Wissenschaft : Als nutzlos abgestempelt

Nr. 22 –

Der Druck auf die Geisteswissenschaften steigt. Gegen die neusten Sparmassnahmen wehrt sich eine Petition.

Es klingt alarmierend: Forscher:innen würden in ihren Publikationsmöglichkeiten stark eingeschränkt, Verlage müssten auf Publikationen verzichten, die wissenschaftliche und verlegerische Souveränität der Schweiz gerate in Gefahr.

So warnt die letzte Woche von Schweizer Wissenschaftsverlagen lancierte Petition «Nein zum Verschwinden von Büchern in den Geistes- und Sozialwissenschaften!». Die Unterzeichner:innen wehren sich gegen Sparmassnahmen des Schweizerischen Nationalfonds (SNF), die Ende letztes Jahr verkündet wurden. Der SNF ist der wichtigste Forschungsförderer der Schweiz, 2025 hat er rund 1,2 Milliarden Franken in die Wissenschaft investiert. Im Rahmen des Entlastungspakets 27 hat der Bund das SNF-Budget für die nächsten drei Jahre um insgesamt rund 200 Millionen Franken gekürzt.

Für die Publikationsförderung steht künftig zwanzig Prozent weniger Geld zur Verfügung. Ab 2027 werden nur noch Werke gefördert, die direkt aus einem vom SNF finanzierten Forschungsprojekt hervorgehen. Davon ausgenommen sind Dissertationen oder Habilitationen; allerdings müssen die Verlage für diese neu eine unabhängige Peer-Review des Manuskripts organisieren.

Zulasten des Nachwuchses

«Eine unnötige Schikane» nennt das Monika Dommann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. «Die Universitäten führen vor der Publikation von Qualifikationsschriften mehrere unabhängige Peer-Reviews durch – am Historischen Seminar Zürich sind es drei, eine davon kommt meist aus dem Ausland.» Warum und wie die Verlage dies zusätzlich übernehmen sollten, sei ihr schleierhaft. Ausserdem verzögere dies den Publikationsprozess, was zulasten der Nachwuchsforscher:innen gehe. Diese sind auf Veröffentlichung angewiesen, damit ihre Arbeit sichtbar wird und sie wiederum weiterforschen können. Dazu braucht es Qualitätsverlage. Mit weniger finanziellen Mitteln verkämen diese immer mehr zu profillosen Gemischtwarenläden, befürchtet Dommann: Publiziert würde dann nur noch, was rentiere – sei es, weil sich ein Thema gut verkaufe oder weil die Manuskripte durch Mäzen:innen finanziert seien.

Immer mehr unabhängige Verlage gingen ein oder würden von internationalen Konsortien übernommen, deren börsenkotiertes Geschäftsmodell mehr als fragwürdig sei, so Dommann. Doch da die Forschenden publizieren müssten, hätten sie keine Alternative. Die Förderung unabhängiger Wissenschaftsverlage sei deshalb unerlässlich.

Von den Sparmassnahmen direkt betroffen ist der Chronos-Verlag in Zürich. 1985 gegründet, verlegt Chronos pro Jahr zwischen vierzig und fünfzig wissenschaftliche Fach- und Sachbücher auch für ein breites Publikum. Nicht alle Bücher werden vom SNF gefördert – für jene, die gefördert werden, erhielt der Verlag bisher eine Pauschale von 6000 Franken plus einen vom Umfang des Buches abhängigen Zusatz. Ab 2027 wird die Pauschale halbiert. Für Chronos seien diese Einsparungen noch nicht existenzbedrohend, sie führten aber unweigerlich zu Qualitätseinbussen, sagt Koverlagsleiterin Lisa Bollinger. Der Aufwand der zusätzlich verlangten Begutachtung halte sich für die Verlage voraussichtlich in Grenzen, die neue Regelung stelle aber «die im Qualifikationsprozess erstellten Gutachten der Universitäten infrage».

Spareffekt: minimal

Die neusten Kürzungen reihen sich in eine Serie von Sparmassnahmen ein, in denen sich der zunehmende Druck aus Politik und Gesellschaft auf Sozial- und Geisteswissenschaften zeigt: Was keinen direkten Nutzen verspricht, wird als nicht förderungswürdig abgestempelt. Ein paar Beispiele aus den letzten Jahren: Das 2020 vom SNF lancierte Nationale Forschungsprogramm «Covid-19» richtete sich fast ausschliesslich an Medizin und Biowissenschaften. Nach der Ausschreibung kritisierten siebzehn Professor:innen der Geistes- und Sozialwissenschaften das zu enge Krankheits- und Gesundheitsverständnis in einem offenen Brief scharf und verlangten einen erweiterten Blick darauf. 2024 schaffte der SNF das Programm «Doc.CH» ab, ein wichtiges Instrument der Nachwuchsförderung, über das Forschende aus den Geistes- und Sozialwissenschaften einen Beitrag für ihre Dissertation beantragen konnten. Dommann nennt die Streichung einen Riesenskandal, der SNF hielt trotz zahlreicher Proteste daran fest.

Anfang 2026 wurde bekannt, dass von den sechs neuen nationalen Forschungsschwerpunkten, die vom Bund mit hundert Millionen Franken gefördert werden, keines ausschliesslich bei den Geistes- und Sozialwissenschaften angesiedelt ist. Darauf unterschrieben über tausend Universitätsmitarbeitende und Professor:innen – auch Monika Dommann – einen offenen Brief, in dem sie kritisierten, dass nur noch gefördert werde, was wirtschaftlich verwertbar sei. Gemäss der nun eingereichten Petition machen die Einsparungen bei der Verlagsförderung übrigens weniger als ein Prozent des gesamten SNF-Budgets aus. ●