In mir die Wände (15) : «Unbefriedigend»
Mit Frau Hochgasser, meiner Lehrerin, verstand ich mich nicht wirklich gut; ich fühlte mich oft unterfordert, und mir war langweilig. Also störte ich immer wieder den Unterricht, was verständlicherweise Frau Hochgasser störte. Der Raum, die Regeln, das Sitzen – das war mir alles zu eng. Ich wusste nicht wohin mit den Gefühlen, die sich in mir stauten. Frau Hochgasser wollte, dass ich einfacher würde. Ich konnte das nicht.
«Weisst du, mein Bruder ist nicht hier in der Schweiz, weil er bei Galatasaray Istanbul in der Jugend spielt», erzählte ich meinem Freund Mario. «Er ist dort Torhüter und hatte sogar schon Einsätze bei der ersten Mannschaft; in ein paar Jahren wird er die Nummer eins sein.» Mario nickte und tat, als würde er mir die erfundene Geschichte glauben. Vielleicht war sie auch ein Versuch, mir selbst zu erklären, warum mein sechs Jahre älterer Bruder nicht bei uns war. Die kindliche Selbstlüge war ein Versuch, die Wahrheit zu ersetzen: dass er fehlte. Dass unsere Gespräche über ein Telefon stattfanden, das manchmal so sehr rauschte, als wäre es müde davon, uns zu verbinden.
Baba hatte Mühe, sich in der Schweiz einzufinden. Er arbeitete eine Weile in einem Architekturbüro, fasste dort aber nie richtig Tritt. Ich erinnere mich, dass er viel rauchte. Ich sah die Zigaretten, die im Aschenbecher glühten, wenn er auf dem Sofa sass und schon zur nächsten greifen wollte, obwohl er bereits eine in der Hand hielt. Manchmal dachte ich, er wolle sich in Rauch auflösen, wenn niemand hinsah. Still und traurig war er, doch weinen sah ich ihn nie.
Mama kämpfte; sie hat bis heute nicht aufgegeben. Sie hielt sich an Bildern fest, an Stimmen aus der Ferne und versuchte ihr Bestes zu geben. Doch immer wieder wurde es auch ihr zu viel. Wie schlimm es für sie gewesen sein muss, als ihre Eltern starben und sie nicht einmal an den Beerdigungen teilnehmen konnte, weil wir die Schweiz nicht verlassen durften – dafür gibt es keine Worte. Und sie weinte.
Über den Sommer kam mein Bruder zu uns: Er erhielt ein Besuchsvisum für einige Wochen. Es waren die schönsten Tage des Jahres – mein grosser Bruder und ich, wir grillierten, lachten, lagen im Gras. Erst später begann ich zu begreifen, was das alles für ihn bedeuten musste. Doch das ist seine Geschichte. Was ich erzählen kann: Ich erinnere mich an die Tage, an denen die Sonne langsamer schien, weil sie wusste, was kommt. Es waren immer Sommertage, heiss und unbeweglich. Die Luft stand, als wollte sie die Zeit bewachen. An einen dieser Tage erinnere ich mich ganz genau: Die Hitze flimmerte über dem Park an der Rosenstrasse, als mein Patenonkel Salman kam, um meinen Bruder abzuholen und ihn an den Flughafen zu bringen. Ich weinte, weinte, weinte und weinte.
Und dann war es Herbst geworden.
Frau Hochgasser schrieb in mein Zeugnis: «Betragen: unbefriedigend». Vielleicht, weil ich mich wehrte, wenn mir Dinge aufgezwungen wurden. Oder weil ich zu laut war, wenn etwas in mir schmerzte. Oder ganz einfach, weil dieses Feld im Zeugnis zu klein war, um zu schreiben, was tatsächlich war.
In der Serie «In mir die Wände» blickt Uğur Gültekin (geboren 1984) zurück auf seine Kindheit und Jugend: auf die Flucht aus Kurdistan und das Grosswerden in der Schweiz, auf Ausgrenzung und Aneignung – und setzt diese persönlichen Erfahrungen in einen gesellschaftlichen Rahmen, der auch von der Schweiz der neunziger Jahre erzählt. Nächste Woche: Durchatmen.