Nr. 23/2020 vom 04.06.2020

Schöne Risse

Seit seinem Debütalbum besingt Perfume Genius das ganze Spektrum zerbrechlicher Männlichkeit. Auf dem neuen Album, «Set my Heart on Fire Immediately», hat er die Uneindeutigkeit musikalisch perfektioniert.

Von Timo Posselt

Wenn Lust und Schmerz verschwimmen: Mike Hadreas alias Perfume Genius. Foto: NYT, Laif

Perfume Genius als giftiger Kobold im weissen Anzug, mit ledernem Sadomasohalsband und knallroten Lippen: Im Song «Queen», mit dem er 2015 in der Late-Night-Show von David Letterman auftrat, kippten verschmierte Synthies in bedrohlichen Bombast, Perfume Genius wand sich und presste schliesslich die Zeile hervor: «Keine Familie ist sicher, wenn ich tänzle.» Der Song gilt inzwischen als Hymne der LGBTIQ-Bewegung.

Fünf Jahre später erscheint sein Album «Set my Heart on Fire Immediately» und er sitzt am Bildschirm gegenüber, in Los Angeles ist es neun Uhr morgens. Mike Hadreas trägt ein löchriges T-Shirt und trinkt Soda aus der Dose, wirkt jünger als seine 38 Jahre und hellwach. Er kommt sogleich zum Punkt: «Mein ganzes Leben lang wurde mir gesagt: Sei stark, sei stoisch, sei gefühllos. Aber du kannst dies alles sein und kurz darauf in Tränen ausbrechen. Diese beiden Pole heben sich nicht gegenseitig auf.» In dieser Spannung zwischen Stärke und Verletzlichkeit steht das ganze bisherige Werk von Perfume Genius.

Starre sie nieder!

Aufgewachsen ist Mike Hadreas in einem Vorort von Seattle. Schon als Kind trat er in der Stube der Eltern auf, mit einem Handtuch auf dem Kopf als Latin-Pop-Sängerin Gloria Estefan. Nach einem abgebrochenen Kunststudium zog er nach New York und testete seine romantisierte Vorstellung vom Junkiedasein an der Wirklichkeit. Er probierte jede Droge aus, ausser Heroin. Nach vier Jahren in New York und einem Suizidversuch rettete ihn die Beziehung zum klassisch ausgebildeten Musiker Alan Wyffels, den er in einer Entzugsklinik kennengelernt hatte. Die beiden sind bis heute Partner, auch musikalisch. 2008 erschien das Debütalbum «Learning»: Darauf sang Perfume Genius mit der Stimme eines geprügelten Chorjungen zu windschiefen Pianoakkorden von Missbrauch, Suizidgedanken und anderen düsteren Dingen.

Seither spielt er sich mit jedem weiteren Album der Helligkeit entgegen: «Put your Back N 2 It» (2012) verstrahlte trotz Schmerz auch Wärme, erstmals war ein Wille zur Zuversicht zu spüren. Auf «Too Bright» (2014) wurde es noch lichter: Die Stimme erklang in allen Regenbogenfarben, vom Falsett bis zum kehligen Bariton. «Fool» überschlug sich von einer fingerschnippenden Glitzerballade in eine orgelnde Kirchennummer und noch einmal in einen summenden Saxofontrott. Auf dem Album «No Shape» von 2017 schlüpfte Perfume Genius dann in Stadionrockhosen mit Beule im Schritt. Das klang meist dreckig, immer überbordend. Und er hatte eine klare Botschaft: «Stare them down», starre sie nieder! Mike Hadreas hatte gelernt, das Gefühl der Andersartigkeit statt gegen sich gegen seine Widersacher zu richten. «Ich wusste immer: Was mich stark macht, ist nicht das, was andere als stark betrachten», sagt er im Gespräch dazu.

Liebe machen und kämpfen

«Musik war für mich immer ein Mittel, meinen Körper als blosse Idee zu begreifen», sagt Perfume Genius. Das ist erstaunlich. Schliesslich geht es in fast all seinen Songs um Körperlichkeit. Hadreas stimmt zu: «Meinen eigenen Körper habe ich beim Musikmachen immer ausser Acht gelassen – bis jetzt.» Auf «Set my Heart on Fire Immediately» schlüpft er als Künstler erstmals in seinen eigenen Körper. Geschafft hat er das mit Tanzen. Das Album ist inspiriert vom Tanzprojekt «The Sun Still Burns Here», für das Perfume Genius nicht nur die Musik geschrieben hat, sondern auch tanzte. Über eineinhalb Jahre habe er so Zehe um Zehe seinen eigenen Körper erobert. Und dennoch hatte er Angst: «Ich fürchtete, die Magie zu verlieren, mit der Musik aus meinem Körper fliehen zu können.»

Die Magie ist geblieben. Das bezeugt das selbstgedrehte Video zur Single «Describe»: eine Farm irgendwo zwischen «Mad Max» und Wildwestromantik. Im verschmutzten Unterhemd wälzt sich Hadreas über andere TänzerInnen. Würgen oder umarmen sie sich? Lust und Schmerz verschwimmen. «Genau das wünsche ich mir auch für mein Leben», sagt Hadreas. Und erklärt: Für ihn seien es solche Überblendungen, die Queerness auszeichneten. Das sei am Anfang zwar sehr einsam und zermürbend, aber irgendwann erkenne man das Potenzial darin: «Alle sagen dir zwar, was du nicht tun kannst, aber niemand, was du tun kannst.»

Hadreas begreift Queerness als nomadische Identität, was Perfume Genius uns auch hören lässt: In «Jason» haucht er zu Streichern und Cembalo die Erinnerung an eine schwule Entjungferung. In «On the Floor» zirpen die Gitarren, statt zu scheppern. Die Synthies von «Your Body Changes Everything» fiepen wie aus dem «Knight Rider»-Soundtrack, und für «One More Try» lieh ihm Elvis seine säuselnden Hawaiigitarren.

In einem Essay zum Album schreibt der queere Schriftsteller Ocean Vuong: «Das ist Musik zum Liebemachen und Kämpfen.» Er hat recht: Noch nie klang Perfume Genius gleichzeitig so zerbrechlich und viril, traurig und furchtlos. Auf «Set my Heart on Fire Immediately» hat er die Uneindeutigkeit musikalisch perfektioniert.

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