Film : Geflüsterter Gesang
«Wenn Menschen erklären, was in der Natur passiert, musst du vorsichtig sein», sagt der Naturforscher, Ökologe, Fotograf Michel Munier. Statt um Mathematik und Kalkulation gehe es nämlich, so der Vater des Regisseurs von «Le chant des forêts», um Wildnis. Drei Generationen von Männern unterhalten sich bei Kerzenschein in einer Waldhütte. Aus den Worten, die hier an Simon, den Enkel, gerichtet sind, lässt sich eine Absichtserklärung des Films heraushören: sich von all jenen Naturfilmen abzugrenzen, die vor lauter beeindruckendem Wissen über das Gesehene manchmal vergessen, dass sich manch erstaunliche Einsicht mittels Sprache und Fakten nur schwer gewinnen lässt.
Zuletzt sah man den – gemäss Titel eines TV-Porträts über ihn – «ewig erstaunten» Vincent Munier noch zusammen mit dem Schriftsteller Sylvain Tesson auf der Suche nach dem Schneeleoparden im Himalaja. Mit «Le chant des forêts» nun zeigt der begnadete Schöpfer überwältigender, aber nie kitschiger Naturaufnahmen, dass sich das Erhabene buchstäblich vor der eigenen Haustür finden lässt: in den weitläufigen Wäldern der Vogesen etwa, denen Munier über die Jahre zahlreiche entrückte Aufnahmen von Hirschen, Füchsen, Sperlingskäuzen und Luchsen abgetrotzt hat – und sogar solche vom mittlerweile mythisch gewordenen Auerhahn, der für Muniers Vater einst am Anfang seines Interesses für die hiesige Wildnis stand. Seit der letzten Eiszeit auf dem Kontinent heimisch, ist der grösste Vogel Europas heute vom Aussterben bedroht.
Das Spannungsfeld zwischen den singenden Wäldern des Originaltitels und ihrem Flüstern in der deutschen Übersetzung verweist nicht zuletzt auf eine besondere Qualität des Films, die sich aus seiner Weigerung ergibt, alles erklären zu wollen. Um all die wild-leisen Geräusche, die Vincent Muniers vielschichtige und hochästhetische Bildkompositionen begleiten, als Musik zu begreifen, bedarf es einer Form von Achtsamkeit, die mit dem Verstehen von Fakten nur wenig zu tun hat.