Diesseits von Gut und Böse: «Hicks!»

Nr. 5 –

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Vielleicht ist ja alles, was man in den letzten Jahren so aus dem Kanton Waadt hört, gar nicht so verwunderlich: unerklärliche Steuerrabatte für Reiche, die Regierungsdauerkrise um eine zugezogene Staatsrätin oder wegen Rassismus suspendierte Polizeibeamte.

Möglicherweise hat es mit der «wichtigen gesellschaftlichen Funktion und identitätsstiftenden Bedeutung» (Tamedia) jenes Produkts zu tun, das im Kanton besonders grosszügig angebaut wird und das offenbar auch bei der Gesetzgebung eine Rolle spielt: der Weisswein.

Im Waadtländer Parlamentsgebäude – vor knapp zehn Jahren erbaut, weil das alte einem Grossbrand zum Opfer gefallen war – lädt «eine Buvette mit angrenzendem Garten zu informellen Treffen ein», heisst es im «Espazium Magazin». Wer sich also schon am Vormittag beim anstrengenden Geschäft des Erlassens und Diskutierens erfrischen möchte, sucht diese auf, um einen köstlichen Chasselas zu geniessen – oder zwei oder drei. Das steigert den Einfalls- und Ideenreichtum, den man zur Formulierung trockener Paragrafenwerke benötigt.

Wie diverse Medien berichten, erdreistet sich nun der junge grüne Grossrat Oleg Gafner, im Parlament eine Promillegrenze von 0,5 einführen zu wollen – die Empörung bürgerlicher Politiker (Politikerinnen werden nirgends zitiert) ist gross, schliesslich betreiben viele unter ihnen selbst Weinbau, wie ja auch unser aktueller Bundespräsident.

Gafner sieht sich nicht als Spassbremse. Auch er nehme gern einen Apéro, sagte er dem «Tages-Anzeiger», aber nur nach der Arbeit: «Wenn Abgeordnete über Gesetze abstimmen, die sie nicht mehr korrekt beurteilen können, ist das demokratiepolitisch höchst fragwürdig.» Auch von linken Parlamentarier:innen hört man laut «Watson», man sehe immer wieder Volksvertreter, die «nicht mehr unter vollständiger Kontrolle ihres Verhaltens» seien.

Aber mal im Ernst: Gesetzgebung gilt als Arbeit und wird bezahlt. In welchem Beruf ist es üblich, schon vormittags um halb elf Alkohol zu trinken? Selbst auf dem Bau wurde die früher übliche Kiste Bier abgeschafft. Wer ehrlich mit sich selbst und ohne alkoholischen Dauerpegel ist, weiss, dass sich schon nach einem Dezi die Wahrnehmung es birebitzeli ändert. Santé, messieurs dames!