Wetterleuchten : In der Zardinistrasse
Anna Jikhareva will mehr Denkmäler für vergessene Held:innen
Es war eine ernsthaft-feierliche Menge, mit der ich mich letzten Samstag vor der Brauerstrasse Nummer 26 im Zürcher Kreis 4 wiederfand. Gekommen, um Abschied zu nehmen von Alfredo Zardini, einem italienischen Arbeiter, der an dieser Stelle vor 55 Jahren dem Schweizer Rassismus zum Opfer fiel. Und um die Kontinuitäten dieses Rassismus anzuprangern, weil schon bald die nächste Initiative der SVP ansteht, die Grenzen ziehen will, begrenzen, ausschliessen.
Zardini, der aus Venetien nach Zürich kam, um als Zimmermann zu arbeiten, von Frau und Kindern getrennt, war vierzig Jahre alt, als er in der Bar, die damals hier stand, zu Tode geprügelt wurde von einem Anhänger der «Bewegung gegen die Überfremdung». So alt wie ich jetzt. Stundenlang lag er auf dem Trottoir, bis jemand eine Ambulanz rief, zu spät, Zardini starb auf dem Weg ins Spital.
Migmar Dolma und Sarina Tharayil lesen Texte für und über Zardini, weil «Literatur Worte finden kann für das, was nicht gesagt wird», wie es in der Ankündigung von Arzije Asani heisst. Sie erinnern an die «Initiative gegen die Überfremdung» des Industriellen James Schwarzenbach, in deren Vorfeld Zardini starb. Und an die vielen SVP-Initiativen, die immer neue Namen für das immer Gleiche fanden: «gegen die illegale Einwanderung», «gegen Masseneinwanderung», «für die Ausschaffung krimineller Ausländer», für Durchsetzung, Selbstbestimmung, Begrenzung, Grenzschutz.
Eine Sprache, deren Brutalität sich hinter nüchtern-bürokratischen Behördenfloskeln verstecken mag, die deshalb aber nicht weniger brutal ist. Eine Politik, gerichtet gegen Menschen wie Zardini, der auch darum starb, weil ihm niemand zu Hilfe eilte.
Je länger ich über seine Geschichte nachdenke, desto wütender werde ich auf dieses Land. Eines, das jene, die es mitaufgebaut haben, im Kreis 4, am Gotthard oder auf der Baustelle für den Staudamm von Mattmark, jene, denen es seinen Wohlstand verdankt, auf dem Trottoir verbluten lässt – getötet von einem betrunkenen Rassisten oder rassistischen Polizisten. Auf ein Land, das migrantische Arbeitskraft Tag für Tag prekarisiert und ausbeutet, während es die Namen der Menschen dahinter dem Vergessen preisgibt.
Sowieso, das Gedenken, nur wenige Felder sind derzeit so umkämpft. Überall werden Mythen ins Zentrum gerückt, wird an etwas erinnert, das sich nie zugetragen hat. Make Switzerland great again, eine Schweiz ohne Alfredo Zardini. Erinnerung ist immer auch eine Frage der Zugehörigkeit. Wer erinnert sich, darf sich erinnern und woran, wessen Geschichte wird verdrängt, wessen auf einen Sockel gehoben, für wen werden Denkmäler gebaut, welches Schicksal aus den Geschichtsbüchern getilgt? Wer nicht dazugehört, dazugehören soll, für den ist auch im kollektiven Gedächtnis kein Platz. Und so scheinen auch die hiesigen Debatten über Migration von einer seltsamen Amnesie befallen, als gäbe es keine historischen Vorläufer für das, was passiert, oder nur einen, Schwarzenbachs langen Schatten.
In der Brauerstrasse, in der heute nichts an die Ereignisse von 1971 erinnert, wich diese Amnesie für einmal Entschlossenheit. Einen neuen Namen soll die Strasse erhalten und eine Gedenktafel, wird gefordert. Und weil Erinnerung an die Opfer von Ausgrenzung und Hass schon immer eine politische Praxis war, die das Gestern erst mit dem Heute in Beziehung setzt, schritt man auch gleich selbst zur Tat, überklebte das Strassenschild. Hiess die Brauer- an diesem Nachmittag für einen kurzen Moment Zardinistrasse. ●
An dieser Stelle nehmen die WOZ-Journalistinnen Anna Jikhareva und Daria Wild abwechselnd die politische Grosswetterlage unter die Lupe.