Nr. 16/2011 vom 21.04.2011

Niemand soll glauben, in der Schweiz wärs anders gelaufen

Lange hat der Westen geglaubt, die Katastrophe von Tschernobyl sei nur geschehen, weil die Sowjets ihren «kommunistischen» Reaktor nicht im Griff hatten. Fukushima lehrt: Wenn der Super-GAU eintritt, bricht überall das grosse Chaos aus, weil kein Krisenmanagementdie Technik in den Griff bekommen kann. Ein Besuch in Tschernobyl.

Von Susan Boos

Auf dem Zettel steht, man sei selbst für das Risiko verantwortlich, das man eingehe, man müsse die Anweisungen des Führers strikt befolgen, dürfe nur im Auto rauchen und nicht im Gelände. Alle, die in die Sperrzone von Tschernobyl reisen wollen, müssen ein solches Papier unterschreiben.

Unser Führer ist Anfang zwanzig, heisst Sergej und trägt eine Jacke in Tarnfarbe. Er war noch nicht geboren, als am 26. April 1986 Reaktorblock 4 von Tschernobyl explodierte. Heute führt er TouristInnen durch die abgesperrte Dreissigkilometerzone. JedeR kann hin. Man kann sich allein einen Führer mieten oder sich einer Gruppe anschliessen. Ein Trip kostet zwischen 100 und 160 Dollar, buchbar übers Internet.

Sergej sagt, er mache den Job, weil es interessant sei, AusländerInnen herumzuführen, und weil der Lohn ordentlich sei. Ob er keine Angst habe, fragt ihn jemand. Nein, sagt er trocken. Er hat die Frage satt, zu oft wurde sie ihm gestellt.

Hier in Tschernobyl sei es ungefährlich, sagt er, an manchen Stellen sei die Strahlung immer noch hoch, aber da würden wir nicht hingehen. Tschernobyl liegt dreissig Kilometer vom Reaktor entfernt, von hier aus werden die Arbeiten in der Sperrzone koordiniert. Hier leben die Leute, die meist in zweiwöchigen Schichten in der Zone arbeiten. Es gibt einen Lebensmittelladen, einen öffentlichen Bus und ein Kino. Tschernobyl war einmal ein jüdisches Schtetl. Aber die JüdInnen wurden von hier vertrieben, lange bevor der atomare Fluch die Gegend heimsuchte, doch das ist eine andere traurige Geschichte.

Die Stadt gleich neben den Atommeilern heisst Pripjat und wurde Anfang der siebziger Jahre mitten in den grossen Sümpfen im Norden der Ukraine errichtet. Es war eine geschlossene Stadt, in der die Angestellten des Atomkraftwerks lebten. Offiziell waren es 47 000 Menschen, die dort vor dem Super-GAU ein privilegiertes Leben führten.

Der Anfang der Katastrophe

Man hat den Sowjets vorgeworfen, sie hätten nach der Atomkatastrophe die Leute nicht richtig informiert und es versäumt, rechtzeitig zu evakuieren. Verglichen mit den Verantwortlichen in Japan haben sie sich aber kaum schlechter geschlagen.

Der Unfall passierte in der Nacht auf den 26. April, kurz nach ein Uhr. Es war eine tragische Verkettung unglücklicher Umstände. Die Operateure machten einige Fehler, weil sie keine Rüge einstecken wollten – hätten sie sich an alle Regeln gehalten, hätten sie Kiew nicht so viel Strom liefern können, wie die Stadt plötzlich mitten in der Nacht forderte, oder sie hätten den Test abbrechen müssen. Der Versuch sollte zeigen, dass es bei einem bestimmten Störfallszenario möglich wäre, den Reaktor weiterzukühlen. Der Test war wichtig, das wussten die Operateure. Also setzten sie sich über Vorschriften hinweg, um ihre Vorgesetzten nicht zu verärgern. Vielleicht wäre alles gut gegangen, hätte der Reaktor nicht einen Konstruktionsfehler gehabt, der in dieser misslichen Konstellation zum Tragen kam. Der Reaktor geriet binnen weniger Minuten ausser Kontrolle und explodierte. Das weiss man heute.

Damals sah die Sache aber ganz anders aus. Grigori Medwedew hat Anfang der neunziger Jahre in seinem Buch «Verbrannte Seelen» versucht, jene Nacht zu rekonstruieren. Operateure erzählten ihm, sie hätten im Kontrollraum zwei Explosionen gehört, und die Messgeräte hätten verrückt gespielt. Sie sahen, dass im Reaktor kein Wasser mehr war. Der Chefoperateur schrie: «Mit Havariegeschwindigkeit abkühlen!» Er wusste nicht, dass es nichts mehr zu kühlen gab, und schickte zwei Männer nach oben in den Zentralsaal über dem Reaktor. Die beiden Männer sollten nachschauen, was da los war. Sie kamen verstört zurück und erklärten, den Zentralsaal gebe es nicht mehr, der Reaktor sei explodiert. Ihr Chef glaubte, sie hätten nicht richtig hingesehen. Es war nicht sowjetische Ignoranz, es war schlicht menschliches Unvermögen, zu begreifen, dass das Undenkbare eingetreten war. In Fukushima spielt sich Ähnliches ab, und hierzulande wäre es vermutlich ebenso. Die beiden Männer, die den Zentralsaal nicht mehr finden konnten, starben binnen kurzer Zeit an Strahlenkrankheit.

Der Morgen danach

Vor wenigen Jahren traf ich in Kiew Anatoli Rasskasow. Er hatte als Werkfotograf in Tschernobyl gearbeitet und erzählte, wie er den 26. April 1986 erlebt hatte. Früh am Morgen hatte man ihn ins AKW zitiert und von ihm verlangt, er solle möglichst nahe ans zerstörte Gebäude und fotografieren. Er sah, da war etwas passiert, doch was genau, wusste er nicht, und auch sonst keiner, der an jenem Morgen vor dem geborstenen Reaktor stand. Etwa um zwei Uhr nachmittags schickten sie ihn mit einem Helikopter auf einen Flug über den Reaktor. Er musste fliegen, weil der Notfallstab Bilder brauchte. Man hatte keine Vorstellung über das Ausmass der Zerstörung und brauchte Fotos, um nach Moskau rapportieren zu können.

Rasskasow erzählte, wie sie im Helikopter sassen und er durch die Fenster keine guten Bilder machen konnte. Er schlug vor, das Fenster zu öffnen, ein Militär hielt ihn an den Beinen, während er fotografierte. Es war unglaublich, sagte Rasskasow: «Der Reaktor strahlte wie ein grosser, heller Spot. So etwas hat ausser uns noch nie jemand auf der Welt gesehen.» Es klang ehrfürchtig.

Rasskasow entwickelte seine Bilder in seinem Labor in Pripjat. Die meisten seiner Filme waren schwarz. Die Strahlung hatte die Bilder allerdings nicht während des Fluges zerstört, sondern als Rasskasow am Boden Trümmer fotografierte. Die Trümmer waren hoch radioaktive Grafitbrocken, die aus dem Reaktor katapultiert worden waren. Acht seiner Fotos waren schliesslich brauchbar (vgl. Bild in der Printausgabe). Als die Mitglieder des Notfallstabs die Bilder sahen, hätten sie beschlossen, Pripjat zu evakuieren. Das war am späten Nachmittag des 26. April. Es war nicht sowjetischer Zynismus, dass man die Stadt erst vierzig Stunden nach der Explosion räumte, es war nackte Überforderung. Niemand sollte sich einbilden, das würde in der Schweiz sauberer oder geordneter ablaufen.

Blindes Krisenmanagement

Siebzehn Stunden lang pumpten die Operateure Wasser in den vermeintlich noch intakten Tschernobylreaktor, um ihn zu kühlen. Später mussten AufräumarbeiterInnen, die sogenannten LiquidatorInnen, mühselig das hoch radioaktive Wasser aus dem Keller des Reaktors abpumpen. Manchmal rissen die Schläuche, und das verseuchte Wasser ergoss sich über die LiquidatorInnen.

All das erinnert an Fukushima. Mehr als einen Monat nach dem Beginn des schleichenden Super-GAUs hat man dort immer noch keine Ahnung, wie es in den drei betroffenen Reaktoren aussieht. Vermutlich liegen die Brennelemente frei, vermutlich sind sie zu 25 bis 75 Prozent geschmolzen, sagt die AKW-Betreiberin Tepco. In den ersten Wochen hat Tepco die Reaktoren mit Salzwasser gekühlt. Welche Schäden das angerichtet hat, ist nicht bekannt. Das Risiko einer verheerenden Explosion ist nach wie vor nicht gebannt. Das viele Wasser, das man zur Kühlung verwendet hat, ist radioaktiv verseucht, Tepco entsorgt es zum Teil ins Meer. Eigentlich müsste man die Reaktoren anders kühlen. Doch womit? In Tschernobyl löschten sie den Brand im Reaktor mit Blei und Sand. Am Ende schütteten sie Beton in den Reaktorschlund und bauten eine Schutzhülle darüber. Dieser «Sarkophag» ist seit langem brüchig. Bis 2015 soll ein neuer Sarkophag gebaut werden. Das Projekt kostet über eine Milliarde Dollar. Doch vielleicht wäre dieser neue Sarkophag gar nicht nötig, da vielleicht der grösste Teil des radioaktiven Materials bereits von der Explosion rauskatapultiert wurde. Ein Vierteljahrhundert nach dem Unfall weiss das aber niemand genau, weil die Strahlung im kaputten Reaktor trotzdem noch tödlich hoch ist.

Das ist das Apokalyptische an dieser Technologie: Wenn die Kernspaltung sich verselbstständigt, versagen unsere Strategien. Es gibt nur noch Krisenmanagement – «Versuch und Irrtum». Weil da ein Feuer schwelt, das sich nicht löschen lässt, das eine irreal anmutende Kraft entwickelt und mit unsichtbarer Hand tötet.

Die Aufräumarbeiten

Weil im AKW von Tschernobyl ein «kommunistischer» Reaktor in die Luft geflogen war, glaubte man sich im Westen sicher. Alles, was in Tschernobyl schiefgelaufen war, liess sich damit erklären, dass die Sowjets ja bekanntlich schlampig arbeiteten und die Menschen grundsätzlich schlecht behandelten. Die westliche Atomlobby gab sich 25 Jahre lang überzeugt: Bei uns wäre dies nie passiert.

Ein grosser Irrtum, wie Fukushima zeigt. Den Tepco-Angestellten ergeht es nicht viel besser als den LiquidatorInnen in Tschernobyl. Manche von ihnen mussten in den letzten Wochen in den havarierten Blöcken arbeiten – und hatten nicht einmal Dosimeter, weil zu wenige dieser Messgeräte vorhanden waren. Sie tragen auch keine Schutzkleidung, weil es gar keine gibt, die vor der Strahlung schützen würde. Die sogenannte Gammastrahlung durchdringt jedes Gewebe. Die Tepco-Leute müssten mit Blei verstärkte Kleider tragen, wie dies zum Teil die LiquidatorInnen von Tschernobyl taten, als sie das Dach von Block 4 säuberten. Dort lagen Brocken des hoch radioaktiven Brennmaterials, das von der Explosion hinausgeschleudert worden war. Sie mussten diese Brocken von Hand einsammeln. Jemand stoppte die Zeit, sie rannten aufs Dach, verrichteten ein paar Handgriffe und rannten wieder weg. Weil die Strahlung so hoch war, durften sie nur sehr kurze Zeit auf dem Dach verweilen. Man nannte sie Bioroboter. Eigentlich hätten die Sowjets richtige Roboter einsetzen wollen, doch ihre Elektronik hielt der hohen Strahlung nicht stand.

In Fukushima läuft es ähnlich ab. Nur dass dort vor allem temporäre Angestellte die gefährliche Arbeit erledigen müssen. In Tschernobyl konnten die Sowjets auf das Militär und ein riesiges Heer von ReservistInnen zurückgreifen. 600 000 bis 800 000 LiquidatorInnen waren im Einsatz, manche nur für wenige Stunden, weil ihre Aufgaben so ungesund waren.

In Japan geht das nicht so einfach. Zwar hat man auch in Fukushima bald die maximal zulässige Jahresdosis für die ArbeiterInnen von 50 auf 250 Millisievert erhöht, auf denselben Wert, der auch für die Tschernobyl-LiquidatorInnen galt (vgl. Seite 18 der Printausgabe). Tepco kann aber nicht Tausende von Menschen zwangsverpflichten. Wie die Firma mit diesem Problem umgeht, ist nicht klar. Sie weigert sich, genaue Daten über die Strahlenbelastung der Angestellten zu veröffentlichen. Wie viele aktuell damit beschäftigt sind, die Situation zu stabilisieren, lässt sich nicht sagen. Offensichtlich hat Tepco aber Schwierigkeiten, neues Personal zu rekrutieren, denn wer 250 Millisievert abbekommen hat, sollte ja das Gelände verlassen. Die «New York Times» schreibt, Tepco biete den Leuten Saläre von 350 bis 1000 Dollar am Tag, je nachdem, wie hoch das Strahlenrisiko sei.

Die Evakuierung

Das erste Mal war ich vor bald zwanzig Jahren mit Ljuba Kowalewska in der Sperrzone. Ljuba hatte vor dem Unfall in Pripjat gewohnt. Als wir zusammen in die Zone reisten, musste man noch beim Checkpoint am Eingang der Dreissigkilometerzone das Fahrzeug wechseln. Bevor man in die Zehnkilometerzone durfte, musste man auch die Kleider wechseln. Es gab alte, sandfarbene Afghanistanuniformen, nur unsere Unterwäsche durften wir anbehalten. Wir sahen lustig aus und fühlten uns wie auf einem Abenteuerausflug.

Ljuba zeigte uns ihre frühere Wohnung. An der Wand hingen Fetzen einer Strand-Sonne-Palmen-Tapete, in der Stube stand noch eine staubige Couch. Alle Wohnungen waren kurz nach der Havarie geräumt, das Mobiliar auf dem Schwarzmarkt verschachert worden. Lujba hatte bei der werkseigenen Zeitung gearbeitet. Wenige Wochen vor dem Super-GAU hatte sie in der oppositionellen «Literaturna Ukraina» einen Text über die Schlampereien beim Bau von Block 5 und Block 6 publiziert. Später schrieb sie ein Buch über Tschernobyl, doch über ihre Evakuierung sprach sie nie gerne. Am 27. April, einem Sonntag, musste sie mit ihrer Tochter die Wohnung verlassen. Es hiess, sie sollten nur das Nötigste mitnehmen, sie kämen nach einigen Tagen wieder zurück. Eine lange Reihe von Bussen brachte die PripjaterInnen aus der Stadt. Ljuaba und ihre Tochter lebten zuerst in einem Bauerndorf, danach teilte man ihnen in Kiew eine Neubauwohnung zu, auf die eine Kiewer Familie schon zehn Jahre lang gewartet hatte.

In jenen ersten Wochen trieben sich in Pripjats Strassen Scharen herrenloser Hunde herum. Es waren Hunderte, weil die Menschen in der Ukraine Hunde über alles lieben. Manche der Tiere verloren ihr Fell, andere wurden aggressiv. Man schickte Soldaten aus, die Hunde zu erschiessen.

Und jetzt sind die herrenlosen Hunde wieder da, – man sieht Bilder mit Collies, die durch die Dörfer rund um Fukushima streunen. Die Leute mussten weg, die Haustiere blieben –wie damals.

Einen Monat nach dem Beginn der Kernschmelze hat sich die japanische Regierung nun doch entschieden, die Sperrzone auszuweiten. Selbst die Internationale Atomenergiebehörde hat schon vor einer Woche empfohlen, die Zone müsse auf einen Radius von achtzig Kilometern ausgeweitet werden. Doch das ist noch nicht geschehen.

Ende März stellte der Bürgermeister von Minami Soma, einer Stadt in der Dreissigkilometerzone, ein Video ins Netz. Er bat darin verzweifelt um Unterstützung. Die Regierung habe sie angewiesen, die Häuser nicht zu verlassen. Die Läden und die Banken seien geschlossen, langsam gingen Lebensmittel, Wasser und Benzin aus. Inzwischen scheinen die meisten Leute die Stadt verlassen zu haben.

Doch der Super-GAU ist noch lange nicht zu Ende. Die Regierung meldete am Wochenende, es werde neun Monate dauern, bis man die Situation unter Kontrolle habe. Das Chaos und das Elend sind um nichts geringer als damals in Tschernobyl – doch diesmal kann die Welt zuschauen, das ist der einzige Unterschied.

Abenteuertourismus in Pripjat

Der Minibus fährt Richtung Pripjat, der Stadt neben dem Atomkraftwerk. Das Land ist flach, weit, verwildert. Am Horizont taucht das Kraftwerk auf. Sergej sagt, hier könne man gut Fotos schiessen. Der Minibus hält, wir steigen aus, fotografieren. Sergej steht daneben, zündet sich eine Zigarette an.

Jemand fragt ihn, wie hoch die Dosis hier sei. Er nimmt das Dosimeter hervor, es zeigt 0,119 an. Völlig ungefährlich, sagt er, in Kiew gebe es Stellen, da zeige es weit mehr an. Das Gerät misst Mikrosievert pro Stunde, das gibt 1 Millisievert pro Jahr, wenn man das ganze Jahr an diesem Fleck verharren würde, was dem Grenzwert entspricht, der in der Schweiz für die Durchschnittsbevölkerung gilt.

Der nächste Halt ist vor dem Sarkophag. Das Gerät zeigt 0,499 an. Es wird fröhlich fotografiert. Alle wollen ein Erinnerungsbild: Das Dosimeter in der Hand, dahinter der Sarkophag – ein Bild wie eine Trophäe. Sergej steht daneben und raucht.

Die Szene hat etwas Esoterisches, wer will, kann glauben, dass uns Bedrohliches umgibt. Sergej glaubt es nicht. Man könnte ihm sagen, das sei fahrlässig. Er würde lachen, er ist ja jeden Tag hier. Es ist trotzdem fahrlässig, in der Zehnkilometerzone liegt immer noch sehr viel Plutonium, ein sogenannter Alphastrahler, der einem nichts anhaben kann, solange man das Radionuklid nicht einatmet oder schluckt. Doch wenn man dies tut, können geringste Mengen Krebs auslösen. Deshalb sollte man in der Zone auch nicht im Freien rauchen, weil das Risiko, dadurch radioaktive Partikel zu inhalieren, stark steigt.

Das Dosimeter misst Gammastrahlung, die vergleichbar ist mit Röntgenstrahlen. Die Plutoniumbelastung kann das Gerät nicht messen. Plutonium-239 ist besonders gefährlich und hat eine Halbwertszeit von 24 000 Jahren. Durch die Explosion wurde aber noch viel mehr Plutonium-241 ausgestossen, das als weniger gefährlich gilt. Es hat eine Halbwertszeit von 14 Jahren. Das Heimtückische: Wenn es zerfällt, entsteht Americium-241, das mindestens so gefährlich ist wie Plutonium-239, aber noch mobiler sein soll und sich gerne mit Staubpartikeln verbindet. Die Konzentration von Americium-241 wird in den nächsten Jahren weiter ansteigen, auch in der Kiew. Niemand weiss, was man dagegen tun könnte. Also wird erst gar nicht darüber geredet.

Der Minibus fährt nach Pripjat hinein und hält auf dem Platz vor dem Hotel. Sergej sagt, wir könnten uns umschauen, wir würden uns in einer halben Stunde wieder treffen.

Die Geisterstadt ist schön anzuschauen. Vom obersten Stock des Hotels aus blickt man über die Stadt, die langsam zuwächst. In den Hotelzimmern stehen noch die letzten zerschlissenen Stühle, neben kräftigen jungen Birken, die mitten in den Zimmern aus dem Boden wachsen.

Wir schlendern über die Plätze und Strassen, fotografieren den Rummelplatz, der schon tausendfach fotografiert wurde. Im Selbstbedienungsladen stehen noch die Einkaufswagen herum. Wohltemperiertes Entsetzen, wie drapiert fürs Fotoalbum.

Die halbe Stunde ist vorbei, wir gehen zurück zum Minibus. Sergej wartet und raucht.

Einige fehlen. Wir warten. Sergej raucht.

Neben uns hält ein weiterer Bus. Junge RussInnen steigen aus. Die Männer tragen Uniformjacken, Rucksäcke und Gasmasken, die jungen Frauen Leggins und bunte Turnschuhe. Sie sind wohl gekommen, um «In the Shadow of Chernobyl» nachzuspielen – ein Computerspiel, bei dem es darum geht, vor der Kulisse von Pripjat Monster zu erschiessen. Die Truppe stürmt in die zerschlissene Stadt, vergnügt wie ein Rudel PfadfinderInnen .

Vor zwei Jahren hat das US-amerikanische Wirtschaftsmagazin «Forbes» Tschernobyl zur «exotischsten Touristendestination» gekürt. Im letzten Dezember reiste Viktor Baloga, der ukrainische Minister für Notfallsituationen, mit Helen Clark, der Chefin des UN-Entwicklungsprogramms (UNDP), in die Zone und schlug vor, sie künftig als Tourismusdestination zu vermarkten. Helen Clark zeigte sich von der Idee angetan.

Kuoni bietet zusammen mit Green Cross bereits Reisen dorthin an. Spätestens 2012, wenn viele Fussballfans zu Europameisterschaftsspielen in die Ukraine reisen, soll der Super-GAU-Tourismus florieren.

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