Swetlana Alexijewitsch : Unsichtbarkeiten und neue Gespenster

Nr. 20 –

Die Literaturnobelpreisträgerin sucht stets nach dem, was aus der Geschichte herausfällt. Ihre Rede an der Universität Zürich.

eine ältere Frau und ihre Nachbarin bei ihren Häusern in der Sperrzone bei Tschernobyl
13. Mai 1994: Eine ältere Frau und ihre Nachbarin sind trotz anhaltender Gefahr durch radioaktive Strahlung in ihre Häuser in der Sperrzone bei Tschernobyl zurückgekehrt. Christoph Keller, Mauritius Images

Ich wurde gebeten, über Unsichtbarkeiten im östlichen Europa zu sprechen. Unsichtbarkeit ist an sich weder gut noch schlecht. Bei der Unsichtbarkeit handelt es sich um die Grenzen unserer Sprache und unserer Wahrnehmung, um die Macht des kollektiven Aberglaubens in der jeweiligen Zeit, sind wir doch alle an unsere Zeit gebunden.

Ich erinnere mich an meine erste Einsicht in das Unsichtbare, ja meine erste Auseinandersetzung damit. Ich war damals erst siebzehn und lebte in einem Dorf, meine Eltern waren Dorflehrer. Wie Sie wissen, ist Belarus ein Land, das immer wieder von gewaltvollen Erfahrungen heimgesucht wird. Ich war ein Büchermensch, und unser Haus war voller Bücher.

Aber ich wusste noch nicht, welche Entdeckung auf mich wartet. In den Dörfern – vielleicht ist das auch heute noch so – trafen sich die alten Frauen nach der Arbeit auf den Bänken vor ihren Häusern. Nach dem Krieg gab es nur wenige Männer. Ich weiss nicht, was mich dazu gebracht hat, mich zu diesen Frauen zu setzen und ihnen zuzuhören. Das war wohl meine angeborene Neugier. Die Erzählungen dieser Frauen waren überraschenderweise interessanter als Bücher. Sie sprachen über den Krieg und die Partisanen, über die Deutschen und über die Liebe, über diese letzte Nacht, bevor die Männer an die Front gingen.

Die Unentwegte

Als Swetlana Alexijewitsch 2015 der Literaturnobelpreis verliehen wurde, hatte sie bereits das sowjetische, das belarusische und auch Putins Regime gegen sich aufgebracht. Zu ihren mit vielen Preisen ausgezeichneten Büchern gehören «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» (1987) und «Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft» (1997).

Als bekannte Exponentin des belarusischen Widerstands lebt die 77-Jährige heute vorwiegend in Berlin. Im Museum Strauhof in Zürich ist noch bis zum 25. Mai die Ausstellung «Swetlana Alexijewitsch: Tschornobyl – Archiv der unsichtbaren Katastrophe» zu sehen.

Die hier abgedruckte Rede, die auch Teile des anschliessenden Gesprächs enthält, hielt sie an der ersten Konferenz des neuen Instituts für Slavistik und Osteuropastudien der Universität Zürich, wo ihr letzte Woche die Ehrendoktorwürde verliehen wurde.

Mich hat damals eine Geschichte besonders bewegt, die sie erzählten. Es hiess, die Deutschen kommen, um das Dorf zu bestrafen und niederzubrennen, weil sie dort Partisanen vermuteten. Damals war Belarus voll von Sümpfen, und alle versteckten sich dort vor den Deutschen. Die Einheimischen hatten eine Technik entwickelt, mit der sie sich in den Sümpfen unsichtbar machen konnten. Sie steckten sich ein Schilfrohr in den Mund und tauchten einfach unter, wenn sich die Deutschen näherten. Eine Frau aber hatte einen Säugling dabei, sie hatte kurz zuvor entbunden. Das Kind begann zu weinen. Die Deutschen kamen immer näher, ihre Hunde zerrten sie in die Richtung, aus der das Weinen kam. Alle schauten auf die Frau. Da tauchte sie ihr Kind auch unter, sie brachte es um.

Das ist schon fast ein klassisches Sujet, wie bei Shakespeare. Ich habe erfahren, dass diese Frau eine Aussenseiterin war und am Rand des Dorfes lebte. Niemand wollte mit ihr zu tun haben. Sie hatte das gesamte Dorf gerettet, aber man verzieh ihr nicht, dass sie dafür ihr Kind umgebracht hatte.

Das hat mich erschüttert. Da habe ich die Bücher, die wir zu Hause hatten, mit ganz anderen Augen angeschaut. So bin ich das erste Mal dieser geheimen, versteckten Seite der Welt begegnet.

Seither fasziniert mich die menschliche Stimme: Sie ist materiell und doch nicht materiell, sie ist mal da und dann doch wieder nicht, sie droht ständig zu verschwinden – zusammen mit der Zeit und mit dem sprechenden Menschen.

Ich bin sehr froh, in einem Dorf aufgewachsen zu sein, denn das Dorf hat mich gelehrt, dass es keine einfachen Menschen gibt, keine kleinen Menschen, wie es uns die russische Literatur beigebracht hat. Und deshalb war es mein grosser Wunsch, diese Stimmen, das Unsichtbare, das in jedem Menschen steckt, zum Ausdruck zu bringen.

Swetlana Alexijewitsch bei ihrer Rede am 6. Mai an der Universität Zürich
«Die Verbote der Macht waren wirkungslos, weil Tatsachen hartnäckig sind»: Swetlana Alexijewitsch bei ihrer Rede am 6. Mai an der Universität Zürich. Florian Bachmann

In diesem Sinne bin ich ganz bei der Idee des «fremden Wortes» von Michail Bachtin. Die Sprache ist immer schon von den Stimmen anderer bevölkert. Und die Aufgabe des Autors oder der Autorin besteht darin, diese nicht zu unterdrücken, sondern in einen Dialog treten zu lassen.

Und so mache ich meinen Platz frei für Zeug:innen: Meine Texte entstehen aus Monologen, aus Fragmenten, aus dem fremden Wort. Das führt zu dem Eindruck, als würde die Geschichte selbst sprechen – direkt und ohne Vermittler. Sollten Sie meinen Büchern bereits begegnet sein, glauben Sie hoffentlich nicht, ich hätte mich darin zum Verschwinden gebracht. Das ist kein Verschwinden, das ist eine künstlerische Geste. Ich übertrage die Autorschaft auf die Ebene der Komposition.

Ich muss gestehen, ich war immer auf der Suche nach dem Unsichtbaren. In meinem Buch «Der Krieg hat kein weibliches Gesicht» wollte ich hörbar machen, was nicht zum Kanon gehörte. Dafür musste ich zu meinen Zeuginnen nach Hause gehen, mit ihnen manchmal einen oder sogar zwei Tage sprechen und auf den Moment warten, in dem sie das «korrekte», das «angebrachte» Sprechen aufgaben. Für mich ist das Wichtigste, den Menschen aus der Banalität herauszuholen. Die Frauen, die ehemaligen Frontkämpferinnen, sollten sich vom Druck der männlichen Erfahrungen lösen.

Man könnte es sogar so formulieren: Ich suche einen Menschen, der sich aus den Fesseln der Kultur befreit hat, einen, der aus seiner Erinnerung heraus spricht, aus seinem Körper heraus. Auch der Körper ist ein Archiv, ein Archiv des Erlebten.

Ich kam zum Beispiel in ein Haus, in dem ein Ehepaar lebte. Beide waren an der Front gewesen. Und der Mann konnte kaum glauben, dass ich sie besuchte und nicht ihn. Er schickte seine Frau ständig in die Küche, mal, um Pfannkuchen zu backen, mal, um einen Kuchen aufzuwärmen. Und da sagte sie: «Was ist das Schrecklichste am Krieg? Glaubst du, es ist der Tod? Nein. Wir waren alle hübsche, junge Mädchen. Den ganzen Krieg über trugen wir aber Stiefel und Männerunterhosen, die uns bis zu den Knien reichten. Röcke, Schuhe und BHs bekamen wir erst, als wir uns der deutschen Grenze näherten. Ich erinnere mich an das erste deutsche Haus. Wir öffneten die Schränke, und darin waren schöne Blusen und Kleider. Wir zogen uns chic an und gingen schlafen. Am nächsten Morgen zogen wir wieder unsere Militärhemden und Stiefel an und gingen weiter.» Und ihr Mann: «Das soll eine Erzählung über den Krieg sein?» Dann erzählte er, wie sie diesen und jenen Hügel erobert hätten und dies und das. Das komplette Repertoire der sowjetischen Floskeln hat er ausgepackt.

Das Unsichtbare, zu dem diese Frau mir die Tür einen Spaltbreit aufgestossen hat, hat mich sehr beeindruckt. Da verstand ich, dass es so etwas wie Heldentum nicht gibt. Man sollte auch nie von Heldentum sprechen. Man muss vielmehr davon sprechen, dass die Menschen, die nicht anders waren als wir heute, einfach gestorben sind.

Das Unsichtbare verbirgt sich oft nicht in den offiziellen, gewichtigen Worten, nicht einmal im Ereignis selbst, sondern in den Mikrodetails, in den Gerüchen, in alltäglichen Kleinigkeiten, in etwas Zufälligem. Doch solche Details kamen nicht in den Kriegsbüchern vor, von denen mein Elternhaus voll war. Wie mir der Schriftsteller Ales Adamowitsch einmal gestand, durften in jedem Buch nicht mehr als zwei getötete Partisanen oder sowjetische Soldaten vorkommen. Gebraucht wurde vielmehr ein körperloser Held, der weder Schmerz noch Verrat spürt.


In meinem Tschernobylbuch wird die Unsichtbarkeit, in diesem Fall die Unsichtbarkeit der Strahlung, nicht nur als physikalische Tatsache erlebt, sondern auch als Krise des Vertrauens in die Welt und in die Sprache.

Vor der Reise in die kontaminierten Gebiete und zum Reaktor wollte ich etwas darüber lesen, fand aber nichts, nur ein Interview mit Anatoli Aleksandrow, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, der sich mit Atomphysik befasste oder, wie er sagte, mit dem «sowjetischen Atom». Die sowjetische Atomkraft sei so sicher, dass man Atomkraftwerke direkt auf dem Roten Platz bauen könne. Die ganze Welt vertraute der Atomkraft. Man glaubte, dass die militärische und die zivile Nutzung der Atomkraft zwei verschiedene Dinge seien. Nach Tschernobyl wissen wir, dass die kriegerische und die friedliche Atomkraft Zwillinge, Komplizen sind.

Ich muss zugeben, dass ich mich fragte, warum wir von all dem, was wir dort gesehen haben, nicht verrückt geworden sind. Ich sah, wie die Soldaten das Feuerholz und die Dächer in den Dörfern wuschen. Oder wie sie die oberste Schicht der Erde abtrugen, mit all dem fremden Leben darin, den Käferchen, Würmchen und Spinnen. Die Erde wurde abtransportiert und ausserhalb des Dorfes in eine Betongrube geschüttet und wieder mit Erde zugedeckt.

Ist das nicht Wahnsinn?, fragte ich mich nachts, als ich nicht einschlafen konnte. Die Erde wird in der Erde begraben. Die Stellen, an denen die Erde abgetragen wurde, bestreute man mit Dolomitmehl, und es entstand eine beinahe kosmische Landschaft, eine andere Welt.

Eine alte Frau in einem ausgesiedelten Dorf nahm mich lächelnd bei der Hand und sagte: «Komm, ich zeige dir die Strahlung.» Die Strahlung sei so bunt und glänze. In ihrem Garten sah ich grüne, blaue, gelbe Pfützen nach dem Regen. «Hier hast du sie, die radioaktive Strahlung.» Durch Mythen und Metaphern lebten sich die Menschen in der neuen Realität ein und schützten sich gleichzeitig von ihr. Wenn Wissenschaftler ins Dorf kamen, in Schutzkleidung, in der sie wie Astronauten aussahen, wurden sie von den Männern aus dem Dorf verjagt, sodass sie es gerade noch bis zu ihren Hubschraubern schafften. Tschernobyl wurde mit dem Krieg verglichen. Man sprach vom Weltuntergang und betete, betete, betete.

Im Fall von Tschernobyl liegt das Unsichtbare vor uns, es muss begriffen werden, doch dazu fehlen uns die Vorstellungskraft und das Wissen, und es fehlt uns die Sprache. Der Mensch war den Technologien, die er selbst entwickelt hat, nicht gewachsen. Er wollte weiterleben wie bisher, die Normalität seines Lebens bewahren, säen und ernten. Man kann nicht ständig mit einer unsichtbaren Gefahr leben.

Ich könnte sogar über die Poetik des Unsichtbaren sprechen. Das ist eine Schutzform für den Menschen. Wie leben wir uns in einer neuen Angst ein? Damals waren wir alle auf der Suche nach einer Sprache. Ein seltsames Gefühl, wenn die Literatur, der wir vor kurzem noch so sehr vertrauten, uns nicht mehr helfen konnte.


Heute muss man das Wort dem Zeugen geben. Ich suche nach einem Menschen, der erschüttert ist und deshalb über das Gewöhnliche hinausschaut. Die totalitäre Macht hatte nicht nur Angst vor Tatsachen oder Kritik, sie hatte Angst vor unbearbeiteter Realität. Doch die Verbote der Macht waren wirkungslos, weil die Tatsachen hartnäckig sind, und sie bleiben bestehen, trotz der Gesetze und Verordnungen.

Ich erinnere mich an einen der Hubschrauberpiloten, die Sandsäcke auf den rasenden Reaktor warfen. Als er mich anrief, wurde er bereits vom Krebs zerfressen, dem sogenannten Tschernobyl-Krebs. Er bestand darauf, dass ich seine Geschichte aufschreibe. Am Ende unseres Treffens sagte er: «Vielleicht habe ich nicht verstanden, was passiert ist. Vielleicht haben Sie auch nicht verstanden, was passiert ist. Nach uns kommen andere Menschen. Vielleicht verstehen sie etwas.»

Es ist ein unbegreifliches und sehr seltsames Gefühl, wenn man zu einer Verabredung kommt, und die Person ist einfach nicht mehr da. Und da steht man vor diesem schwarzen Loch.

In diesem Zusammenhang noch etwas ganz Persönliches. Ich erinnere mich, als meine Mutter im Sterben lag, wie sie im Garten sass und lange in die Dunkelheit starrte. Sie hatte bereits eine andere Beziehung zur Zeit und zur Dunkelheit, zum Kosmos vielleicht. Ein grosser Teil des Lebens bleibt immer unausgesprochen, damit muss man sich abfinden. Aber wir müssen uns beeilen, um möglichst viel vom menschlichen Leben dem Chaos zu entreissen.

Swetlana Alexijewitsch am 6. Mai in Zürich
Dem Unsichtbaren auf der Spur: Swetlana Alexijewitsch am 6. Mai in Zürich. Florian Bachmann

Die menschliche Seele hat es schwer mit der Leere. Nach dem Zusammenbruch eines grossen Konstrukts bleibt aber zunächst mal eine Leere zurück. Ich erinnere mich, dass nach dem Zerfall des Imperiums sehr viele Menschen in die Kirchen gingen und sich unterschiedlichste kirchliche Kreise bildeten. All das entsprang dem Wunsch, die Leere zu füllen. Als ich durch dieses noch immer so grosse Land reiste, kritisierten meine Protagonist:innen zwar die damaligen Verhältnisse, empfanden aber gleichzeitig eine emotionale Verbundenheit mit dem Imperium. Unsere Beziehung zum Imperium besteht bis heute fort. In fast jeder ehemaligen Republik tauchte eine neue starke Hand auf. Die Menschen wussten nicht, wie sie leben sollen.

Der Untertitel eines meiner früheren Bücher, «Das Ende des roten Menschen», war unzutreffend. Der rote Mensch lebt noch. Der rote Mensch ist heute derjenige, der im Auftrag des Kreml schiesst. Sie haben wohl auch die abgefangenen Gespräche der russischen Soldaten in der Ukraine gehört, die zum Beispiel aufgefordert werden, der Tochter, die gerade eingeschult werden soll, einen Laptop aus dem Krieg mitzubringen. Man hat Angst vor diesem Russland.

Ich befrage Hunderte von Menschen, weil ich verstehen will, wann und wie der Faschismus in unser Leben eingedrungen ist. Womöglich hat er diese Leere gefüllt, die nach dem Zerfall des Imperiums entstanden war? Oder kommt das vom imperialen Bewusstsein? Ich fürchte, dass wir machtlos sind. Warum sind wir machtlos? Vielleicht, weil sie so grausam sind?

Als in unserem Belarus, in meinem Belarus, meiner Heimat, im Jahr 2020 Hunderttausende Menschen auf die Strasse gingen, stellte sich heraus, dass wir machtlos sind. Die Menschen glaubten an die Freiheit, sie wollten nicht gewalttätig werden. Sie gingen auf die Strassen wie zu einem Fest, mit Blumen, mit Kindern. Und wir haben eine Niederlage erlitten. Hoffen wir, dass es nur eine temporäre Niederlage ist.

Das Land ist da, die Menschen gibt es, aber wir, die Belarus:innen, verschwinden aus dem globalen Blickfeld. Die Aufmerksamkeit, die der Ukraine zuteilwird, hängt leider mit einem einzigen Umstand zusammen – mit dem Krieg selbst. Das Sichtbare beschränkt sich für ukrainische Menschen sehr oft auf den Krieg. Das private Leben, die Koexistenz von Menschen, das bleibt alles im Bereich des Unsichtbaren.


Ich möchte Ihnen erzählen, worüber ich gerade schreibe. Fast eine Million Belarus:innen und etwa zehn Millionen Ukrainer:innen leben im Exil. Das Exil ist nicht nur eine geografische Verschiebung, sondern ein Zustand: Du bist beispielsweise in Warschau, aber dein eigentlicher Platz ist woanders. Das ist eine besondere Form der Unsichtbarkeit. Darüber will ich heute nachdenken. Wir wissen nicht, wo wir sind, wir wissen nicht, wer wir sind. In Belarus ist es gefährlich, sich zu äussern. Es herrschen Zensur und Repressionen. Ausserhalb von Belarus leben wir in einem fremden Kontext, und auch hier weiss man nicht, wer wir sind. Man kann zwar sprechen, aber es ist unklar, an wen man sich richten soll und in welcher Sprache und worüber.

Ich würde auch gerne einem europäischen Leser erzählen, wer wir sind, woher wir kommen und warum wir hier sind. Das ist ein Paradox. Wir haben das System scheinbar hinter uns gelassen. Durch den Sumpf, über den Fluss. Mit vielen Schwierigkeiten sind wir Sicherheitskräften entkommen, bleiben aber für das System weiterhin sichtbar. Die Mitglieder der belarusischen Diaspora werden auch im Ausland verfolgt und unter Druck gesetzt. Familienangehörige, die in Belarus geblieben sind, werden schikaniert. Gerichtsprozesse werden in Abwesenheit eingeleitet.

War man in Belarus ein Held oder eine Heldin, passiert hier mit dir vieles, was gar nicht heldenhaft, was ereignislos und schwer in Worte zu fassen ist. Es handelt sich nicht um eine Revolution oder um eine Katastrophe im klassischen Sinn, sondern um einen anhaltenden Zustand der Erschöpfung, der Ungewissheit und der Scham. Worüber ich schreibe, ist ein formloses Leben nach einem Trauma. Wenn ich nach Warschau, Vilnius, Prag reise, sind die Hauptthemen in Gesprächen, die ich führe, die Schuld der Überlebenden, die Scham für die eigene Machtlosigkeit, eine seltsame Verbundenheit mit dem zerstörten Ort.

Belarus ist de facto ein Ko-Aggressor im Krieg geworden. Wobei ich sagen würde, dass Belarus besetzt ist. Die Gewalt und der Widerstand innerhalb des Landes sind nach aussen kaum sichtbar. Denn wenn man mit einem Plakat mit der Aufschrift «Nein zum Krieg» oder «Nieder mit Lukaschenka» auf die Strasse geht, bekommt man zehn Jahre Haft.

Schuld ohne Handlung, Protest ohne Ergebnis, das Leben in einer ethischen Sackgasse. Viele haben das Land verlassen, die Nachrichten sind weg. Das Trauma dauert an und das Leben von Menschen auch, sie leben weiter.

Das ist die Zone der neuen Unsichtbarkeit. Wieder arbeite ich mit etwas, was aus der Geschichte herausfällt. Ich schreibe und sammle Material über die Ungleichheit zwischen einem grossen Ereignis und einem kleinen Leben, darüber, wie Menschen versuchen, sich selbst nach der Katastrophe nicht zu verlieren. In den Stimmen, die weder mit den Nachrichten noch mit der Propaganda übereinstimmen – da hören wir wieder den Ruf des Unsichtbaren.

Uns droht auch die Unsichtbarkeit, wenn wir nicht dranbleiben an dem, was wir tun, auch im Kleinen. Der Mensch hat keine grosse Wahl: Entweder ist er auf der Seite der Dunkelheit, oder er ist auf der Seite des Lichts. Was mir Hoffnung gibt, ist das Verständnis dafür, dass eine Welt, in der die Grenzen geschlossen und die Möglichkeiten eingeschränkt sind, nicht interessant ist, und junge Menschen werden die Welt so nicht haben wollen. ●

Aus dem Russischen von Iryna Herasimovich, Sylvia Sasse und Philine Bickhardt.