Nr. 40/2013 vom 03.10.2013

Verstrahlt – und das ganz ohne Folgen?

Das Uno-Gremium aus StrahlenexpertInnen Unscear legt einen Bericht über die gesundheitlichen Auswirkungen der Radioaktivität vor, die nach der AKW-Katastrophe in Fukushima ausgetreten ist. Die Ergebnisse erstaunen.

Von Judith Brandner

Zweieinhalb Jahre sind seit der AKW-Katastrophe im japanischen Fukushima vergangen. Was weiss man über die Folgen der freigesetzten Radioaktivität, insbesondere für Kinder? Ende Oktober wird das Wissenschaftliche Komitee der Uno zur Untersuchung der Auswirkung atomarer Strahlung (Unscear) dazu der Vollversammlung in New York einen Bericht vorlegen. Verfasst haben ihn achtzig WissenschaftlerInnen aus achtzehn Ländern, verantwortlich für den Bericht zeichnet Wolfgang Weiss, ehemaliger Vorsitzender von Unscear. «Im Endeffekt besagt die Studie, dass das Lebensrisiko der betroffenen Bevölkerung, an Krebs zu erkranken, nach Fukushima das gleiche ist wie vorher», fasst der deutsche Physiker im Gespräch mit der WOZ zusammen.

Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima gab es keine unmittelbaren gesundheitlichen Auswirkungen durch die freigesetzte Radioaktivität, und auch für die Zukunft werden keine gesundheitlichen Folgen prognostiziert. Dies die wesentlichen Erkenntnisse aus dem Bericht.

Die aktuelle Lage rund um die Lecks in den Kühlwassertanks und das verseuchte Grundwasser, das ins Meer sickert, werde den Bericht inhaltlich nicht verändern, sagt Weiss. Die ersten Meldungen über die Lecks und den hohen Radioaktivitätspegel im Grundwasser seien öffentlich geworden, während Unscear an der Fertigstellung des Berichts arbeitete: «Unscear hat beschlossen, den Bericht im ursprünglich definierten Rahmen jetzt zu Ende zu bringen und zu publizieren und nicht abzuwarten, bis die neueren Erkenntnisse in einer Form vorliegen, die wissenschaftlich bewertbar ist.»

Es sei derzeit auch nicht erkennbar, dass die Aussagen von Unscear bezüglich der Expositionen der allgemeinen Bevölkerung und der daraus resultierenden gesundheitlichen Risiken von den jetzt auf der Anlage beobachteten Zuständen infrage gestellt werden müssten.

So bleibt auch die Aussage aus Behördenkreisen unangefochten, dass bisher weder bei den Arbeitern noch in der Bevölkerung unmittelbar mit der Strahlung zusammenhängende Todesfälle aufgetreten seien. Dabei gab Tepco, die Betreiberfirma des AKWs, im Juli 2013 erstmals zu, dass 2000 Kraftwerkarbeiter einer Strahlendosis ausgesetzt waren, die weit über den zulässigen Grenzwerten lag. Welcher Belastung die Arbeiter ausgesetzt sind, die derzeit die lecken Kühlwassertanks reparieren, in deren Umfeld enorm hohe Radioaktivitätswerte gemessen worden sein sollen, kann man nur vermuten.

Was man aus der AKW-Katastrophe 1986 in Tschernobyl weiss: Die ArbeiterInnen, die zur Eindämmung der Katastrophe vor Ort waren – die LiquidatorInnen –, leiden heute an einer Vielzahl unterschiedlichster Krankheiten. Gemäss Schätzungen des deutschen Strahlenmediziners Edmund Lengfelder sollen zwanzig Jahre nach der Katastrophe bis zu 50 000 LiquidatorInnen an den Strahlenfolgen gestorben sein. Und die ukrainische Regierung bezifferte 2006 94,2 Prozent der LiquidatorInnen als krank. Ebenso 89,9 Prozent der Evakuierten und 84,7 Prozent der Bevölkerung in den verstrahlten Gebieten.

Kinder retten

Die Ergebnisse des Unscear-Berichts stehen in krassem Widerspruch zur Lage in der Präfektur Fukushima, wie sie sich der WOZ bei Reisen knapp ein Jahr nach der Katastrophe und im Februar 2013 präsentierte (vgl. WOZ Nrn. 7/2012 und 8/2013). Dort ist das Misstrauen in die öffentlichen Institutionen und Gesundheitseinrichtungen so gross, dass einige tausend Privatleute in Fukushima-Stadt mit Spendengeldern eine Klinikkooperative auf die Beine gestellt haben – eine einmalige Einrichtung in Japan. Tausende Menschen, vor allem Mütter oder Paare mit kleinen Kindern, haben die Präfektur aus Sorge um ihre Kinder verlassen und sich in anderen Landesteilen niedergelassen. Und das Fukushima-Netzwerk zum Schutz der Kinder vor Radioaktivität, eine NGO, evakuiert Kinder aus der Präfektur.

Aus medizinischer Sicht sei völlig klar, dass die Kinder wegmüssten, so der Arzt Yoshihiko Sugii von der Klinikkooperative: «In Tschernobyl war es so, dass jeder das Recht auf Evakuierung hatte, wenn die Jahreshöchstbelastung höher als ein Millisievert war. Das sollte auch in Japan so sein. Wenn die Belastung höher ist, kann es nur Flucht oder Evakuierung geben.» In Japan wurde die zulässige Jahreshöchstbelastung für die Präfektur Fukushima jedoch auf zwanzig Millisievert erhöht.

Zwölf Fälle von Schilddrüsenkrebs bei Kindern sind mittlerweile bekannt geworden. In fünfzehn weiteren Fällen besteht Verdacht. Die Zahlen stammen von Schilddrüsenuntersuchungen von 174 000 unter Achtzehnjährigen. Die japanischen Behörden betonen, dass diese Fälle in keinem Zusammenhang mit dem Unfall im AKW Fukushima stehen. Nähere Begründungen oder Informationen über die Betroffenen gibt es nicht.

Auch Wolfgang Weiss, der Verantwortliche des Unscear-Berichts, betont, dass sich diese Fälle von Krebs bereits vor dem Unfall manifestiert hätten. Und erklärt sie mit Faktoren wie der natürlichen Hintergrundstrahlung, die auf der Welt vorhanden ist und die WissenschaftlerInnen «Grundrauschen» nennen.

Gefährlicher Unsinn sei das, sagt Strahlenmediziner Lengfelder: «Ein Fünfjähriger hat keinen Schilddrüsenkrebs, es sei denn, er wurde durch radioaktives Jod ausgelöst, wie es in Tschernobyl der Fall war. Das erwarte ich auch bei Fukushima.» Nach Tschernobyl seien die ersten kindlichen Schilddrüsenkrebsfälle drei bis vier Jahre nach dem Unfall entstanden. Lengfelder rechnet damit, dass in Japan die ersten Fälle von Schilddrüsenkrebs in zwei Jahren erkennbar werden. «Dann müssen sich die sogenannten Experten von Unscear neue Ausreden einfallen lassen.»

Lehren aus Tschernobyl

Für den Unscear-Bericht hat man 1080 Messungen an Schilddrüsen von Kindern aus den am meisten betroffenen Gebieten herangezogen. Die Messungen führten die japanischen Behörden Ende März 2011 durch, als das Jod 131 (Halbwertszeit acht Tage) noch nicht zerfallen war. Es habe sich gezeigt, so Weiss, dass 55 Prozent der Kinder überhaupt kein Jod in der Schilddrüse hatten. Der höchste Wert lag bei 38 Millisievert. «Das sind sehr niedrige Werte. In Japan werden überhaupt erst ab 50 Millisievert Organdosis Jodtabletten empfohlen. Alle 1080 Kinder lagen ganz deutlich darunter, weshalb die Regierung damals zum Schluss kam, dass kein Problem bestehe.»

Da das Jod 131 zum Zeitpunkt der Unscear-Recherchen bereits zerfallen war, wurde die Schilddrüsendosis für ein Kleinkind mithilfe von Umweltproben, vorhandenden Daten und Modellberechnungen rekonstruiert. Laut Weiss bestand aufgrund dieser Berechnungen zwar ein zusätzliches Krebsrisiko – «aber das Lebensrisiko, an Schilddrüsenkrebs zu erkranken, wird dadurch nicht verändert».

Edmund Lengfelder fühlt sich durch die Aussagen der Unscear-WissenschaftlerInnen zu Fukushima an das Vorgehen nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986 erinnert. Fünf Jahre später, 1991, habe Unscear ebenfalls verkündet, dass es keine Gesundheitsschäden gebe, die der Strahlenbelastung zugeordnet werden könnten. Daraufhin protestierten die ukrainischen und weissrussischen Ärzte, die bereits krebskranke Kinder operiert hatten, und luden WissenschaftlerInnen von Unscear ein, sich in Kiew persönlich ein Bild zu machen: «Sie konnten die histologischen Präparate der operierten Kinder untersuchen und gaben zu, dass die Diagnosen richtig sind und es sich tatsächlich um Krebs handelt. Dann fuhren sie nach Wien und sagten, dass es keine Gesundheitsschäden gibt.»

Mittlerweile erkennen die Weltgesundheitsorganisation WHO sowie die Internationale Atomenergie-Organisation IAEA Schilddrüsenkrebs als Folge von Tschernobyl an. Gleichzeitig weisen sie darauf hin, dass nur neun der 4000 Kinder, die erkrankten, daran gestorben seien. Die anderen sind indes weit davon entfernt, wieder «gesund» zu sein, wie behauptet wird: Weil man ihnen die Schilddrüsen entfernt hat, müssen sie ihr Leben lang Hormone schlucken.

In den höher kontaminierten Gebieten Weissrusslands stieg als Folge von Tschernobyl auch die Rate missgebildeter Säuglinge markant an. Und die genetischen Schäden werden zunehmen: In der ersten Generation findet man nur zehn Prozent der insgesamt zu erwartenden genetischen Schäden. Auch die Rate an Diabetes bei Kindern hat sich in diesen Gebieten verdreifacht, die Krankheit tritt heute zum Teil bereits im Alter von sechs bis zehn Monaten auf.

Vertuschungsgefahr

Die Unscear-WissenschaftlerInnen begründen ihre Überzeugung, dass die AKW-Katastrophe in Fukushima keine gesundheitlichen Risiken nach sich ziehe, mit der raschen Evakuierung der Menschen. Und übergehen all diejenigen, die nicht oder erst spät evakuiert worden sind. Über einigen Regionen ausserhalb der von den Behörden festgelegten Evakuierungszone ging ebenfalls radioaktiver Niederschlag nieder. Orte wie Iitate Mura im Nordwesten hat man erst im April informiert und im Mai/Juni evakuiert. Das nebenan gelegene Date wurde gar nicht evakuiert. Im rund sechzig Kilometer vom Kraftwerk entfernt gelegenen Fukushima-Stadt werden bis heute erhöhte Werte von Cäsium 137 gemessen.

Für Wolfgang Weiss sind diese Werte so niedrig, dass sie im Rahmen der natürlichen Strahlung untergehen. Das ist auch der Tenor des Fukushima-Berichts: Jeder Mensch habe ein Grundrisiko, an Krebs zu erkranken. Was die ionisierende Strahlung auf dieses Risiko draufpacke, sei so gering, dass es im Grundrauschen untergehe. Nicht alle Unscear-WissenschaftlerInnen sind indes damit einverstanden. Der belgische Strahlenschutzforscher Hans Vanmarcke etwa erzürnte sich in den belgischen Medien darüber, dass die Katastrophe von Fukushima kleingeredet würde. «Man geht sogar noch hinter die Lehren aus Tschernobyl zurück.»

Auch Strahlenmediziner Edmund Lengfelder stellt die rhetorische Frage, ob die Krebsursachenforschung der vergangenen Jahre eigentlich spurlos an den Wissenschaftlern von Unscear vorübergegangen sei: «Wenn man den Zusammenhang zwischen einer Ursache und einer Krebserkrankung herstellen will, muss man das epidemiologisch sehr genau untersuchen. Das können wir heute. Wir können feststellen, dass auch geringe krebsauslösende Dosen an Chemikalien oder Strahlung nachweislich die Krebsrate erhöhen. Die Aussage, die Krebsrate sei vor und nach Fukushima gleich, ist also nicht nur nicht belegbar und mit wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht vereinbar, sondern, krass gesagt, bösartiger Unsinn!»

Doch in Japan werden ebenso wenig epidemiologische Untersuchungen durchgeführt wie damals in Tschernobyl (vgl. «Und wieder wird die Mär von der Strahlenangst erzählt»). Die Regierung lehne dies ab, sagt der Physiker und Atomwissenschaftler Hiroaki Koide, einer der schärfsten Kritiker der Atomenergie in Japan. «Doch wenn nicht kontinuierlich Basisuntersuchungen gemacht werden, wird man die Entstehung von Gesundheitsschäden nicht epidemiologisch beweisen können.» Koide benennt auch die Gefahr, die seiner Ansicht nach durch die Erhöhung der zulässigen Jahreshöchstbelastung in der Präfektur Fukushima auf zwanzig Millisievert droht: «Dadurch sind Menschen in kontaminierten Gebieten geblieben oder werden nun nach und nach wieder zurückkehren. Dort wird es dann sehr plötzlich zu einer ganzen Reihe von Spätfolgen kommen.»

Der japanischen Regierung, die zur Atomenergie zurückkehren und möglichst viele der stillgelegten Reaktoren wieder in Betrieb nehmen will, werden die Erkenntnisse von Unscear gut ins Konzept passen. Zu befürchten ist auch, dass dadurch verhindert wird, dass die Menschen, die «freiwillig» aus der Präfektur Fukushima geflüchtet und weggezogen sind, Entschädigungen erhalten. Wolfgang Weiss wehrt ab: «Der Bericht ist kein politischer Bericht. Er ist niemandem verpflichtet, ausser der Ehrlichkeit gegenüber der Wissenschaft.»

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