätze schaffen. Solche Sprüche haben in vielen Talschaften eine jahrhundertealte Tradition, und Bräuche müssen gepflegt werden wie Stadtpärke. Sie werden jedes Jahr aus dem Keller geholt, wieder geputzt und poliert.

Meine Gegenfrage käme dann auch wie aus der Pistole geschossen: «In einer Demokratie hat jeder Bürger ein Stimmrecht. Findest du das nicht gut?» Das ist ein richtiger Städterspruch. Auch der wird kultiviert. Dieser Spruch fährt jeden Tag mit dem Polybähnli zur Uni Zürich hinauf und fühlt sich moralisch richtig. Jahrzehntelang wurde er von allen Unternehmen gesponsert, auch von Firmen wie Apple oder Tesla. Doch nun sind viele davon abgesprungen, weil die anderen abgesprungen sind.

Leute, die eine europäische Verteidigung gegen Russland erwägen, hören gerne ein «Und wann gehst du an die Front? Natürlich sitzt du lieber in der warmen Stube». Oder Leuten, die finden, man solle Geflüchteten Schutz gewähren, versetzt man ein «Ja, du stellst natürlich deine warme Stube zur Verfügung».

Aber zurück zu den Arbeitsplätzen. Da sind wir nämlich bei Fredy Gantner von der Partners Group. Eine Firma, die inzwischen alle kennen, aber niemand weiss, was die so machen (ich will aber nicht sagen, dass man dort nicht arbeitet). Gantner ist bereits so etwas wie Roger Federer. Ein «Sibesiech». Er ist enorm selbstbewusst, er macht, was er für richtig hält, und er zeigt gern, was er wichtig findet.

Unternehmer gelten jetzt als patriotische Macher, die sich nicht um politische oder juristische Details scheren: Peter Spuhler, Donald Trump, Thomas Matter, Peter Thiel, Dieter Bohlen, Elon Musk. Ob sie wirklich Arbeitsplätze schaffen oder Tausende abbauen, ob sie Monopole schaffen und Mitbewerber:innen verhindern, spielt keine Rolle. Sie zeigen sich fleissig. Sie nehmen es sich.

Gantner vermittelt den Eindruck, gar nicht in die Politik gewählt werden zu müssen, weil er eh gewählt würde. Eine solche Stimmung begünstigt die Erosion der Demokratie, und sie ist offenbar erfolgreich. Doch reicht Unternehmertum aus, um Politiker zu sein?

Gantner hat ja noch nie gekifft in seinem Leben. Überhaupt haben diese Leute ganz wichtige Dinge noch nie getan. Sie sind auch nie anzutreffen, wenn irgendwo Hand angelegt werden muss: Festbänke wegräumen, kochen, wischen, WC putzen. Strassen bauen. Pakete ausliefern. Alte Menschen pflegen. Ihre Grossmutter nicht verkaufen. «Das machen wir dann schon, aber erst nach Annahme der 10-Millionen-Initiative», höre ich ihre Fans sagen, die vor dem Internet hocken und von den anderen verlangen, Arbeitsplätze zu schaffen. Und nur darauf warten, bis die schlecht bezahlten Stellen endlich für sie frei werden, wenn die Ausländer:innen mal weg sind.

Ruedi Widmer ist Cartoon- und Witzunternehmer in Winterthur.