Vierzig Jahre Tschernobyl : Zeugnisse der Verstrahlung

Nr. 17 –

Am 26. April 1986 kam es in der Ukraine zur Reaktorkatastrophe. Hausarzt Martin Walter erinnert sich, wie er das Gebiet besuchte.

«Den Anfang meines Kampfes gegen die Atomenergie machte Kaiseraugst. In den siebziger Jahren wohnte ich in Basel, hatte einen zweijährigen Sohn und wollte kein Atomkraftwerk vor der Stadt. Ich arbeitete als Arzt im Labor für Blutgerinnungsstörungen. Als die Proteste gegen den Bau des AKW Kaiseraugst begannen, nahm mir der leitende Professor im Labor einige Schichten ab und sagte: ‹Gehen Sie demonstrieren!› Der Protest genoss damals breite Unterstützung. Und er war erfolgreich: vorläufiger Baustopp. Doch endgültig versenkt wurde das AKW erst nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl.

Genau vierzig Jahre ist das jetzt her. Die Kernschmelze im Atomkraftwerk nahe der Stadt Pripjat im Norden der heutigen Ukraine war der schlimmste Reaktorunfall der Geschichte. 1989 reiste ich erstmals in das betroffene Gebiet, um die gesundheitlichen Schäden zu dokumentieren und der Frage nachzugehen, was die Auswirkungen eines solchen Unfalls in der Schweiz wären.

Portraitfoto von Martin Walter
Martin Walter reiste 1989 nach Tschernobyl, um gesundheitliche Schäden zu ­dokumentieren.

Auf der Reise hatte ich die Gelegenheit, den für die Löscharbeiten am zerstörten Reaktor verantwortlichen Feuerwehrhauptmann Leonid Teljatnikow zu interviewen, um seine Erkrankung zu dokumentieren. Seine Erzählungen zeigten mir die verheerenden Auswirkungen der radioaktiven Strahlung. Aufgrund schwerer Strahlenkrankheit wurde der erste Feuerwehrmann bereits siebzehn Minuten nach Beginn des Einsatzes ins Krankenhaus eingeliefert, Teljatnikow nach einigen Stunden.

Noch während des Einsatzes zeigten sich bei ihm Atemprobleme, Husten, Brechreiz und Ohnmacht. Nach einigen Tagen fielen Teljatnikow Haare aus, auf seiner Haut entstanden offene Wunden, die Strahlung beschädigte sein Knochenmark und führte zum Zusammenbruch seines Immunsystems. Er erkrankte zudem an Hepatitis B, die zu der Zeit in der Sowjetunion weitverbreitet war. Höchstwahrscheinlich war er während einer Bluttransfusion im Spital damit angesteckt worden. Erst von mir erfuhr er von diesem Zusammenhang. Fünfzehn Jahre nach unserem Treffen starb Leonid Teljatnikow mit 53 an Kieferkrebs – wahrscheinlich als Folge der hohen Strahlendosis.

Erstmals getroffen hatte ich Teljatnikow in Hiroshima am Weltkongress der IPPNW, der internationalen Ärzt:innenvereinigung für die Verhütung eines Atomkriegs, 1980 in den USA entstanden. Der Schweizer Arzt und Umweltaktivist Martin Vosseler hat hier einen Ableger gegründet und mich zusammen mit ein paar weiteren Ärzt:innen zur Mitarbeit eingeladen. Die Schweizer Sektion war zusammen mit der irischen lange Zeit die einzige, die sich nicht nur gegen Atomwaffen, sondern auch gegen die zivile Nutzung der Atomenergie stellte. Für uns war das damals völlig klar: Um eine Atombombe zu bauen, braucht es zuerst ein Atomkraftwerk. Wir scheuten uns nicht vor der politischen Forderung nach einem Ausstieg.

Dass ich überhaupt nach Tschernobyl kam, verdanke ich einer Begegnung auf dem Rhein. Der Europakongress der IPPNW fand 1988 auf zwei Booten statt, die von Basel bis nach Rotterdam tuckerten. Dort freundete ich mich mit dem ukrainischen Schriftsteller und Arzt Jurij Stscherbak an, der die Arbeiter:innen des AKW Tschernobyl und exponierte Feuerwehrleute porträtiert hatte. Später hat er die Grüne Partei der Ukraine gegründet. Trotz grosser Sprachbarrieren verstanden wir uns gut, er sagte zu mir: ‹Martin, ich lade dich ein.› Dank ihm und seinen Kontakten war es uns überhaupt möglich, das Ausmass der gesundheitlichen Schäden nach Tschernobyl zu erahnen.

Nebst der Dokumentation der akuten Strahlenkrankheit, wie sie die Einsatzkräfte erlitten, die in der Nähe des Unglücksreaktors hohen Dosen ausgesetzt waren, war ich später an der Erforschung der Strahlenkrankheit durch Niedrigdosen beteiligt, denen damals auch die Bevölkerung in der Schweiz ausgesetzt war – und bis heute ist. Eine anhaltende kleine Strahlendosis verursacht sogenannte stochastische Schäden, kleine Veränderungen an Zellen, die auch noch Jahrzehnte später zu Krankheiten wie Krebs führen können.

In der Schweiz sind durch die langfristigen Folgen von Tschernobyl nach heutigen Kenntnissen mindestens 400 Menschen an Krebs gestorben und ebenso viele an Herzinfarkten oder Hirnschlägen erkrankt. Abschliessend sind diese Zahlen aber nicht, denn wie in der Ukraine wurde auch in der Schweiz lange nicht erfasst, wer alles an Krebs erkrankt ist. Erst seit 2020 sind Krebsregister in allen Kantonen Pflicht.

Im Abstimmungskampf um die beiden Atominitiativen, die 1990 zur Abstimmung kamen, konnten wir von der IPPNW medizinische Fakten liefern. Ich hielt Vorträge in der ganzen Schweiz – was zu Einbussen in meiner Hausarztpraxis führte, auch für meine Familie blieb wenig Zeit. Die Atomausstiegs-Initiative der Grünen wurde zwar knapp abgelehnt, doch mit der Annahme der Moratoriums-Initiative im selben Jahr feierten wir einen Erfolg: zehn Jahre Baustopp für neue Atomkraftwerke.

Dann schlief die Bewegung ein. Wir fragten uns, wie wir die Menschen wieder erreichen können. An einer Vorstandssitzung sagte ich: ‹Dazu braucht es wohl einen weiteren Unfall.› Dann kam 2011 Fukushima. Mit der Arbeit unserer Organisation erzielten wir politische Erfolge, doch vom Wissen über die Gefahren der Strahlung ist in der Gesellschaft nur wenig hängen geblieben. Heute werden in der Schweiz sogar wieder neue AKWs gefordert.

Mitte April nahm ich an der 3000. Mahnwache für die Abschaltung des AKW Beznau teil. Von den etwa hundert Demonstrant:innen erhalten wohl nächstes Jahr fast alle eine 13. AHV-Rente.» ●

Martin Walter (81) leitete rund dreissig Jahre eine Hausarztpraxis in Grenchen, wo er noch heute lebt. Ende der achtziger Jahre war er Präsident des Schweizer Ablegers der Ärzt:innen für soziale Verantwortung und zur Verhütung eines Atomkrieges (PSR/IPPNW).