Pride in Lichtensteig : Und alle staksen mit
Ein Regenbogen über dem SVP-Land – die grosse Parade im Toggenburger Städtli.
Da!
Ein Bikertyp mit weissem Schnauz beisst gerade in seine Bratwurst, als es zum ersten Mal in der Hauptstrasse glitzert: ein Paillettenhemd.
Vergangenen Samstagnachmittag. Am Frühlingsmarkt verkauft der lokale Gewerbeverband Toggenburger Bergkäse und Kräutermischungen, viele der 2100 Lichtensteiger:innen sitzen in schicken Jacketts an der Sonne. Vom Bahnhof unten im Tal steigen immer mehr Menschen zum Städtli hinauf, vorbei an Heuballen und Schlüsselblumen. Menschen mit bauchfreien Tops, pinken Caps.
Zwei junge Männer mit Hundemasken und Ledergeschirr setzen sich neben Frauen mit grauen Kurzhaarfrisuren, die sich bemühen, nicht zu starren. Aber natürlich starren sie doch, alle starren. Die Frauen tuscheln. Dann: «Entschuldigung, dürfen wir vielleicht ein Foto mit euch machen?»
Kirche, Gärtnern und Kochen
Am langen Tisch in der Gasse sitzt Ulli Topf. Sie umarmt Lichtensteiger:innen wie Besucher:innen, trägt kein Make-up, sondern Sommersprossen, Cargoshorts und T-Shirt. Als sie vor acht Jahren ihre heutige Frau kennenlernte, kochte sie gerade in einem Jugendlager der Jungwacht Blauring, dem katholischen Kinder- und Jugendverband. «Mit Michaela fühlte es sich sofort an wie ein Zuhause», sagt sie.
So kam Topf aus Luzern ins Toggenburg, mit fast fünfzig. Michaela Bauer ist hier aufgewachsen, sie arbeitet in Wattwil für die katholische Kirche. Ulli Topfs Umfeld war zuerst skeptisch: «Was willst du denn in dieser konservativen Ecke?» Aber sie fühlte sich schnell wohl in der Region der St. Galler Voralpen, wo 42 Prozent SVP wählen. Wegen Michaela Bauer, mit der sie nach dem Arbeitsalltag gerne gärtnert und kocht. Aber auch wegen der anderen Menschen.
Bis vor kurzem kannten sich die queeren Toggenburger:innen untereinander kaum. Über Homosexualität sprachen viele von ihnen nur mit Leuten aus grösseren Städten. 2021 vernetzten sich einige von ihnen, um eine «Ehe für alle»-Demo zu organisieren. Sie trafen sich weiter, spielten Fussball, tranken Bier. Bis vor eineinhalb Jahren die Idee aufkam: Eine Toggenburger Pride, wieso eigentlich nicht?
Absichtlich am Markttag. Um das Kleinformat zu nutzen, Berührungsängste abzubauen, Queerness im Dorfleben zu verankern. Hier, wo man sich nach einem Spruch nicht in seiner Bubble verstecken kann, sondern sich begegnen muss. Auf der Gasse, beim Kaffee, im Volg.
«Zum ersten Mal so sichtbar durch meine Heimat zu laufen, war ein unglaubliches Gefühl», erinnert sich Michaela Bauer, Ulli Topfs Frau. All die Menschen am Strassenrand. «Bei mir liefen die Tränen.»
Stammtisch in der «Krone»
Es bebt, es drängt. Vom alten Rathaus flattern Pride-Flaggen, jeden Moment zieht die Parade los. Aus den Boxen dröhnt Abba durch die Gassen, Cher, Madonna. «Gute Musik haben sie, das muss man ihnen lassen», sagt ein Rentner, der das bunte Treiben vom Stammtisch unter den Arkaden aus beobachtet. Zustimmendes Nicken.
Ulli Topf steht ganz vorne. Hinter dem roten Band, das der Mitte-Gemeindepräsident gleich durchschneiden wird. Genau zu diesem Zeitpunkt zündete letztes Jahr eine Gruppe Jugendlicher Böller. Die Junge Tat bekannte sich nicht, das Transparent war kaum zu lesen. Trotzdem Grund genug, dass das Organisationskomitee auch dieses Jahr nervös ist. Zürich, Berlin, kein Problem. Aber hier, in ihrer Heimat, schützt sie keine Anonymität. Faustkampf statt Onlinekommentar.
Heute hat der Verein «Queer.Toggenburg» rund fünfzig Mitglieder. Sie treffen sich zum Sport, gehen ins Kino oder wandern. Einmal im Monat gibt es einen Stammtisch in der «Krone» in Lichtensteig oder der «Braui» in Neu St. Johann. Das erste Mal sei schon unbehaglich gewesen. «Sind das jetzt diese Schwulen?», habe ein anderer Gast gefragt, oder so ähnlich. Dann habe er gemerkt, dass er viele der Vereinsmitglieder persönlich kannte. Mit jedem Mal sei es normaler geworden, den Platz am Stammtisch einzunehmen.
Ulli Topf und Michaela Bauer heirateten hier im Toggenburg, in der katholischen Kirche. Der Priester bot an, die Segensfeier zu halten. Er kennt Bauer schon lange.
Da sind die «Heti-Paare», die jede Woche zum Sport kommen. Da ist das Landcafé Huber, das unaufgefordert Crèmeschnitten in Regenbogenfarben zwischen Canapés und Erdbeertörtli stellt. Und wenn die kleine Bodenbelagsfirma aus dem Nachbardorf die Pride sponsert, wirkt das deutlich mutiger, als wenn eine Grossbank pünktlich zum Pride Month ihr Logo rasch in Regenbogenfarben taucht.
Und schliesslich Leute wie René Stäheli mit seiner queeren Stadtführung. Er ist mit einer Frau verheiratet, trägt heute aber Regenbogenband über Karohemd. Die Wörter «queer» und «Community» spricht er mit Schweizer «k» aus. Er liest über 200 Jahre alte Tagebucheinträge des Toggenburger Schriftstellers Ulrich Bräker, obwohl man ihn gebeten habe, diese wegzulassen. Von Gesprächen über Tage, an denen alles «zunderobsi» geriet, über «nie gefühlte Empfindungen» mit «hübschen Bettelbuben».
Seit 2023 hat Stäheli als Guide viel zu tun, seit Lichtensteig den Wakkerpreis gewann. Der Schweizer Heimatschutz würdigte, wie die Gemeinde mit Leuchtturmprojekten wie dem «Rathaus für Kultur» Leute zurück ins Städtli holte. «Schluss mit der Steuergeldvernichtung für Parallelgesellschaften!», forderte eine SVP-Petition.
Auch wer fehlt, fällt auf
Schnipp. Das rote Band fällt. Eine regenbogenfarbige Welle schlägt durch die engen Gässchen, tanzt in Cowgirlstiefeln, stakst an Gehstöcken, rollt in Rollstühlen über das Kopfsteinpflaster, vorbei am Dorfbrunnen, drängt sich durch Türmchen, Erker und Riegelbau. Rund tausend Menschen aus dem Toggenburg, aber auch aus St. Gallen, Graubünden, Zürich. Bereits deutlich mehr als letztes Jahr bei der Premiere. Manche sind gekommen, um zu unterstützen. Andere, weil ihnen die grösseren Prides zu fremd sind.
Die Leute am Strassenrand in Hemden und mit Wanderrucksack glotzen. Klatschen im Takt, manche etwas schüchtern, andere stolz, dass so etwas möglich ist bei ihnen in Lichtensteig. Winken, weil die Nachbarin mitläuft, der Kollege oder die Tochter eines Freundes.
Ulli Topfs Familie freute sich für sie und Michaela Bauer. Hauptsache, sie sei glücklich. «Aber ich weiss, dass viele dieses Glück nicht haben», sagt Topf. «Dabei wollen wir einfach nur ganz normal leben können, wie alle anderen auch.» Der Verein erhalte viele Rückmeldungen von Leuten, die selbst nicht zur Pride kommen können. Aus Angst vor Reaktionen. Oder weil ihr Umfeld das nie verstehen würde. Ihnen allen bedeute es viel zu wissen, dass sie im Toggenburg nicht alleine sind.
Und dann, vor dem DJ-Pult, tanzen nicht nur die Jungen wild, sondern bewegen sich auch die älteren Hüften. Erst staksig, wie schon ein Weilchen nicht mehr gerollt. Bald hüpfen alle durcheinander, Kinder mit Seifenblasen und Grossväter mit Transflaggen, Leute in Softshelljacken, glitzernden Leoleggins. Trucker-Caps, Arbeitshosen und Landi-Einkaufstaschen. Haarige Waden unter rotem Lack. Bier und Aperol. Hitze und Bass. ●