Nr. 16/2011 vom 21.04.2011

Da war nichts. Doch! Aber wer will das schon wissen?

Die Atomlobby verhält sich ähnlich wie einst die Tabakindustrie: Sie negiert fast sämtliche Gesundheitsschäden, die radioaktive Strahlung verursacht. Bislang war sie damit erfolgreich, doch immer mehr Studien belegen, dass auch niedrige Dosen gefährlich sind.

Von Susan Boos

Nikolai Schukaluk hat immer gelächelt, selbst wenn er schlimme Geschichten erzählte. Ich hatte ihn 1995 in Uschgorod im Westen der Ukraine kennengelernt. Als ich ihn vor zwei Jahren wieder besuchen wollte, lebte er nicht mehr. Als er starb, war er Mitte fünfzig. Ich wusste, dass er an Leukämie litt, aber an einer nicht besonders aggressiven Leukämie, mit der man für gewöhnlich ziemlich alt werden kann.

Schukaluk hatte Anfang 1987 in Tschernobyl gearbeitet, er war einer der sogenannten LiquidatorInnen, die nach dem Super-GAU versuchten, das Desaster einzudämmen. Schukaluks Geschichte steht für die Geschichte der 600 000 LiquidatorInnen. Vielleicht waren es aber auch 800 000, so genau weiss das niemand. Tschernobyl ist wie ein schwarzes Loch: unheimlich, zerstörerisch, unfassbar. Weltweit anerkannte Erkenntnisse über die gesundheitlichen Folgen gibt es nur wenige. Die AKW-Industrie sagt, sehr hohe Strahlendosen seien tödlich, doch kleine würden der Gesundheit nichts anhaben. Man vernimmt es wieder täglich in den Medien: Wenn in Japan erhöhte Werte gemessen werden, folgt meistens der Nachsatz, die Dosis sei nicht gefährlich.

Welche Dosis gefährlich sei, darüber herrscht seit Jahren ein erbitterter Streit. Die Institutionen, die Geld und Macht haben, sind der Meinung, es gebe eine Art sichere Grenze – liegen die Strahlendosen darunter, sollen sie unschädlich sein. Und wenn dem so ist, braucht man nicht darüber zu forschen. Dem stehen unabhängige WissenschaftlerInnen gegenüber, die überzeugt sind, dass jede Dosis gesundheitliche Schäden verursachen kann. Und dass der schädigende Effekt nicht linear zur Strahlenbelastung sinkt.

Aufgrund vieler Untersuchungen vermuten diese WissenschaftlerInnen, dass kleine Dosen, die über einen langen Zeitraum kontinuierlich aufgenommen werden, gefährlicher sind, als wenn die Gesamtdosis in einem kurzen Zeitraum absorbiert wird. Die lange Niedrigbestrahlung – so die These – wirkt schädigender auf den Organismus, weil die körpereigenen Reparaturmechanismen nicht mehr optimal funktionieren. Die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) negieren dies jedoch beharrlich.

Nur fünfzig anerkannte Tote

Vor fünf Jahren publizierte die IAEA anlässlich des 20. Jahrestages der Katastrophe von Tschernobyl eine Pressemitteilung unter dem Titel «Das wahre Ausmass des Unfalls». Die IAEA rechnet darin vor: «Insgesamt könnten bis zu viertausend Personen an der Strahlung sterben, die durch den Reaktorunfall in Tschernobyl vor zwanzig Jahren freigesetzt wurde. (...) Dennoch konnten bis Mitte 2005 weniger als fünfzig Tote direkt auf die Strahlung durch den Unfall zurückgeführt werden.» Davon ist die IAEA bis heute nicht abgerückt. Die einzige Folge, die sie akzeptiert, sind einige Tausend Schilddrüsenkrebsfälle, die jedoch sehr selten tödlich enden.

Ihre Argumentation verschleiert vieles, doch ganz falsch ist sie nicht – wegen des kleinen Wortes «direkt». Bei Autounfällen weiss man, dass ein Auto einen Menschen getötet hat. Bei radioaktiver Strahlung ist es hingegen sehr schwierig, den direkten Zusammenhang zwischen der Strahlenbelastung und einer Erkrankung zu beweisen. Beim Rauchen war man mit demselben Problem konfrontiert. Jahrzehntelang hat es die Tabakindustrie verstanden, den Zusammenhang zwischen Rauchen und Lungenkrebs mit Studien wegzureden. «Rauchen ist tödlich» steht heute auf jeder Zigarettenpackung.

Bei Tschernobyl werden die Folgen des Unfalls aber weiterhin mit Erfolg kleingeredet – was auch einfach ist, weil die, die die Mittel hätten, grosse und teure epidemiologische Studien aufzugleisen, kein Interesse daran haben. Eine umfassende Aufarbeitung der Folgen von Tschernobyl ist nie angegangen worden – anders als nach den Bombenabwürfen in Hiroshima und Nagasaki, wo man mit öffentlichen Geldern gross angelegte Langzeitstudien finanzierte. Diese Untersuchungen belegen eindeutig, dass Strahlung Krebs auslöst, doch wird noch heute darüber gestritten, wie die Daten zu bewerten sind. Je nachdem kommt man zu vielen oder nur ganz wenigen zusätzlichen Krebstoten.

Der Ukraine wie Weissrussland fehlten nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Mittel. Die Atomindustrie würde mit solchen Studien nur verlieren, weil die Resultate dazu führen könnten, dass AKWs abgestellt oder mindestens der Strahlenschutz verschärft würden, was Kosten verursacht. Auch die IAEA ist nicht interessiert, weil sie den Auftrag hat, die Atomindustrie zu fördern. Und die WHO ordnet sich freiwillig der IAEA unter (siehe WOZ Nr. 15/11). Also bleibt es engagierten Individuen überlassen, mit bescheidensten Mitteln das Tschernobyl-Erbe zu ergründen.

Wie desolat der Wissensstand ist, zeigt die simple Frage, wie viel radioaktives Material beim Super-GAU freigesetzt worden ist. Konstantin Tschetscherow vom Moskauer Kurtschatow-Institut war als Liquidator im geborstenen Reaktor unterwegs, um herauszufinden, was am 26. April 1986 wirklich passiert war. Er sagt, 90 bis 96 Prozent des radioaktiven Inventars seien bei der Explosion des Reaktors rausgeflogen – im Reaktor selbst befinde sich kaum mehr Uranbrennstoff. Die IAEA geht hingegen genau vom Umgekehrten aus: Nur einige Prozent des strahlenden Inventars seien freigesetzt worden, der Rest liege geschmolzen unten im Reaktorgebäude.

Bis heute weiss niemand, wer recht hat. Niemand kann wirklich im Reaktor herumspazieren, um abschliessend festzustellen, wie viel Brennstoff noch herumliegt, da dort die Strahlung noch immer tödlich hoch ist. Doch wenn Tschetscherow recht hat, wäre viel mehr Radioaktivität freigesetzt worden, womit die IAEA ihre abstrakten Rechnungen, wie viele zusätzliche Krebstote Tschernobyl verursachen wird, massiv nach oben korrigieren müsste.

Die Dosiswerte wurden gefälscht

Eigentlich müssten die LiquidatorInnen wissen, wie viel Strahlung sie abbekommen haben, waren sie doch mit Dosimetern ausgerüstet. Wie das damals vonstatten ging, konnte Nikolai Schukaluk berichten. In Tschernobyl musste er das Dach von Reaktorblock 3 säubern. Block 4 war explodiert, die beiden Blöcke waren zusammengebaut. Deshalb lagen auf Block 3 hoch strahlende Bruchstücke der Uranbrennstäbe, die bei der Explosion hinauskatapultiert worden waren.

Schukaluk war promovierter Chemiker, hatte also eine Ahnung von der Materie, weshalb er als Dosimetrist eingesetzt wurde. Es war seine Verantwortung, dass niemand eine zu hohe Dosis abbekam. Die Tageslimite betrug 5 Millisievert pro Person. Hatte ein Liquidator mehr als 250 Millisievert abbekommen, musste er die Zone verlassen. Wurde die Tageslimite nicht überschritten, konnte ein Liquidator fünfzig Tage dort arbeiten. Schukaluk war ein genauer Mensch. Er schrieb präzise auf, wie hoch die Strahlenbelastung war, manchmal wurden die erlaubten Tagesdosen tüchtig überschritten, weil sonst die nötigen Arbeiten nicht erledigt werden konnten. Er erzählte, wie er eines Tages zum Stab zitiert und wirsch gefragt wurde, ob er den Grenzwert nicht kenne. «Doch, sagte ich, 5 Millisievert», erzählte Schukaluk. «Darauf sagten sie mir: Also – dann wissen Sie ja, was Sie zu schreiben haben!» Damit sei die Sache erledigt gewesen. Fortan schrieb auch Schukaluk nicht mehr die wahren Werte auf. Er lächelte, als er erklärte, warum dem so war: «Es hätte viel mehr Leute gebraucht, wenn sie die Grenzwerte hätten einhalten wollen. Sie haben auch den Leiter einer Einheit bestraft, weil er einen seiner Männer zu lange in eine hoch kontaminierte Ecke geschickt hat, und sie haben den betroffenen Soldaten bestraft, weil er nicht besser aufgepasst hat, obwohl er das gar nicht konnte, und den Dosimetristen, weil er alles festgehalten hat.»

So ging das damals. Nicht, weil das Sowjetsystem besonders menschenverachtend war, das vielleicht auch, aber vor allem, weil kein Land der Welt so viele Männer zur Verfügung hat, um ein solches Desaster korrekt zu bewältigen.

Das Resultat: Die LiquidatorInnen wissen nicht, wie hoch die Strahlung ist, die sie abbekommen haben. Die internationalen Organisationen gehen jedoch von den offiziellen Angaben aus, wonach die LiquidatorInnen um die 250 Millisievert absorbierten – das kann nicht ungesund sein, darf doch ein gewöhnlicher AKW-Angestellter laut den gültigen Grenzwerten in seinem Berufsleben bis zu 800 Millisievert abbekommen.

Deshalb werden alle Studien ignoriert, die bei LiquidatorInnen (oder Evakuierten, die ähnliche Dosen aufweisen) gesundheitliche Probleme feststellen. Doch solche Studien gibt es inzwischen viele.

Immer mehr alarmierende Ergebnisse

Anfang April fanden in Berlin zwei Tschernobyl-Konferenzen statt, die eine organisiert von der Gesellschaft für Strahlenschutz, die andere von den ÄrztInnen gegen Atomkrieg (IPPNW). Zahlreiche WissenschaftlerInnen aus den betroffenen Gebieten, aber auch aus anderen europäischen Ländern präsentierten ihre Erkenntnisse. In einem eindrucksvollen gemeinsamen Bericht fassten die beiden nichtstaatlichen Organisationen den heutigen Wissensstand zusammen.

Hier nur einige der Ergebnisse:

• Laut ukrainischer Regierung sind 94,2 Prozent der LiquidatorInnen, 89,9 Prozent der Evakuierten und 84,7 Prozent der EinwohnerInnen in den verstrahlten Gebieten krank.

• Genetische Schäden und Fehlbildungen haben in den betroffenen Gebieten markant zugenommen. Kinder von bestrahlten Müttern oder LiquidatorInnen weisen Erbgutschäden auf, die sich kumulieren. Noch ist ungewiss, welche Krankheiten dies auslösen wird.

• Bei Kindern in den kontaminierten Gebieten Weissrusslands ist die Diabetesrate auf das Dreifache angestiegen, die Krankheit tritt zum Teil schon im Alter von sechs bis zehn Monaten auf.

• Kinder, die im Mutterleib verstrahlt wurden, haben einen signifikant niedrigeren Intelligenzquotienten. Zudem weisen sie auffallend viele psychische Störungen auf.

• Die LiquidatorInnen leiden an einer Vielzahl von unterschiedlichsten Erkrankungen – insbesondere unter Herz-Kreislauf-Beschwerden, massiven neurologischen Problemen und grauem Star. Offensichtlich ist ihr Alterungsprozess markant be- schleunigt.

• Allein in Weissrussland erkrankten seit der Katastrophe über 12 000 Menschen an Schilddrüsenkrebs. Insgesamt ist im Gebiet Gomel, das gleich neben der Tschernobyl-Sperrzone liegt, mit 100 000 Schilddrüsenkrebsfällen zu rechnen.

• Die radioaktive Belastung führt dazu, dass weniger Kinder und vor allem signifikant weniger Mädchen als Jungen geboren werden. Der Effekt konnte auch in Deutschland oder Finnland nachgewiesen werden, neun Monate, nachdem die radioaktive Tschernobyl-Wolke über Europa gezogen war. Zudem kamen in diesem Zeitraum signifikant mehr Kinder mit Trisomie-21 (Downsyndrom) zur Welt.

Für alle Resultate gibt es Erklärungsansätze. Doch wirklich bewiesen ist erst wenig. Bei den Kindern scheinen viele Schädigungen während der ersten Tage nach der Befruchtung der Eizelle ausgelöst worden zu sein. Womit sich erklären liesse, weshalb selbst geringste Strahlendosen so verheerend wirken.

Nicht jeder schafft es in die Statistik

Freunde von Nikolai Schukaluk, die mit ihm in Tschernobyl gewesen waren, brachten mich zu seinem Grab. Es war geschmückt mit schütteren, blassen Plastikblumen, wie alle anderen Gräber auch. Wir tranken ein Glas Wodka auf Schukaluk, assen ein Stück Brot und schwiegen. Später sagten seine Freunde, er gelte nicht als Tschernobyl-Opfer. Er war einige Jahre nach seinem Einsatz an der Leukämie erkrankt, doch offiziell ist er an einer Lungenentzündung gestorben – und damit schaffte er es nicht in die Tschernobyl-Todesstatistik der Ukraine. Weil eine Lungenentzündung nicht als Krankheit gilt, die durch radioaktive Strahlung ausgelöst wird. Leukämie schon eher, aber die hat ihn offiziell nicht um- gebracht.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

Unterstützen Sie den ProWOZ

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Da war nichts. Doch! Aber wer will das schon wissen? aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr