Im Affekt: Locker-Room-Talk mit der Kronprinzessin

Nr. 6 –

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Vor ein paar Tagen hat das US-Justizministerium die jüngste Ladung Epstein-Akten veröffentlicht – insgesamt sind nun Dokumente im Umfang von sage und schreibe sechs Millionen Seiten zum Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein zugänglich. Dieser hatte 2019 im Gefängnis Suizid verübt, gerade als dort die Videoüberwachung ausgefallen war. Solche Zufälle soll es ja geben.

Durch die neuen Veröffentlichungen zieht der Epstein-Skandal noch grössere Kreise als ohnehin schon. Tatsächlich kann man sich kaum des Eindrucks erwehren, es länderübergreifend «mit einem komplett verkommenen Establishment zu tun zu haben», wie es die NZZ treffend umschrieb.

Insbesondere gilt das für Europas Königsfamilien. Prinz Andrew, dem Bruder des britischen Königs Charles, wurde bereits der Herzogtitel aberkannt – er war mit Epstein befreundet gewesen. Nun hat Andrews Exfrau Sarah Ferguson ihren grossen Auftritt. In einem Mail von 2010 bezeichnete sie Epstein als «Legende» und schäkerte: «Heirate mich einfach.» Zu diesem Zeitpunkt war es zwei Jahre her, dass Epstein wegen Förderung der Prostitution Minderjähriger verurteilt worden war.

Noch peinlicher ist die Lage für die norwegische Königsfamilie; hier steht Kronprinzessin Mette-Marit im Fokus. Auch sie hatte mit Epstein nach dessen Verurteilung korrespondiert, hielt 2012 laut «New York Times» etwa folgende Reiseempfehlungen parat: «Paris ist gut für einen Seitensprung. Skandinavierinnen sind aber das bessere Ehefrauenmaterial.» Locker-Room-Talk mit einem Kerl also, der seinen reichen Kumpels Minderjährige für sexuelle Gefälligkeiten zuführte.

Klar, Stand jetzt haben sich weder Ferguson noch Mette-Marit Justiziables zuschulden kommen lassen. Und doch vermittelt all das ein eindrückliches Bild davon, welche Moralstandards in dieser Parallelwelt herrschen. «Aftenposten», Norwegens grösste Zeitung, sorgt sich bereits: «Kann Mette-Marit jetzt noch Königin werden?» Eher müsste man fragen, ob es nicht endlich an der Zeit wäre, es mit dem ganzen königlichen Kokolores ganz sein zu lassen.

«Der Teufel, der Adel und die Jesuiten existieren nur so lange, als man an sie glaubt», wusste schon Heinrich Heine.