Stop-Pillage-Kongress : Facetten des Widerstands
Junge Aktivist:innen stellten in Lausanne radikale Fragen über Imperialismus und Rohstoffabbau. Wurden auch Antworten gefunden?
Man könnte dem Rapper Rafael «Tufawon» Gonzales und der Gewerkschafterin Janette Corcelius noch lange zuhören. Am vergangenen Samstag erzählen sie auf einem Podium in Lausanne, wie sich Zehntausende Bewohner:innen der US-Stadt Minneapolis letztlich erfolgreich gegen die Invasion von 3000 Beamt:innen der Migrationsbehörde ICE wehrten. Die beiden wurden von der Konferenz Stop Pillage, was so viel wie «Schluss mit der Plünderung» heisst, eingeladen.
Stop Pillage ist eine Gegenkonferenz zum sogenannten Commodity Summit mehrerer Hundert Rohstoffhändler:innen und ihrer Financiers, die sich diese Woche im Lausanner Luxushotel Beau-Rivage treffen. Die Branche gehört neben der Finanzindustrie zu den umsatzstärksten Wirtschaftszweigen der Schweiz. Unternehmen wie Vitol, Mercuria oder Glencore machen mit dem Handel von Öl, Gas, Getreide oder Mineralien jährlich Milliardengewinne. Bei Krisen auf der Welt gehören sie meist zu den grossen Gewinnern, weil sie dank ihrem Marktwissen von den starken Preisschwankungen profitieren.
Doch über die Trader wird hier am Stop-Pillage-Gipfel «gegen Extraktivismus und Imperialismus» nur am Rande gesprochen. Die Rohstoffkonzerne stehen vielmehr stellvertretend für die systematische Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im Globalen Süden, die rassistische und unmenschliche Behandlung der Bevölkerung und die Ignoranz gegenüber den ökologischen Folgen. Das Kongressprogramm in Lausanne reicht von Technofaschismus über die Verschuldungsproblematik bis zum Kampf der Bäuerinnen und Bauern des Südens für Ernährungssouveränität.
Veganes Essen, brutale Tiger
Die Stop-Pillage-Konferenz findet im Kulturzentrum Pôle Sud statt, das im Herzen der Stadt liegt. Im Parterre sind ein Café und eine improvisierte Küche untergebracht. Die Ästhetik ist widerständig. Ein Wandbild zeigt einen Bauern mit Hut, mutmasslich aus Lateinamerika, umrahmt von zwei Tigern, die ihn zu beschützen scheinen und gefährlich ihre Zähne fletschen. Umrandet ist das Bild vom Schriftzug «Power to the pipl». Am Mittag gibt es veganes Essen, für das die insgesamt mehreren Hundert Kongressteilnehmer:innen geduldig anstehen.
Auf den ersten Blick scheinen Gonzales und Corcelius aus Minneapolis nur wenig mit Stop Pillage und deren Motto zu tun zu haben. Doch sie haben eine Erfahrung gemacht, die für die Aktivist:innen in Lausanne von grossem Wert ist: Sie haben mit Solidarität und Aufruhr eine Veränderung bewirkt. In Europa unterwegs sind sie, weil sie hiesige Banken und Pensionskassen davon abbringen wollen, in US-Unternehmen zu investieren, die die ICE aktiv unterstützen.
Besonders im Visier haben sie den US-Konzern Palantir. Das Unternehmen des rechtslibertären Peter Thiel hat ICE mit einer Datenanalysesoftware ausgestattet, die diese nun gegen die Migrant:innen einsetzt. Schweizer Banken und Versicherungen halten Aktien von Palantir im Wert von rund drei Milliarden Franken. Zu den grössten Anteilseignern zählen die Schweizerische Nationalbank und die UBS.
Der Stop-Pillage-Kongress kann also als eine Art Bestandesaufnahme des Imperialismus gelesen werden: eines umfassenden Systems der Machtausübung durch Staaten und Konzerne, das sich gegen Bevölkerungsteile sowohl in den Ländern des Nordens wie des Südens richtet. Der 32-jährige Azul, der nur so genannt werden will, und die 26-jährige Camille Delgrange gehören zum Kernteam der Kongressorganisation. Sie interessieren sich, sagen sie, vorab für die wirtschaftlichen Ausprägungen des Imperialismus. «Es geht uns um die Schweiz mit ihrem Finanzplatz und den multinationalen Konzernen und deren Verbindungen zu den Eliten hier», sagt Delgrange. Und Azul ergänzt: «Gegen den Imperialismus zu kämpfen, heisst, von hier aus zu kämpfen.»
Was bedeutet Solidarität?
Der Stop-Pillage-Kongress ist vor vier Jahren auch von vielen jungen Aktivist:innen neu lanciert worden, nachdem er wegen der Covid-Pandemie ein paar Jahre lang ausfiel. Azul gehört dem Kollektiv Jaguar an, einem Zusammenschluss von Migrant:innen aus Lateinamerika in der Schweiz, die sich für Menschenrechte, die Umwelt und gegen den Imperialismus einsetzen. Delgrange arbeitet beim Genfer Kollektiv Break Free mit, das sich gegen die Finanzindustrie engagiert, die mit ihren Investitionen die Klima- und Biodiversitätskrise befeuert und die Menschenrechte missachtet.
Am Sonntagmorgen wird über internationale Solidarität debattiert. Und damit auch über eine Aktualisierung des Antiimperialismus. Was heisst es, solidarisch zu sein, wenn die Streitkräfte der USA und Israels den Iran bombardieren? Der Genfer Juan Tortosa von der Westschweizer Bewegungspartei Solidarités warnt: «Die Feinde meiner Feinde sind nicht meine Freunde.» Man müsse Wege finden, mit der Bevölkerung solidarisch zu sein, ohne dabei der Regierung und dem Machtapparat des Iran zu helfen. Béa Whitaker von der trotzkistischen französischen Partei Nouveau Parti anticapitaliste beklagt, dass etwa in Lateinamerika viele Linke die russische Invasion in der Ukraine fälschlicherweise als imperialistischen Krieg zwischen der Nato und Russland begriffen. Dieser Deutung müsse man eine andere entgegensetzen.
Aber wie ist man mit der Bevölkerung denn nun solidarisch? Solche Fragen werden am Podium nur gestreift. Die Diskussionen bleiben schlagworthaft. Unter Solidarität werden internationale Organisationsbemühungen und Kampagnen verstanden, wie etwa die Mobilisierung gegen den G7-Gipfel in Evian, der im Juni stattfindet. Es fällt auf, dass etwa die vielfältigen Proteste der sogenannten Generation Z des letzten Jahres kaum erwähnt werden. Die oft blutig niedergeschlagenen Bewegungen in Bangladesch, Kenia, Madagaskar oder Nepal sind hier kein Thema. Doch das liegt laut Delgrange nicht am fehlenden Willen, sondern an den Kapazitäten und Kontakten.
Dass so viele Leute an den Kongress gekommen sind, liegt wohl auch an Lausanne als Stadt, die in den letzten Jahren durch vielfältige und breite Proteste geprägt wurde. So nahmen Ende März Tausende an einem «antifaschistischen Karneval» teil. Auch die Demos gegen den Genozid im Gazastreifen, wie das Vorgehen der israelischen Armee etwa vom Uno-Menschenrechtsrat taxiert wird, haben hier Tausende mobilisiert. Azul und Delgrange sagen, man spüre diesen Aufbruch auch am Kongress. Doch was folgt darauf?
Zu ambitioniertes Versprechen
Am Sonntagabend steht eine letzte Veranstaltung an, um all die Facetten des nötigen Widerstands zusammenzufügen. Angekündigt sind «Bilanz und Perspektiven antiimperialistischer Kämpfe in der Schweiz». Aber dieses Versprechen scheint dann doch zu ambitioniert. Die Diskussion fällt aus. Der Kongress hat zwar vielfältige Möglichkeiten geboten, Leute kennenzulernen und sich mit verschiedenen Themen auseinanderzusetzen, doch um das Verbindende der einzelnen Veranstaltungen herauszuarbeiten, fehlt dann der Raum.
Stattdessen sitzen rund vierzig Personen im Kreis und diskutieren, wie es mit Stop Pillage weitergeht. Es sei geplant, eine nationale Koordination zu gründen, sagt Camille Delgrange: «Der Röstigraben muss endlich überwunden werden.» Der Finanzplatz und die multinationalen Konzerne müssten stärker unter Druck gesetzt werden. Am Montag marschieren dann rund 200 Personen durch Lausannes Strassen, um gegen den Rohstoffgipfel im «Beau-Rivage» zu demonstrieren. ●