Zwischen zwei Giganten
Bhutan war nie kolonialisiert. 1907 ersetzte eine Erbmonarchie das frühere dualistische Machtgefüge aus weltlicher und spiritueller Herrschaft, die auf einer Reihe von Reinkarnationen beruhte. Der erste König, Ugyen Wangchuck, wandte sich dem Süden zu, also dem unter britischer Kolonialherrschaft stehenden Indien, das er als politischen Verbündeten und Handelspartner betrachtete.
Damals bemühten sich die Briten, Bhutan zu einer Pufferzone zu machen. Der chinesische Einfluss, der sich schon damals in Tibet bemerkbar machte, sollte in der schwer zugänglichen Region zwischen den Ebenen des nordostindischen Assam und den Gipfeln des Himalaja möglichst zurückgedrängt werden. 1910 wurde der Vertrag von Punakha zwischen Britisch-Indien und Bhutan unterzeichnet, in dessen Artikel 2 es heißt: „Die Regierung von Bhutan erklärt sich bereit, sich in ihren Außenbeziehungen von den Empfehlungen der indischen Regierung leiten zu lassen.“
Die Bestimmung wurde 1949 in einen Pakt mit dem zwei Jahre zuvor unabhängig gewordenen Indien übernommen. Wie uneindeutig der Status Bhutans war, spiegelt sich in der französischen Zeitung Le Monde wider, die damals eine Meldung aus Neu-Delhi aufgriff und titelte: „Bhutan tritt der Indischen Union bei“. War Bhutan nun ein in seinen inneren Angelegenheiten autonomer Staat der Indischen Union oder ein unabhängiger Staat, dessen Außenpolitik von Neu-Delhi aus kontrolliert wurde?
1971 trat das Land den Vereinten Nationen bei. Anschließend knüpfte es nach und nach diplomatische Beziehungen zu internationalen Institutionen und anderen Staaten, stets mit Zustimmung der indischen Regierung. Bhutans Nachbar, das Königreich Sikkim, wurde hingegen 1975 von Indien annektiert.
Erst 2007 wurde schließlich der Vertrag, der Bhutan an seinen großen Nachbarn bindet, überarbeitet. Artikel 2 wurde gestrichen, was einer offiziellen Unabhängigkeit gleichkam. Für Thierry Mathou, zu dieser Zeit französischer Botschafter in Indien und Experte für die Himalajaregion, ist die bhutanische Außenpolitik vor allem pragmatisch: Sie knüpfe „diplomatische Beziehungen zu Ländern, die ihr in Bezug auf öffentliche Entwicklungshilfe nützlich sind, und zu Ländern, mit denen die diplomatischen Beziehungen auf regionaler Ebene neutral sind.“1 Mit anderen Worten: zu Staaten, mit denen die indische Regierung kein Problem hat. Denn auch wenn die institutionelle Vormundschaft verschwunden ist, so bleibt der Einfluss Indiens doch bestehen.
Ein Ort verkörpert auf besondere Weise die Verbindungen, die zwischen den beiden Staaten auch heute noch bestehen. Er befindet sich im äußersten Westen des Königreichs, in der Region Haa. Über einen fast 4000 Meter hohen Pass, wo man Buttertee und gedämpfte Teigtaschen per App bezahlt, führt die Straße hinunter ins Tal. Am gegenüberliegenden Ufer zeichnet sich die typische Silhouette eines Dzong ab mit seinen dicken, weiß getünchten Steinmauern und Dächern mit geschwungenen, rot-golden verzierten Traufen.
Druck aus Indien und China
Solche Klosterburgen, die sowohl religiöses Zentrum als auch Verwaltungssitz sind, gibt es in jedem der 20 Distrikte (Dzongkhag) von Bhutan. Die meisten Dzongs wurden im 17. Jahrhundert im Zuge der Gründung Bhutans errichtet, unter der Führung eines tibetischen Lamas namens Shabdrung Ngawang Namgyel. Einmal im Jahr findet an diesen Orten ein Tsechu statt, ein religiöses Fest, in dessen Mittelpunkt Maskentänze stehen. Menschen von nah und fern strömen dorthin, um mehrere Tage lang zu feiern.
Nur in Haa kann das Tsechu nicht im Kloster stattfinden, denn es dient seit über 60 Jahren als Stützpunkt der indischen Armee und ihrer Spezialeinheit Imtrat (Indian Military Training Team). Schwarz-Weiß-Porträts von Jawaharlal Nehru, dem Premierminister Indiens von 1947 bis 1964, und von Jigme Dorji Wangchuck, König von Bhutan von 1952 bis 1972, schmücken den Eingang zum Militärgelände. „Eine gemeinsame Reise Indiens und Bhutans“, verkündet eine Inschrift in englischer Sprache.
Im September 1958 markierte Nehrus Besuch in Bhutan, den er mangels befahrbarer Straßen zu Pferd und mit Yaks absolvierte, den Beginn der wirtschaftlichen und technischen Unterstützung des Königreichs Bhutan durch Indien. Im folgenden Jahr wurde mit dem Bau der ersten Straßen begonnen. 1961 übernahm Bhutan die Fünfjahresplanung nach indischem Vorbild und begann, ebenfalls mit indischer Unterstützung, mit dem Bau von Schulen, Gesundheitszentren, Wasserkraftwerken und weiterer Infrastruktur. Diese Entwicklungshilfe ging mit der Stationierung indischer Truppen auf bhutanischem Boden einher.
Die Himalajaregion wurde damals durch die chinesische Besetzung Tibets, die Flucht des Dalai Lama 1959 nach Indien und den Exodus von zehntausenden Tibetern erschüttert. 1962 führte die Konfrontation zwischen Indien und China um die Kontrolle über Gebiete in Aksai Chin am Westrand Tibets und im heutigen indischen Bundesstaat Arunachal Pradesh zu einem Krieg zwischen den beiden Staaten. Bhutan schloss daraufhin seine Grenze zu China und wandte sich endgültig Indien zu.
Südlich der gemeinsamen Grenze verläuft der Siliguri-Korridor, auch als „Hühnerhals“ bezeichnet, ein 20 bis 40 Kilometer breiter Streifen, der die sieben nordöstlichen Bundesstaaten Indiens (mit 45 Millionen Einwohnern) mit dem Rest des Landes verbindet. Für die indische Regierung ist es daher ein besonders sensibles Gebiet.
Vom Dzong von Haa führt eine Straße entlang eines Flusses durch Nadelwälder. Gebetsmühlen drehen sich dank der Kraft der Gebirgsbäche. Häuser in Ocker- und Gelbtönen wechseln sich mit nicht eingezäunten Weiden ab, auf denen kleine, stämmige Pferde grasen.
Im Dorf Damthang stehen Reihen grauer Gebäude, die nicht zur traditionellen Architektur passen. Sie beherbergen Soldaten der kleinen bhutanischen Armee, die am letzten Ort vor der Grenze zu China stationiert sind. Hier endet die Straße. Hinter dem Berg liegt im Dreiländereck zwischen Indien, China und Bhutan das Doklam-Plateau. Es ist eines jener Gebiete, in denen die Grenzen je nach Staat, aus dem die Landkarte stammt, anders verlaufen.
2017 war das Doklam-Plateau Schauplatz einer Konfrontation zwischen der indischen Armee und chinesischen Streitkräften auf bhutanischem Gebiet. Die Verlängerung einer chinesischen Straße in dieses umstrittene Gebiet hinein veranlasste die indische Regierung, Truppen zu entsenden, um den Bau zu stoppen. Die Regierung in Thimphu hüllte sich in Schweigen: Weder bestätigte noch dementierte sie, dass sie die indische Armee um Hilfe gebeten hatte. Die Medien in Bhutan berichteten gar nicht erst darüber, dass sich chinesische und indische Soldaten zweieinhalb Monate lang auf bhutanischem Boden wie Hund und Katze gegenüberstanden.
Die Situation versinnbildlicht die heikle Lage des kleinen Königreichs, hin- und hergerissen zwischen seiner Loyalität zu Indien und der Wahrung seiner nationalen Souveränität. Nach Ansicht von Ex-Botschafter Thierry Mathou hat Bhutan allerdings „weder die Mittel noch den Ehrgeiz für einen Drahtseilakt zwischen den beiden Giganten. Der Druck aus China ist groß, ebenso der Wille Indiens, die enge strategische Partnerschaft mit Bhutan aufrechtzuerhalten, das bedeutet enormen Druck von beiden Seiten.“
Bhutan hatte schon 2012 eine einschlägige Erfahrung gemacht. Damals trafen auf dem Weltgipfel Rio+20 der bhutanische Ministerpräsident Jigme Thinley und der chinesische Premierminister Wen Jiabao aufeinander. Es war die erste Begegnung von Regierungschefs der beiden Länder. Im Zuge des Gipfeltreffens stellten Thinley und Wen in Aussicht, diplomatische Beziehungen aufzunehmen.
Einige Monate später, mitten im Wahlkampf in Bhutan, stellte daraufhin Indien die Subventionierung von Flaschengas ein, die es in sein kleines Nachbarland exportiert. Es kam schnell zu einer Gasknappheit. Thinleys Bhutanische Partei für Frieden und Wohlstand (Druk Phuensum Tshogpa, DPT) verlor die Wahl, stattdessen gewann die oppositionelle Volksdemokratische Partei (PDP) von Tshering Tobgay, was zum ersten demokratischen Machtwechsel in der Geschichte des Landes führte.
Tshering Tobgay, von 2013 bis 2018 und seit 2024 erneut Regierungschef, hat seine Lektion gelernt: „Wir dürfen unsere Beziehung zu Indien nicht als selbstverständlich betrachten. Wir sind sehr gute Freunde, aber wir müssen diese Freundschaft auch pflegen.“
Bhutan braucht die Hilfe Indiens, möchte sich aber gleichzeitig von dessen Vormundschaft befreien, ohne die Regierung in Neu-Delhi gegen sich aufzubringen. Ein schwieriger Balanceakt.
Hélène Ferrarini
1 Thierry Mathou, „Le Bhoutan. Royaume du Bonheur National Brut. Entre mythe et réalité“, Paris (L’Harmattan) 2013.
Achtsam investieren
Am 17. Dezember 2023, dem Nationalfeiertag, kündigte der König von Bhutan die Schaffung einer Sonderverwaltungszone in Gelephu im Süden des Landes an. Das 2500 Quadratkilometer große Gebiet in der subtropischen Ebene an der Grenze zu Indien soll ausländische Investitionen in Sektoren wie Gesundheit, Bildung, Technologie oder Finanzen anziehen.
Als besonderer ökonomischer Aktivposten der künftigen Stadt wird Spiritualität angeführt. Zahlreiche Tempel und Meditationszentren sind in Gelephu Mindfulness City (Stadt der Achtsamkeit) vorgesehen; und die buddhistischen Klöster Bhutans gehörten zu den Ersten, die sich finanziell in dem königlichen Projekt engagierten.
„Wir wollen einen Wirtschafts- und Finanzknotenpunkt schaffen“, sagt Rabsel Dorji vom Planungs- und Entwicklungsteam. „Wir arbeiten wie ein Start-up unter der Leitung Seiner Majestät.“ Die Finanz- und Steuergesetze in der Zone werden sich an denen von Singapur und Abu Dhabi orientieren, denn man wolle den Investoren Vertrautheit vermitteln, da seien Singapur und die Emirate starke und zuverlässige Referenzen: „Wir glauben, dass Indien und der ganze Subkontinent im nächsten Jahrzehnt wirklich reif sind für Wachstum und Entwicklung. Wir liegen strategisch günstig und haben Verbindungen in den Mittleren Osten wie nach Süd- und Südostasien.“
Gelephu bedeutet für Bhutan zudem eine Möglichkeit, sich aus dem Einflussbereich Indiens zu lösen, ohne den Zufluss indischen Kapitals zu gefährden.
Unter anderem soll ein internationaler Flughafen – dessen Architektur dem Prinzip der Achtsamkeit folgen soll – das Königreich mit dem Rest der Welt verbinden. Auf dem bisherigen internationalen Flughafen von Bhutan im Paro-Tal müssen die Piloten auf Sicht landen. Angeflogen werden einige Ziele in der Subregion.
Indien hat bereits Pläne für eine Bahnverbindung nach Gelephu und wird auch den Großteil der Arbeitskräfte und Materialien bereitstellen. Die indischen Konzerne Reliance und Adani haben angekündigt, in die zukünftige Stadt investieren zu wollen. Sie soll im Übrigen eine eigene Währung bekommen, die an Gold gebunden ist und nicht wie die Landeswährung Ngultrum an die indische Rupie.
Die Planer von Gelephu hoffen, dass sich „in sieben bis zehn Jahren 100 000 bis 150 000 Menschen, Bhutaner und Expats aus aller Welt, dort niederlassen werden“; langfristig träumen sie von einer Millionenstadt. Welche Staatsangehörigkeit werden die Bewohner haben? „Gute Frage, wir denken noch darüber nach“, räumt Dorji ein. Und ihre politische Vertretung? „Im Moment haben wir einen Generaldirektor, der aus Singapur stammt. Alle Mitglieder des Verwaltungsrats sind Nichtbhutaner, mit Ausnahme des Königs. Entscheidend ist, dass Seine Majestät dabei ist. Der nächste König ebenfalls.“
Der Monarch hatte das Projekt im Vorfeld der Parlamentswahlen vom Januar 2024 angekündigt. Die beiden konkurrierenden Parteien unterstützten es sofort. „Das wäre in keinem anderen Land der Welt vorstellbar. Aber hier ist es möglich, weil die Vision Seiner Majestät des Königs von jedem Bürger Bhutans akzeptiert, unterstützt und getragen wird“, versichert Premierminister Tshering Togbay.
An den Schulen wird im Geschichtsunterricht jede Regierungszeit eines Königs mit großen Errungenschaften in Verbindung gebracht. Der 45-jährige Jigme Khesar Wangchuck rief nun die Stadt der Achtsamkeit ins Leben. Das Projekt ist auf die Dauer seiner Regierungszeit ausgelegt.
Die Initiatoren von Gelephu gehen davon aus, dass die Sonderverwaltungszone und der Rest des Landes zumindest vorübergehend unterschiedliche Wege einschlagen werden. Das Konzept lautet „ein Land, zwei Systeme“. Ziel ist die Wiedervereinigung des Landes unter einem einzigen System innerhalb von vier Jahrzehnten. Unter welchem System, das weiß niemand.