Durch den Monat mit Fitzgerald Crain (Teil 2): Welche Grundsätze braucht gute Bildung?

Nr. 50 –

Die Schule müsse dringend aufhören, alles zu messen und zu bewerten, sagt Fitzgerald Crain, der früher angehende Lehrer:innen unterrichtet hat. Und sie solle Konflikte nicht scheuen.

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Portraitfoto von Fitzgerald Crain
«Es ist wichtig, dass Eltern und Lehrpersonen sich bewusst werden, wo sie Macht ausüben»: Fitzgerald Crain.

WOZ: Fitzgerald Crain, in Ihrem Buch «Beziehungsraum Schule» beschreiben Sie den Gegensatz, der heute die Schule prägt: Sie kann im besten Fall ein «Freiheits- und Begegnungsraum» sein, aber sie ist auch kapitalistisch …

Fitzgerald Crain: Ich würde das nicht «kapitalistisch» nennen. Es geht um zwei gegensätzliche Beziehungsformen. Die eine ist typisch für den Kapitalismus, aber es gibt sie schon viel länger: die emotionale Distanzierung, das Messen, das Kontrollieren, das Gefühl, man könne über die Natur verfügen, alles in eine Ware verwandeln … Das ist eine Möglichkeit, die Menschen haben. Diese Beziehungsform ist zurzeit auch in der Politik sehr stark. Vor allem ist sie auch typisch für das Patriarchat. Dieses ist wohl die Form, in der es am deutlichsten darum geht, die andere Beziehungsform zu unterdrücken. Haben Sie das Buch von Silvia Federici dazu gelesen?

WOZ: «Caliban und die Hexe»? Ja.

Fitzgerald Crain: Ich finde es grossartig. Auch die Psychologin und Philosophin Carola Meier-Seethaler war für mich sehr wichtig, um das Patriarchat zu verstehen.

WOZ: Was prägt die andere Beziehungsform?

Fitzgerald Crain: Ich kann sie vergleichen mit der Arbeit einer Psychotherapeutin, die versucht, ihr Gegenüber zu verstehen. Sie muss sich teilweise mit dieser Person identifizieren, aber immer wieder Distanz nehmen und sich fragen: Was hat das mit mir zu tun? Was ist mein Verständnis? Wo idealisiere ich diese Person, wo habe ich negative Gefühle? Psychoanalytisch gesprochen, muss sie sich der Gegenübertragung bewusst sein. Es ist ein Hin und Her im Versuch, zu verstehen. Idealerweise ist es auch in der Schule so.

WOZ: Wie kann das in der Schule aussehen?

Ein Beispiel: Ich mache mit meiner Klasse eine Bildbesprechung. Dann ist es mir wichtig, dass sich die Kinder vom Bild berühren lassen. Das heisst nicht, dass sie es wunderbar finden müssen – es kann auch sein, dass sie sich darüber ärgern, sich davon abgestossen fühlen. Aber es passiert etwas mit ihnen. Diesen Prozess kann ich als Lehrperson begleiten, sodass das Kind lernt, einen Bezug zu diesem Bild zu haben, der nichts mit dem Warencharakter zu tun hat: Es spielt dabei keine Rolle, wie teuer das Bild ist. Aber das Denken im Warencharakter ist heute sehr stark ausgeprägt. Und Kinder lernen das. Es wird so viel gemessen und bewertet – mit Noten, mit Credits an der Uni –, dass junge Menschen oft gar nicht mehr lernen, eine persönliche Beziehung zum Thema zu haben, das sie doch interessieren sollte. Was sie lernen, wird rein funktional, es dient nur dazu, sich an eine gegebene Realität anzupassen.

WOZ: Was kann man tun, um die Bildung zu fördern nach dem Ideal, das Sie beschreiben?

Fitzgerald Crain: Es braucht mehr Zeit. Heute pressiert es immer. Und ich würde die durchgehende Benotung abschaffen oder zumindest stark reduzieren. Man könnte ein- oder zweimal im Jahr eine Gesamtnote pro Fach geben, verbunden mit einem Gespräch. Aber nicht fünf Tests pro Woche.

WOZ: Sie beschreiben im Buch ein absurdes Beispiel aus der Primarschule: Die Bilder der Kinder werden nach einem Punktesystem beurteilt.

Fitzgerald Crain: Das ist so demotivierend. Der Junge, den ich beschreibe, hat auch in der Freizeit gern gemalt. Nach diesem Erlebnis hat er damit aufgehört. Ich bin überzeugt: Auch die Linken sind mitverantwortlich für das heutige übertriebene Messen und Vergleichen in der Schule. Nach dem Motto: «Jedes Fach ist gleich viel wert, also muss in jedem Fach die Leistung gemessen werden.»

WOZ: Es heisst, Schulerfolg hänge vor allem von den Lehrpersonen ab. Das setzt diese aber wahnsinnig unter Druck.

Fitzgerald Crain: Das stimmt. Und der bildungspolitische Kontext wird völlig ausgeblendet. Natürlich ist es nicht falsch, dass man der Lehrperson Gewicht gibt. Aber was heisst das im Übrigen, eine gute Lehrerin zu sein? Für mich ist sie zum Beispiel gut, wenn sie eine eigene Meinung vertritt. Viele Lehrpersonen denken, ein guter Unterricht sei einer, der konfliktlos über die Bühne gehe. Das sehe ich umgekehrt.

WOZ: Ist das auch von der Psychoanalyse geprägtes Denken?

Fitzgerald Crain: Ja. Der Mensch ist ein Konfliktwesen. Junge Menschen entwickeln sich in Konflikten, wenn diese offen und konstruktiv ausgetragen werden.

WOZ: Heute scheinen viele Angst davor zu haben. Sie versuchen, den Kindern alle Hindernisse aus dem Weg zu räumen.

Fitzgerald Crain: Heute spricht alles von der bedürfnisorientierten Erziehung. Bedürfnisse wie Anerkennung, Wertschätzung, Bindung sind wichtig. Aber das Kind braucht auch Menschen, die eigenständige Personen sind und ein Leben ausserhalb der Beziehung zum Kind haben.

WOZ: Ist die Angst vor Konflikten auch eine Leugnung des Machtgefälles zwischen Erwachsenen und Kindern?

Fitzgerald Crain: Ja. Das ist ein wichtiger Punkt in der Reflexion: dass Eltern und Lehrpersonen sich bewusst werden, wo sie Macht ausüben. Das tun sie ständig – es sollte nicht verschleiert werden.

Der Psychologe und ehemalige Pädagogikprofessor Fitzgerald Crain (81) hat vier erwachsene Kinder und sechs Enkelkinder.