Das gute Leben : Rote Nelken und violette Disteln
Besuch bei den Toten
Am 9. Mai vor fünfzig Jahren starb Ulrike Meinhof, informiert mich der Verlag Edition Cimarron per Mail. Aus diesem Anlass erscheint ein neues Buch, das Briefe und Textentwürfe der einstigen Journalistin und anschliessenden RAF-Mitbegründerin aus dem Gefängnis in Stammheim versammelt. Ich bestelle «Knarre, Bewusstsein und Kollektiv».
Mich interessieren Meinhofs Gedanken – wenn auch nicht ganz so fanatisch, wie sie die deutsche Gerichtsmedizin interessierten. Das wäre ohnehin schwer zu übertreffen: Nach Meinhofs Tod untersuchte die Forensik ihr Gehirn 26 Jahre lang auf einen «Hirnschaden». Noch 2002 wurde es laut «Spiegel» in «mikroskopisch feine Scheiben zerschnitten», bis endlich ihre Töchter Mutters Gehirn – unter Aufsicht der Staatsanwaltschaft – kremieren lassen und in Berlin-Mariendorf beisetzen durften.
Als Tochter denke auch ich jeden Mai an den Tod. Im Mai vor zehn Jahren ist mein Vater gestorben. Das Datum hat sich damals in mein Herz gemeisselt, es steht in meinem Leben für Zäsur.
Mittlerweile habe ich eigene kleine Rituale für den Tag erfunden. Meine Playlist, die «Baba» heisst. Das Teelichtlämpchen, das eigentlich ihm gehört. Die Migros, die auf dem Weg zum Friedhof am besten liegt, um Blumensetzlinge zu kaufen. Es tut gut, in der Erde zu wühlen, lebendige Regenwürmer herauszufischen. Regnet es am Grab, fühle ich mich in meiner Trauer bestätigt. Lugen Sonnenstrahlen hervor, blinzle ich ihnen entgegen, als würden sie nur für mich scheinen.
In meinem Herzen trage ich meinen Vater immer bei mir. Trotzdem ist mir sein Grab, ein muslimisches (wie er es sich wünschte) auf einem Zürcher Friedhof (ebenso), zu dem Ort geworden, an dem ich mich ihm am nächsten fühle.
Etwas trage ich von meinem Vater nicht weiter: seinen Nachnamen. Ich teile meinen mit anderen liebevollen Nächsten; und – zu meinem Missfallen – mit einem Namensvetter, der geradezu infame Positionen vertritt: einem SVP-Nationalrat, der 2025 in Weinfelden gegen das geplante muslimische Grabfeld hetzte. Die Totenruhe, auch ein reaktionäres politisches Kampffeld also. Obwohl ein gutes Leben und ein würdiges Begräbnis für alle doch so viel mehr versprechen.
Ulrike Meinhof wäre heute 91. In Stammheim stehen seit Ende April nun die «Ulm 5» vor Gericht: fünf Aktivist:innen, die 2025 den deutschen Ableger des israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems sabotiert haben sollen.
Mein Vater wäre dieses Jahr 79 geworden. Und ich? Der Friedhof, auf dem ich dereinst begraben werden möchte, hat alte Linden und queere Grabfelder. Dort zu liegen, dünkt mich ein guter Ort für meinen Körper, meine Asche, auch für mein Gehirn. Fürs Erste aber besuche ich den Bremgartenfriedhof in Bern, um rote Nelken und violette Disteln auf das Grab von Michail Bakunin zu legen. Der Anarchist feiert am 30. Mai seinen 212. Geburtstag. ●