Streit um Israel

Le Monde diplomatique –

Das Thema Nahost spaltet die US-Rechte

Der Nahostkonflikt spaltet die US-Politik – sowohl die Demokraten als auch die Republikaner.

Auffällig ist der Bruch zwischen den Generationen: Besonders kritisch auf die israelische Regierung blicken junge Leute, die sich meist in sozialen Netzwerken und über Youtube informieren. Die Parteigänger Israels sind meist älteren Jahrgangs und geprägt von traditionellen Medien wie der New York Times oder Fox News, die seit jeher den Spitzen der Demokraten beziehungsweise der Republikaner Raum und Stimme geben.

Am 2. Februar 2021 beschloss der Senat mit einer Mehrheit von 97 gegen 3 Stimmen, die US-Botschaft in Israel solle weiterhin in Jerusalem bleiben. Deren Umzug aus Tel Aviv, wo fast alle übrigen Botschaften angesiedelt sind, war zuvor in Trumps erster Amtszeit verfügt worden und hatte mit dem Völkerrecht und einer beinahe 70 Jahre währenden Tradition gebrochen.

Mit diesem Votum setzte Präsident Biden die Politik von Trump fort, die er ansonsten ablehnte. Immerhin hatte er eine Rede zum israelischen Nationalfeiertag 2015 mit folgenden Worten eröffnet: „My name is Joe Biden, and everybody knows I love Israel.“

In der Folge hat sich diese Zuneigung in Bidens Partei deutlich abgekühlt. Eine Begebenheit im Juni 2025, im Zuge der Vorwahlen der Demokraten für das New Yorker Bürgermeisteramt, war dafür bezeichnend. Bei einem Fernsehduell hatte Zohran Mamdani damals eine Frage zu beantworten, die seinen Konkurrenten keinerlei Probleme bereitete: „Welche Auslandsreise würden Sie als gewählter Bürgermeister als Erstes antreten?“ Allen war klar, welche Antwort die richtige war. „Meine erste Reise? Ins Heilige Land“, erklärte die Kandidatin Adrienne Adams. Volle Punktzahl.

Der Favorit in den damaligen Umfragen und ehemalige Gouverneur von New York, Andrew Cuomo, erklärte: „Bedenkt man die Israelfeindlichkeit und den Antisemitismus in New York, würde ich nach Israel reisen.“ Auch Whitney Tilson konnte nur zustimmen: „Ich würde zum vierten Mal nach Israel reisen und anschließend zum fünften Mal in die Ukraine. Die beiden zählen zu unseren engsten Verbündeten an vorderster Front im globalen Krieg gegen den Terror.“

Dann war Mamdani an der Reihe: „Ich würde in New York City bleiben. Ich will unsere Einwohner in allen fünf Bezirken erreichen.“ Die Einmütigkeit war gebrochen. Die Moderatorin musste nachhaken: „Herr Mamdani, eine kurze Frage: Würden Sie als Bürgermeister nach Israel reisen?“ Trotzig erklärte der Kandidat erneut, ihm gehe es in erster Linie um New York.

Die Journalistin ließ nicht locker und legte ihm die richtige Antwort geradezu in den Mund: „Ja oder Nein: Glauben Sie an den jüdischen Staat Israel?“ Doch Mamdani, der den Gazakrieg als Völkermord bezeichnet hatte, ließ sich darauf nicht ein: „Ich glaube an das Existenzrecht Israels, als einen Staat mit gleichen Rechten für alle seine Bürger.“

Cuomo frohlockte: „Das war ein Nein, er fährt nicht nach Israel!“ Er war sich sicher: Sein muslimischer Konkurrent hatte soeben einen Fehler begangen, der nur einem Anfänger passieren konnte – in einer Metropole mit 1,3 Millionen jüdischen Bürgern! Doch Cuomo täuschte sich, er unterlag ebenso bei den parteiinternen Vorwahlen im Juni und auch als unabhängiger Kandidat bei der Bürgermeisterwahl am 4. November 2025.

An diesem Tag stimmte jede und jeder Dritte der jüdischen Bevölkerung New Yorks für Mamdani. 60 Prozent der Wähler:innen nannten Mamdanis Standhaftigkeit als einen der Gründe für ihre Wahlentscheidung. Der Besuch der Klagemauer war obligatorisch geworden, wer ihn verweigerte, bewies Courage.

Eine ähnliche Umwälzung ist bei den Republikanern zu beobachten, und zwar insbesondere bei Trumps America-First-Gefolgschaft. Zu deren Lieblingsfeinden zählt Lindsey Graham, Senator von South Carolina, ein zynischer und korrupter Südstaatler wie aus der Feder von William Faulkner oder Tennessee Williams.

Der beinharte Neokonservative unterstützt Kriege – im Irak, in Syrien, in der Ukraine, in Iran, in Gaza, in Venezuela; ebenso schätzt er den militärisch-industriellen Komplex, der seine Wahlkämpfe finanziert. Auch Netanjahu besitzt die Zuneigung Grahams, der auf einem gemeinsamen Video den Vorwurf, Israel setze Hunger in Gaza als Kriegswaffe ein, als „Blutlüge“ bezeichnet.1

Der rechtsextreme Influencer Tucker Carlson dagegen verabscheut die Neokonservativen und lehnt jede Hilfe für Israel ab, wie überhaupt jedes militärische Engagement der Vereinigten Staaten im Nahen Osten. Um Graham zu diskreditieren, hat er dessen Videos massiv verbreitet und kommentiert. Im November 2026 will Graham erneut in den Senat gewählt werden, und Trump unterstützt ihn. Carlson spricht sich dagegen bei den republikanischen Vorwahlen für dessen Rivalen aus.

Dass Carlson mit seiner Kampagne Erfolg hat, ist jedoch längst nicht ausgemacht, auch wenn der talentierte Polemiker unter anderem mit seinem Youtube-Kanal auf große Resonanz stößt. Nicht ohne Grund haben weit moderatere Stimmen als die seine den US-Kongress bereits als israelisch besetztes Gebiet bezeichnet. Dort setzt die berüchtigte und sehr erfolgreiche Lobbygruppe American Israel Public Affairs Committee (Aipac) den Ton.2 Mit dem Ergebnis, dass Israel dasjenige Land der Welt ist, das von den Vereinigten Staaten am meisten unterstützt wird – seit dem 7. Oktober 2023 mit 22 Milliarden Dollar. Allein im letzten Jahr hat jeder US-Steuerzahler 112 Dollar für Netanjahus Armee bezahlt.

Kontrovers diskutiert wurde diese Verschwendung zugunsten eines Staats, dessen Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf auf dem Niveau von Deutschland liegt, bis heute nicht. Kurz vor Ende seiner Amtszeit 2016 versprach Barack Obama Israel für den Zeitraum 2018 bis 2028 insgesamt 38 Milliarden Dollar.

Nikki Haley signiert eine israelische Granate

Lindsey Graham war damals Vorsitzender des Senatsunterausschusses zur Verteilung der Auslandshilfe und forderte mehr. Seit dem 7. Oktober wurden seine Wünsche erfüllt; nach Angaben des demokratischen Senators Bernie Sanders vom Juli 2025 finanzierten die USA den Gazakrieg zu 70 Prozent.3

Das sind große Summen, doch diese Zahlen umfassen noch nicht das ganze Ausmaß der US-Unterstützung. Eigentlich müsste man noch die Hilfsgelder Washingtons für Ägypten (jährlich 1,4 Milliarden Dollar) und Jordanien (2024: 1,8 Milliarden Dollar) hinzuzählen. Denn die flossen erst, nachdem – und weil – beide Länder Friedensverträge mit Israel geschlossen haben.

Man erinnere sich an den Februar 2025, als Trump laut darüber nachdachte, den Gazastreifen zu entvölkern und zur Riviera des Nahen Ostens umzugestalten. Damals drohte der US-Präsident, die Zahlungen an Ägypten und Jordanien einzustellen, sollten sie nicht bereit sein, vertriebene Palästinenser dauerhaft aufzunehmen.4

Was für den US-amerikanischen Steuerzahler ein Fass ohne Boden ist, steht im eklatanten Widerspruch zu Trumps Versprechen, mit all den undankbaren Ländern abzurechnen, die die Generosität der Vereinigten Staaten missbrauchen. Im Wahlkampf fielen solche Äußerungen bei den Anhängern der America-First-Doktrin auf fruchtbaren Boden.

Stimmen vom neokonservativen Parteiflügel äußern sich da anders, etwa Nikki Haley, die Rivalin Trumps bei den Vorwahlen. Sie beteuert, nicht Israel brauche die Vereinigten Staaten, sondern „die Vereinigten Staaten brauchen Israel“. Am 29. Mai 2024 schrieb sie auf ein für Gaza bestimmtes Artilleriegeschoss „Macht sie fertig! Amerika liebt Israel.“

Dergleichen ist eine Steilvorlage für Carlson und andere, die nun öffentlich fragen, wie es möglich sei, dass ein „winziges und an sich unbedeutendes Land“ mit „der Wirtschaftskraft von Arizona und der Bevölkerungsstärke von Burundi“ die Supermacht USA in einem „Zustand dauerhafter Einschüchterung“ halte.

Eine Antwort darauf gaben bereits 2007 die renommierten Politikwissenschaftler John Mearsheimer und Stephen Walt mit ihrem Buch „Die Israel-Lobby“.5 Im Vorwort der 500-Seiten-Studie mit beinahe 1500 Anmerkungen heißt es zusammenfassend: Das „bemerkenswerte Ausmaß materieller und diplomatischer Unterstützung Israels durch die Vereinigten Staaten“ lasse sich „nicht allein mit strategischen oder moralischen Gründen erklären“. Sie gehe „größtenteils auf das politische Gewicht der Israel-Lobby zurück – eines lockeren Verbunds von Individuen und Gruppen, der versucht, die US-Außenpolitik zugunsten Israels zu beeinflussen“.

Das Ergebnis dieser Einflussnahme sahen die beiden Professoren bereits damals kritisch: „Die Vereinigten Staaten werden ermutigt, Israel mehr oder weniger bedingungslos zu unterstützen. Gruppen und Einzelpersonen aus der Lobby spielten aber auch eine wichtige Rolle bei der Ausarbeitung der amerikanischen Politik im Hinblick auf den israelisch-palästinensischen Konflikt, die unselige Invasion im Irak und die fortdauernde Konfrontation mit Syrien und Iran.“ Die Nahostpolitik der Vereinigten Staaten widerspreche ihrem nationalen Interesse und würde „auf lange Sicht sogar Israel schaden“.

Seit zwei Jahren wird dieses Buch regelmäßig zitiert, von Linken wie von Rechten, von Anhängern Mamdanis wie von Carlson-Fans. Die Analyse der beiden Professoren interessiert heute nicht mehr nur aktivistische oder akademische Randgruppen. Sie wird von Youtubern mit enormer Reichweite verbreitet, deren Videos mitunter millionenfach angeklickt werden.

Dieses Echo ist einigermaßen erstaunlich, nachdem die im Buch dargelegten Gedanken anfangs kaum an die Öffentlichkeit gelangt waren, ja geradezu zensiert wurden. Die Zeitschrift Atlantic Monthly lehnte 2005 einen Essay zu dem Thema ab, obwohl sie ihn drei Jahre zuvor selbst angefragt hatte. Seit bald 20 Jahren verweisen Mearsheimer und Walt auf zwei Besonderheiten der von ihr untersuchten Lobbygruppen: Einmal deren Stabilität und Resilienz, die in der Geschichte der Vereinigten Staaten kaum ihresgleichen hat. Zum anderen die Tatsache, dass sie nicht etwa als „jüdische Lobby“ betrachtet werden darf, sondern als eine, die in zunehmendem Maße evangelikale Christen umfasst.

Das besondere US-israelische Verhältnis reicht allerdings weiter zurück als das Erstarken dieser fundamentalistischen Interessengruppe. Der britische Historiker Perry Anderson etwa merkt an, dass die USA zwar stets darauf bedacht waren, nicht mit den im 18. und 19. Jahrhundert entstandenen europäischen Kolonialreichen in Verbindung gebracht zu werden.

Tucker Carlson wütet gegen Neocons

Dennoch hätten sie später ein expansives Land unterstützt, das just in einer Phase weltweiter Dekolonisierung gegründet worden ist. Besonders riskant sei das, weil man sich rückhaltlos aufseiten eines Staats engagiere, der auf einer ausdrücklich religiösen Grundlage errichtet wurde, und zwar in einem Gebiet, in dem diese Religion absolut in der Minderheit gewesen sei. Man könne sich, so schließt Anderson, „kaum eine explosivere Gemengelage ausmalen“.6

Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse, die Aipac vorzuweisen hat, beachtlich. Eric Alterman, der sich als Historiker und Journalist mit dem Thema gründlich befasst hat, schreibt, die proisraelische Lobbyorganisation übe ihren Einfluss nicht über Geld aus. „Sie rekrutiert Kongresskandidaten und hilft ihnen bei der Besetzung ihrer Büros, wenn sie gewählt werden. Sie verfasst Gesetzentwürfe, organisiert Empfänge und diffamiert diejenigen, mit denen sie nicht einer Meinung ist.“7

Ihre Macht und ihr Einfluss hätten im Kapitol eine Atmosphäre geschaffen, so Alterman, in der ihre Lobbyisten kaum mehr aktiv werden müssen. Allein die Aussicht auf eine ablehnende Haltung der Aipac genüge, damit bestimmte politische Optionen verworfen werden.

So rühmt sich die Aipac auf ihrer Website, man habe dafür gesorgt, dass die Vereinigten Staaten weiterhin Milliarden Dollar für Israel bereitstellen, dass sie ihre Sanktionen gegen Iran verschärfen, dass sie Privatunternehmen zur Achtung israelischer Interessen zwingen und dass sie den Krieg in Gaza bis zur Zerschlagung der Hamas unterstützen.

Doch seit Oktober 2023 wird die Kritik lauter. Oder wird eher gehört, weil sie sich über Podcasts und soziale Netzwerke verbreiten kann. Denn die Mainstreammedien hatten sich zuvor kaum für dem immensen Einfluss der Aipac interessiert. Von diesem berichtet etwa auch Matt Gaetz, ein ergebener Anhänger von Donald Trump. Auf Mitglieder des Repräsentantenhauses, erinnert sich Gaetz, gebe es „handfesten Druck von der republikanischen Spitze im Kongress und auch von den Ausschussvorsitzenden selbst. Wer im Außenausschuss, im Verteidigungs- oder im Geheimdienstausschuss sitzt, soll unbedingt an einer Aipac-Reise teilnehmen.“

Das tat Gaetz. Und befand sich dabei in zahlreicher Gesellschaft, denn seit 2012 führte mehr als ein Viertel der rund 4000 Auslandsdienstreisen US-amerikanischer Parlamentarier und ihrer Mitarbeiter nach Israel. Damit erhielt ein einziges Land mehr parlamentarische Besuche als Kanada, ganz Lateinamerika und ganz Afrika zusammen.8

Sind sie dann in Israel, werden die Parlamentarier aufmerksam umsorgt. „Ich war im King-David-Hotel untergebracht“, so Gaetz weiter, „und ging noch einmal auf mein Zimmer, während der Rest schon zu einem Gruppentermin unterwegs war. Und da war ein Typ in meinem Zimmer, der sich als Hotelangestellter ausgab und angeblich Inventur machte, aber nicht einmal ein Klemmbrett dabeihatte.“ Im November 2024 musste Gaetz wegen Ermittlungen gegen ihn – unter anderem wegen sexuellen Missbrauchs einer Minderjährigen – seinen Sitz im Abgeordnetenhaus aufgeben. Bei seiner Anhörung als designierter Minister vor dem Senat fiel er krachend durch und schimpfte später über Fragen zu seinem Verhältnis zu Israel. Die Antwort könne ja im Hinblick auf den Justizminister kein wesentliches Anliegen der Wähler sein.

Die Kritiker der US-amerikanischen Nahost-Politik glauben den Grund für solche Fragen zu kennen: Angst und Geld. Die proisraelische Lobby habe bereits 1982 unter Beweis gestellt, dass sie Abweichler abstrafen kann. Damals vereitelte sie die Wiederwahl des langjährigen republikanischen Abgeordneten Paul Findley aus Illinois, nachdem er sich mit Jassir Arafat getroffen hatte.

Zwei Jahre später musste der damalige Vorsitzende im Außenausschuss des Senats, Charles Percy, das Feld räumen, nachdem die Aipac bei den parteiinternen Vorwahlen einen republikanischen und bei den Kongresswahlen einen demokratischen Gegenkandidaten finanziert hatte. Findley wie auch Percy verschwanden von der politischen Bühne.

Vor den Wahlen vom November 2024 investierte die Aipac die Rekordsumme von 45,2 Millionen Dollar. Einen erheblichen Teil davon, um die Wiederwahl zweier linker Demokrat:innen zu verhindern: Jamaal Bowman in New York und Cori Bush in Missouri. Beide hatten früh eine Feuerpause in Gaza gefordert. Im aktuellen Kongress haben 349 Parlamentarier, das sind 65 Prozent aller Abgeordneten und Senatoren, Gelder von proisraelischen Lobbyorganisationen, also von der Aipac, der Anti-Defamation League oder dem United Democracy Project erhalten.9

Demokratische Kandidaten erhielten von der Aipac mehr Wahlkampfspenden als die republikanischen (58,6 gegenüber 38,5 Prozent).10 Der republikanische Sprecher des Repräsentantenhauses, Mike Johnson, bekam 654 000 Dollar, der Fraktionsführer der Demokraten im Repräsentantenhaus, Hakeem Jeffries (der bei Bürgermeisterwahl in New York am Ende doch noch Zohran Mamdani unterstützte), 933 000 Dollar. Sein Amtskollege Charles Schumer – Fraktionsführer der Demokraten im Senat – wurde ebenfalls in New York und ebenfalls mit Aipac-Unterstützung gewählt. Er gab zur Bürgermeisterwahl keine Empfehlung ab.

Präsident Trump selbst zeigt bisweilen sein entwaffnendes Talent, den korrumpierten Zustand der US-amerikanischen Demokratie offenzulegen: Zwei Monate vor seiner Wiederwahl trat er beim Israeli American Council in Gegenwart von Miriam Adelson auf. Die gebürtige Israelin, Witwe des 2021 verstorbenen Milliardärs und Glücksspielmagnaten Sheldon Adelson, ist Donald Trumps bei Weitem größte Geldgeberin.

Miriam Adelson erhält die Presidential Medal of Freedom

Bei der Veranstaltung am 20. September 2024 blickte er folgendermaßen auf die Nahostpolitik seiner ersten Amtszeit zurück: „Ich habe die Golanhöhen als Staatsgebiet Israels anerkannt. Miriam und Sheldon waren oft im Weißen Haus, öfter waren wohl nur die dort, die da arbeiten. Und wenn ich den beiden etwas für Israel gab, wollten sie schon bald etwas Neues. Ich sagte immer, lasst mir zwei Wochen Zeit, bitte. Dann habe ich ihnen die Golanhöhen gegeben, darum hatten sie mich noch gar nicht gebeten. Auch Sheldon hatte das nicht gewagt. Und was hab ich getan? Ich bat David Friedman [damals US-Botschafter in Israel], er soll mir einen Schnellkurs zum Golan geben, maximal fünf Minuten. Das hat er gemacht, und ich sagte: Okay, machen wir. So haben wir das in einer Viertelstunde geregelt.“11

Davor hatte Trump dem Paar ein anderes Geschenk gemacht: Er verlieh Miriam Adelson die Presidential Medal of Freedom, eine der beiden höchsten zivilen Auszeichnung der Vereinigten Staaten. Seit 2012 haben die Adelsons der Republikanischen Partei insgesamt 200 Millionen Dollar gespendet. Und da die Witwe mehr als die Hälfte dieser Summe allein 2024 für die Wiederwahl Trumps zur Verfügung stellte, stimmt dieser vielleicht eines Tages doch noch einer Annexion des Westjordanlands zu.

Damit würde Trump allerdings auf zwei innenpolitische Hindernisse stoßen: die Öffentlichkeit und die Youtube-Stars der jungen Republikaner. Das Urteil der Öffentlichkeit ist klar: Für die Politik der gegenwärtigen israelischen Regierung einzutreten, gilt in den Vereinigten Staaten inzwischen als toxisch. Israels Vorgehen in Gaza wird von 60 Prozent der US-Amerikaner abgelehnt, nur 32 Prozent unterstützen es.

Und zum ersten Mal seit Beginn der Umfragen 1998 unterstützt eine Mehrheit die Palästinenser. Auch bei den jüdischen US-Bürger:innen ist eine Verschiebung zu beobachten: 2013 waren 30 Prozent der Meinung, die USA würden Israel nicht ausreichend unterstützen. 10 Prozent hingegen hielten die US-Hilfe für überhöht. Diese Zahlen haben sich laut Washington Post vom 4. Oktober 2025 verkehrt: 20 Prozent sehen ein Zuwenig, 32 Prozent ein Zuviel an Unterstützung. Eine beträchtliche Minderheit dieser Bevölkerungsgruppe, nämlich 39 Prozent, ist zudem der Auffassung, die israelische Armee begehe in Gaza einen Völkermord.

Die Republikanische Partei hat, was die Spaltung über dieses Thema betrifft, ein größeres Problem als die Demokraten. Beide Lager stehen sich in einem erbitterten Streit unversöhnlich gegenüber, titulieren sich als Verräter oder als Neonazis. Die einen – jung und nationalistisch – sind empört, dass ihr Präsident praktisch blind für die Sache eines Netanjahu eintritt. Die anderen sind empört, dass man ihnen vorwirft, sie würden aus „Make America Great Again“ in doppelter Loyalität „Make Israel Great Again“ machen.

Für Letztere ist das Schicksal beider Länder, mitunter auch aus religiösen Gründen, untrennbar miteinander verbunden: „Wenn Amerika Israel fallen lässt, wird Gott uns fallen lassen“, tönt etwa Senator Graham. Und sein Kollege Ted Cruz sagte in einem Interview mit Tucker Carlson: „Als Senator hatte ich von Anfang an die erklärte Absicht, als der entschiedenste Kämpfer für Israel aufzutreten.“

Der Antisemitismusvorwurf gegen Kritiker:innen der israelischen Politik hat sich mittlerweile abgenutzt. Zudem wirkt er grotesk vor dem Hintergrund, dass sich die jüdischen US-Amerikaner:innen von Israel abwenden, während sich evangelikale Christen leidenschaftlich für den jüdischen Staat starkmachen. Doch selbst im Lager der Evangelikalen zeigen sich Risse.

Ein Beispiel ist Charlie Kirk, der am 10. September einem Attentat zum Opfer fiel: Sein Kernpublikum war jung, männlich, christlich, weiß und ultrakonservativ. Er verbreitete seine Ansichten und seinen Glauben erfolgreich an US-amerikanischen Universitäten. Doch auch ihn schimpfte man einen Antisemiten, nachdem er die US-Politik im Nahen Osten öffentlich in Zweifel gezogen und eine Abneigung gegen Netanjahu geäußert hatte. In der Folge verlor Kirks Organisation Turning Point USA die Unterstützung mehrerer jüdischer Großspender.

Von Teilen des Trump’schen Kosmos, in dem man obsessiv an Verschwörungen glaubt, wurde das Attentat auf Kirk ohne jegliche Beweise prompt den israelischen Geheimdiensten angelastet. Die Anschuldigung verbreitete sich derart rasant, dass Netanjahu sie umgehend dementierte (diese „abscheulichen Gerüchte sind womöglich von Katar finanziert“). Zudem lobte der israelische Ministerpräsident den neuen Märtyrer der Republikanischen Jugend in den höchsten Tönen als „Löwenherz und Freund Israels“.

Die sogenannte Epstein-Affäre fügt dem Ganzen noch eine verschwörungstheoretische Umdrehung hinzu: Der mysteriöse Suizid des Milliardärs Jeffrey Epstein in der Untersuchungshaft, seine vermeintliche Rolle als Agent oder Informant des Mossad, seine Kontakte und Beziehungen in höchste Kreise (von Clinton bis Trump) sowie die zögerliche Veröffentlichung der Ermittlungsakten – all das trug zum Bild einer politischen Klasse bei, die für die Manipulationen und Machenschaften einer ausländischen Lobby empfänglich sei.

Trump hätte die Affäre gern beerdigt, in die er – wie viele andere – verwickelt ist. Doch er musste den Unmut in seiner Wählerbasis eindämmen.

Für Murren sorgt auch Trumps Ansinnen, diejenigen Medien an die Kandare zu nehmen, die in Wort und Bild der Kritik am Trump-Staat eine Bühne bieten. Als Begründung werden oft Hassrede und Antisemitismus bemüht. So machte Tucker Carlson sich angreifbar, als er den Podcaster Nick Fuentes in seine Sendung einlud. Fuentes, dessen Publikum vor allem junge weiße Männer und insbesondere sozial isolierte Incels (involuntary celibate) sind, bezeichnet sich seit seinem 18. Lebensjahr als Trump-Anhänger.

Seit seine oftmals frauenfeindlichen, rassistischen und antisemitischen Tiraden in den sozialen Netzwerken nicht mehr zensiert werden, verbreitet er seine Botschaften fleißig, aber ohne übermäßigen Erfolg. Vor drei Jahren war er dann sogar, zusammen mit dem nach rechts abgebogenen Rapper Kanye West, zu einem Abendessen auf Trumps Anwesen Mar-a-Lago geladen. Aber inzwischen hat sich Fuentes zunehmend auf die Israelkritik verlegt, und bei den Republikanern schrillen die Alarmglocken.

Ihrer Ansicht nach verbreitet sich der „neue Antisemitismus“ unter palästinensischer Flagge vor allem bei den Linken. (Auch in anderen Ländern ist diese Behauptung ja durchaus verbreitet.) Nun mussten die Republikaner aber erkennen, dass der alte Antisemitismus im eigenen Lager immer noch sehr lebendig ist.

Angesichts massiver Kritik nach seinem Gespräch mit Fuentes verwies Carlson lediglich darauf, dass er als Journalist nicht unbedingt einer Meinung sei mit seinen Gesprächspartnern und dass er doch der Gleichsetzung von proisraelischer Lobby und „Weltjudentum“ widersprochen habe. Im Übrigen habe er Fuentes keine Extraplattform geboten, dieser erreiche auch allein ein breites Publikum.

Die moralische Entrüstung und die Befürchtungen proisraelischer Republikaner scheinen allerdings übertrieben, zumal diejenigen, die sie zum Ausdruck bringen, selbst für verbalen Vernichtungswillen bekannt sind. Der richtet sich jedoch gegen Palästinenser. So bemerkte etwa Lindsey Graham am 14. Mai 2024 auf NBC: „War es okay, dass die Vereinigten Staaten zwei Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki geworfen haben, um den existenzgefährdenden Krieg zu beenden? Ich denke, es war okay. Und ich sage Israel: Tut, was ihr tun müsst, um als jüdischer Staat zu überleben.“

Das sind keine bloßen neofaschistischen Ausfälle eines Youtubers, sondern die einen Völkermord befürwortenden Worte eines US-Senators.

Die Republikanische Partei befindet sich – nachdem sie 2016 von Trump gekapert und schließlich unter dem Präsidentenkult geeint wurde – erneut in einer schweren Krise. Die Neokonservativen, denen auch Graham und Außenminister Marco Rubio zuzurechnen sind, hatten eigentlich darauf gehofft, die Partei nach der Amtszeit des gegenwärtigen Präsidenten in die relative ideologische Ruhe der alten Reagan-Ära zurückzusteuern.

Doch die zunehmende Abneigung gegen die israelische Regierung, die auch in ultrakonservativen Kreisen wächst, macht diese Aufgabe komplizierter. Für Vizepräsident J. D. Vance, der den Ideen von Tucker Carlson nähersteht, wird dessen Radikalisierung und Popularität zum Problem; denn Vance kann sich nicht einfach von der Linie Trumps in der Nahostpolitik lossagen.

Für die Demokraten liegt die Sache einfacher. Die proisraelische Politik eines Clinton, Obama und Biden hat in der Mehrheit der Bevölkerung keinen Rückhalt mehr. Senator John Fetterman, der eine solche Linie weiterhin vertritt, räumt ein, dass sie ihn „den Sitz kosten könnte“. Die potenziellen Präsidentschaftskandidaten der Demokraten für die Wahl 2028 – etwa Pete Buttigieg, Gavin Newsom oder Cory Booker – wissen, dass diese Linie politisch tödlich ist, und reagieren auf entsprechende Fragen ausweichend.

Viele demokratische Parlamentarier verzichten inzwischen auf die Unterstützung durch die Aipac. Seth Moulton, der für Massachusetts im Repräsentantenhaus sitzt, hat am 16. Oktober sogar erklärt, er werde alle Spenden zurückzahlen, die er von der Organisation je erhalten habe. Selbst die vollfinanzierten Bildungsreisen ins Heilige Land finden unter den neu gewählten Abgeordneten nur noch halb so viele Interessenten.12

Da Israel jedoch nach wie vor stark von den Vereinigten Staaten abhängig ist, sind diese Entfremdung und diese Abkehr nicht unbedingt eine gute Nachricht für die Palästinenser, jedenfalls nicht kurzfristig. Denn Netanjahu und seine Verbündeten können durchaus zu dem Schluss gelangen, dass der Freibrief aus Washington seine jahrzehntelange Gültigkeit verlieren könnte. Vielleicht schon in drei Jahren. Und das könnte sie veranlassen, ihr Projekt Großisrael mit noch mehr Nachdruck zu verfolgen.

1 Als Blutlüge (blood libel) wird die bereits im Mittelalter verbreitete Behauptung bezeichnet, Juden begingen Ritualmorde an christlichen Kindern. Zu den Videos siehe Lauren Sforza, „Graham posts series of videos with Netanyahu after UN vote spat“, The Hill, 26. März 2024.

2 Siehe Eric Alterman, „Die andere jüdische Lobby“, LMd, Oktober 2009.

3 „Sanders Forces Vote to Stop Arms Sales to Israel Amid Starvation in Gaza“, Presseerklärung, 30. Juli, 2025.

4 Zolan Kanno-Youngs und Shawn McCreesh, „Trump Says He May Cut Aid to Jordan and Egypt if They Don’t Take Gazans“, The New York Times, 10. Februar 2025.

5 John J. Mearsheimer und Stephen M. Walt, „Die Israel-Lobby. Wie die amerikanische Außenpolitik beeinflusst wird“, Frankfurt am Main (Campus) 2007.

6 Perry Anderson, „American Foreign Policy and its Thinkers“, London (Oxford University Press) 2015.

7 Eric Alterman, „The coming Jewish civil war over Israel“, The New Republic, 8. Mai 2025.

8 Aidan Hughes, Cait Kelley und Daryl Perry, „Members of Congress have taken hundreds of AIPAC-funded trips to Israel in the past decade“, The Howard Center for Investigative Journalism, University of Maryland, 1. November 2024.

9 Hafiz Rachid, „Aipac Spent a Record Amount on the 2024 Election“, The New Republic, 8. Januar 2025.

10 Andrew Cockburn, „Playing Dead“, Harper’s Magazine, August 2025.

11 „Trump addresses Israeli-American Council in D. C. Full Speech“, Youtube, 20. September 2024.

12 Annie Karni, „Democrats Pull Away From AIPAC, Reflecting a Broader Shift“, The New York Times, 2. Oktober 2025.

Aus dem Französischen von Andreas G. Förster

Serge Halimi ist ehemaliger Direktor von LMd, Paris.