Israel, Palästina und die Demografie
Noch ist die Bilanz von Israels Krieg in Gaza nur vorläufig. Aber schon jetzt ist klar, dass die Zahl der Todesopfer weit größer sein wird als die Zahl der unmittelbar durch Kugeln und Bomben Getöteten. Die liegt seit Oktober 2023 bei knapp 69 000 Toten und 170 000 Verletzten, beruhend auf den Angaben des Gesundheitsministeriums in Gaza, die vom Büro der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) übernommen werden.1
Beim Abgleich dieser Zahlen mit solchen aus anderen Quellen kommt eine in The Lancet veröffentlichte Untersuchung zu dem Schluss, dass die vom Gaza-Gesundheitsministerium berichteten Todesfälle aufgrund traumatischer Verletzungen um rund 40 Prozent zu niedrig liegen.2 Bereits im Juli 2024 hatte The Lancet eine andere Untersuchung publiziert, wonach „die Zahl der indirekten Todesfälle um das Drei- bis Fünfzehnfache höher liegt als die der direkten Todesfälle“.3
Zudem sind angesichts einer Situation, in der Hunger als Waffe eingesetzt wird und keinerlei Möglichkeit zur Flucht vor der Zerstörung besteht, auch die mittel- und langfristigen Folgen für die Bevölkerung zwangsläufig katastrophal.
„In Gaza leben 2,2 Millionen Menschen, mehr als 10 Prozent von ihnen wurden getötet oder verletzt. Das ist kein sanfter Krieg“, räumte Herzi Halevi ein, der bis März 2025 Generalstabschef der israelischen Armee war. Inzwischen hat auch die palästinensische Statistikbehörde die Bevölkerungszahlen für den Küstenstreifen revidiert, wobei sie nicht nur die Zahl der Toten und Vermissten, sondern auch den Geburtenrückgang einrechnet. Daraus ergibt sich „ein Minus von 6 Prozent gegenüber den für Mitte 2024 prognostizierten Zahlen und von 11 Prozent gegenüber den Prognosen für Mitte 2025“. Letzteres bedeutet 2,114 Millionen Einwohner statt der prognostizierten 2,349 Millionen.4
Das massenhafte Sterben vor allem von Zivilisten zeugt von der Absicht, das palästinensische Volk in diesem Gebiet zumindest teilweise zu vernichten. Das ist ein klarer Verstoß gegen die Konvention zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes von 1948, was mittlerweile zahlreiche Institutionen so sehen, darunter auch israelische. Damit stellt sich die Frage nach den Motiven für diese Verbrechen.
Der durch den 7. Oktober ausgelöste Krieg gegen Gaza findet in einer Zeit statt, in der die demografischen Zahlen darauf hinweisen, dass das zionistische Projekt sich in zweifacher Hinsicht nicht verwirklicht hat: 130 Jahre nachdem Theodor Herzl seine Idee des Judenstaats schriftlich niederlegte,5 lebt im Staat Israel weniger als die Hälfte der jüdischen Menschen weltweit (45 Prozent im Jahr 2022).
Bedeutsamer noch ist die Tatsache, dass die Jüdinnen und Juden innerhalb der Grenzen des historischen Palästinas, das heißt: Israel und die besetzten Gebiete zusammengenommen, mittlerweile in der Minderheit sind: Laut israelischen Statistiken lebten 2024 gut 7,2 Millionen jüdische Israelis zwischen dem Mittelmeer und dem Jordan und 7,5 Millionen arabische Muslime oder Christen (davon 1,7 bis 1,9 Millionen innerhalb Israels). Im Übrigen ist bei der demografischen Entwicklung der langfristige Trend wichtiger als die – zumal in Kriegszeiten zwangsläufig lückenhaften – aktuellen Zahlen.
Die Bevölkerung dieser Region zwischen Mittelmeer und Jordan hat im Lauf der Jahrhunderte mehrere religiöse Konversionen erlebt. In der Antike war die Bevölkerung jüdisch, dann dominierte für mehrere Jahrhunderte das Christentum, bis die Bevölkerung Palästinas im 7. Jahrhundert nach und nach islamisiert wurde. Im Jahr 1878 zählte die Verwaltung des Osmanischen Reiches 472.000 Einwohner, davon 85 Prozent Muslime, 9,2 Prozent Christen und 5,3 Prozent Juden (von denen die Hälfte im Ausland geboren war).6
Der Krieg der Zahlen begann zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Im Jahr 1948, bei der Unabhängigkeitserklärung Israels und während der darauffolgenden Kämpfe, hatten die zionistischen Anführer bereits die Zusammensetzung der künftigen Bevölkerung im Blick. Die Grenzen wurden so gezogen, dass der Staat Israel eine jüdische Mehrheit haben würde, selbst wenn dies mit gewaltsamen Vertreibungen einherging: 1948 wurden rund 700 000 Palästinenser vertrieben. 1968 geschah das auch, in weit geringerem Umfang, in Gaza und auf dem Golan. „Man gebe uns die Souveränität eines für unsere gerechten Volksbedürfnisse genügenden Stückes der Erdoberfläche, alles andere werden wir selbst besorgen“, hatte Theodor Herzl 1896 geschrieben.
Das Projekt eines „jüdischen, zionistischen und demokratischen Staates“ wurde nie anders als vor dem Hintergrund einer jüdischen Bevölkerungsmehrheit gedacht. Um diese sicherzustellen, reichte eine (durch westliche Unterstützung hergestellte) militärische Dominanz allein nicht aus. Alle möglichen Mittel wurden eingesetzt, um Juden aus aller Welt nach Israel zu holen. Dazu konnte man insbesondere auf die Schwierigkeiten der jüdischen Gemeinschaften in Regionen hinweisen, in denen sie seit Jahrhunderten gelebt hatten. Sie kamen ab 1948 aus dem Nahen Osten (und Europa), aus dem Maghreb zur Zeit der Entkolonialisierung, aus Äthiopien 1977, aus der zerfallenden UdSSR und auch aus Frankreich nach den islamistischen Anschlägen von 2015.
1950 verabschiedete die Knesset das „Rückkehrgesetz“, aufgrund dessen sich 3,5 Millionen jüdische Einwanderer in Israel niederlassen konnten. Für die palästinensischen Flüchtlinge jedoch gibt es keine Möglichkeit, in ihre Heimat zurückzukommen. Ihr Rückkehrrecht, das die Resolution 194 der UN-Generalversammlung von 1948 vorsieht, hat der israelische Staat nie anerkannt.
Der einseitige Zustrom sorgte dafür, dass die jüdische Bevölkerung über Jahrzehnte stetig zunahm. Selbst nachdem Israel 1967 im Sechstagekrieg mit dem Westjordanland und Gaza neue Gebiete erobert hatte, lag die jüdische Bevölkerungszahl mehr als doppelt so hoch wie die arabisch-palästinensische (2,684 Millionen gegenüber 1,123 Millionen im Jahr 1968). Doch im Laufe der Zeit versiegte die Zuwanderung. Und seit 2010 sind mehr Israelis ausgereist als zurückgekehrt. Diese Netto-Abwanderung kann seit 2024 nicht mehr durch jüdische Einwanderung kompensiert werden.
Vor der Zerstörung Gazas waren die Palästinenser also aufgrund des natürlichen Bevölkerungszuwachses – der Differenz zwischen Geburten und Todesfällen – auf dem besten Weg, den demografischen Kampf für sich zu entscheiden. Seit der von den Briten 1944 durchgeführten Volkszählung ist die palästinensische Bevölkerung in der Region auf das Zwölffache angewachsen, von 1,2 auf 14,8 Millionen Menschen, von denen aber die Hälfte als Flüchtlinge außerhalb Israels und der besetzten Gebiete lebt. Zwar steigt seit etwa 20 Jahren die Geburtenrate auch bei den jüdischen Israelis – vor allem bei den Orthodoxen und bei den Siedlern –, aber der demografische Effekt wird erst mittelfristig wirksam werden.
Eine Zweistaatenlösung hätte eine jüdische Mehrheit im Staat Israel sichergestellt. Das hatte Jitzhak Rabin zum Zeitpunkt der Osloer Verträge verstanden, wie auch später Ariel Sharon, der 2005 als Regierungschef alle jüdischen Siedlungen im Gazastreifen und einige im Westjordanland räumen ließ. Doch Benjamin Netanjahu, der sich mit Hilfe von Extremisten an der Macht hält, hängt der Vision eines „Großisrael“ an, vom Meer bis zum Jordan.
Ein solches Staatsgebilde kann jedoch nur existieren, wenn es seinen demokratischen Charakter aufgibt – denn es bedeutet entweder, dass das apartheidartige System ausgeweitet wird oder die Palästinenser vertrieben oder vernichtet werden: eine Wahl zwischen drei Verbrechen.
Philippe Descamps
1 „Reported impact snapshot, Gaza Strip“, United Nations Office for the Coordination of Humanitarian Affairs (OCHA), 5. November 2025.
2 Hanan Abukmail u. a., „Traumatic injury mortality in the Gaza strip from Oct 7, 2023, to June 30, 2024: a capture–recapture analysis“, The Lancet, 8. Februar 2025.
3 Rasha Khatib, Martin McKee und Salim Yusuf, „Counting the dead in Gaza: difficult but essential“, The Lancet, Juli 2024.
4 Zahlen der israelischen (cbs.gov.il) oder der palästinensischen (pcbs.gov.ps) Statistikbehörde.
5 Theodor Herzl, „Der Judenstaat“, 1896, lesbar bei Projekt Gutenberg.
6 „Demographics of Historic Palestine prior to 1948“, cjpme.org, Juni 2022.
Aus dem Französischen von Jakob Farah
Philippe Descamps ist Redakteur bei LMd, Paris.