Zur Geschichte der WOZ

Gelebte Basisdemokratie

Beinahe wäre die WOZ gar nicht erschienen. Die Nullnummer im Sommer 1981 enthielt eine Glosse von Niklaus Meienberg, in der dieser die Berichterstattung des «Tages-Anzeigers» satirisch aufspiesste. Die Chefetage des «Tagi» bekam Wind vom Sakrileg, und da das Unternehmen sich den Druckauftrag für das neue Produkt geangelt hatte, stürmten die Konzernchefs in die Druckerei und rissen den verdutzten Druckern – faktisch, wenn auch nicht geradezu wörtlich – die schon gesetzten Seiten aus den Händen. So zeigte sich noch vor Beginn der WOZ-Geschichte, wie nötig eine kritische Stimme gegen den bürgerlichen Einheitsbrei war. Die Nullnummer erschien dann als Notausgabe, und in der ersten offiziellen Nummer vom 1. Oktober 1981 enthüllte die WOZ Pläne der Atomlobby zur Lagerung radioaktiver Abfälle. Beidem, eine kritische Stimme zu erheben und gegen die Atomkraftindustrie zu kämpfen, blieb und bleibt sie treu.

Spitzel unter uns

Geahnt hatte man es schon lang. Aber die WOZ konnte es erstmals belegen: Die Zürcher Jugendbewegung war ab 1980 von den Staatsschutzabteilungen der Zürcher Kantons- und Stadtpolizei systematisch unterwandert worden. Im Oktober 1986 enttarnte Jürg Frischknecht in einer grossen Reportage einen Spitzel und dann noch einen. Frischknecht konnte nachweisen, dass beide als Agent provocateur gewirkt hatten. So hatten sie in einer Sitzung ein Buttersäureattentat auf den damaligen Bundesrat Rudolf Friedrich vorgeschlagen, später sogar Sprengstoff für einen Anschlag auf die Maschinenfabrik BBC angeboten. Zudem konnte Frischknecht belegen, dass es sich dabei nicht um Eigeninitiativen zweier übereifriger Polizisten gehandelt hatte, sondern dass die Vorgesetzten über alle Aktivitäten ins Bild gesetzt worden waren. Die Machenschaften des Staatsschutzes begleitet die WOZ bis heute kontinuierlich.

Basisdemokratie heisst Dichtestress: Plenarversammlung 1982. Foto: Gertrud Vogler
Was interessiert uns die Zeitung von gestern? «Null-Nummer» von 1981, Titelseiten aus den Jahren 1989, 1992, 1996, 2005 und 2018.

Der Gender-Pusch

Das grosse I warf auch in der Redaktion hohe Wellen. Die bestand damals mehrheitlich aus Männern, und die Aktion stellte durchaus Vorherrschaften infrage. Zusammen mit der feministischen Linguistin Luise F. Pusch entwarf im Sommer 1987 eine Projektgruppe eine durchgehend feminisierte WOZ. Dabei ging es nicht nur konsequent um gendergerechte Sprachformen, sondern alle Texte wurden auch darauf befragt, inwiefern sie die Rolle der Frauen angemessen beschrieben. Das war als Gesamtpaket denn doch zu utopisch, aber immerhin – immerhin! – wurde daraus das gendergerechte Binnen-I übernommen. Dieses war vereinzelt schon früher gebraucht worden, im Herbst 1987 wurde es offiziell formalisiert. Die WOZ war damit für die Schweiz eine Pionierin. Im Herbst 2021 wechselte sie schliesslich nach reger interner Debatte zum Genderdoppelpunkt, um auch nichtbinäre Identitäten abzubilden.

Macht der neuen Technologien und Technologiekonzerne hat sich erneut auf die alte Frage der Machtverhältnisse zugespitzt. Ergänzt mit sozialpsychologischen Analysen zur Selbstentmündigung, Selbstentblössung und so weiter.

Der Computer, dein Feind und Helfer

Die Debatte wirkte ein bisschen schräg. Für einmal hinkte die WOZ der Zeit hinterher. Oder eilte ihr vielleicht doch wieder voraus? Da wurde 1986 tatsächlich diskutiert, ob computergesteuerte Satzmaschinen eingeführt werden sollten. Den einfachen Satzcomputern wurden von einer internen WOZ-Gruppe autoritäre Tendenzen zur Machtkonzentration unterstellt. Überzogene Fundamentalkritik? Klar, ohne Computer geht heute kaum mehr etwas. Doch mit Computer geht zu viel. Die Frage nach der Macht der neuen Technologien und Technologiekonzerne hat sich erneut auf die alte Frage der Machtverhältnisse zugespitzt. Ergänzt mit sozialpsychologischen Analysen zur Selbstentmündigung, Selbstentblössung und so weiter.

Hoher Besuch: Max Frisch (Mitte) mit WOZ-Redaktorin Marianne Fehr und WOZ-Autor Niklaus Meienberg, Datum unbekannt. Foto: Gertrud Vogler Foto: Gertrud Vogler
Wie machte man eigentlich eine Zeitung per Schreibmaschine? Eine Art Museum auf der WOZ-Redaktion, 2016. Foto: Beatrice Geistlich

Kulturelle Geldwäschereien

Lücken im Paradies: einst ein provokativer Titel, jetzt vor allem eine Forschungsaufgabe. Noch viele Sprengminen liegen in der Schweizer Geschichte begraben, siehe die Sammlung Bührle im Zürcher Kunsthaus. Dabei gab es viel früher den Fall Flick. 2001 hatte die WOZ aufgegriffen, dass die Familie Flick ihre Kunstsammlung in einem eigenen Museum in Zürich platzieren wollte. Der Flick-Konzern hatte während des NS-Regimes Profite durch Zwangsarbeiter:innen erwirtschaftet. Dieses Geld, fand dann nicht nur die WOZ, sollte in Zürich nicht reingewaschen werden. Dabei kam auch schon die Sammlung Bührle zur Sprache. Deren aktuelle Kritik wiederum wurde von der WOZ früh akzentuiert.

Hehlereien in Zug und anderswo

Luxusvillen am Genfersee von Diktatorensöhnen oder -töchtern. Dubiose Gelder aus Brasilien oder aus Venezuela. Steuer­hinterziehung durch französische Zahnärzte und deutsche IT-Pleitiers. Die Safes, in der in der Schweiz Gelder gebunkert werden, hat die WOZ schon früh geknackt. Auch dass es vor ein paar Jahren fragwürdige Gelder aus der Ukraine gab, hat sie dokumentiert. Noch immer lernen die Schweizer Banken nur auf Druck von aussen. Oder sie lernen gar nicht. Deshalb bleiben sie ein Klumpenrisiko. Die Forderungen werden von der WOZ seit Jahrzehnten hartnäckig vertreten: nicht nur verstärkte Vorschriften und Aufsichtsbehörden, sondern auch ein Umbau des Schweizer Finanzplatzes aus ökonomischen wie aus ethischen Gründen. Von der Rohstoff­industrie und der Ökologie nicht zu schweigen.

Aufbruchstimmung: Das WOZ-Kollektiv auf der Hardturmstrasse, Oktober 2011. Foto: Adrian Elsener
Aber doch nicht so früh am Morgen! Redaktionsalltag, August 2022. Foto: Ursula Häne

Quelle

Diese Vignetten zur WOZ-Geschichte hat der Publizist Stefan Howald verfasst. Von ihm stammt auch das Buch «Links und bündig. WOZ – Die Wochenzeitung. Eine alternative Mediengeschichte» (Rotpunktverlag, Zürich, 2018, 360 Seiten, 39 Franken), in dem er unter vielem anderem die wichtigsten redaktionellen Kontroversen seit der Gründung 1981 nachzeichnet.

Wer sich lieber etwas kompakter und chronologischer informieren möchte, der sei auf den Wikipedia-Eintrag verwiesen.