Nr. 25/2020 vom 18.06.2020

Staatlich verordnete Amnesie

Bis «Black Lives Matter»-AktivistInnen sie herunterrissen: Warum konnte die Statue eines Sklavenhändlers im Hafen Bristol über hundert Jahre lang in Ruhe stehen bleiben?

Von Peter Stäuber, London

Kann das weg? Ja, das kann weg! Im Londoner Parliament Square macht sich Nelson Mandela Gedanken über den mit Brettern verkleideten Winston Churchill. Foto: John Sibley, Reuters

Die Frage war dumm, aber aufschlussreich. «Wieso ziehst du eigentlich nicht ins Ausland?», wollte der konservative Moderator von Afua Hirsch wissen. Die britische Journalistin hatte sich während einer Fernsehdebatte eines Vergehens schuldig gemacht, das für manche patriotischen EngländerInnen dem Landesverrat gleichkommt: Sie hatte vorsichtig angeregt, dass man die bedingungslose Verehrung von Figuren wie Napoleon-Bezwinger Horatio Nelson oder Winston Churchill überdenken sollte. Der Austausch liegt zwar zwei Jahre zurück, aber als Hirsch ihn nun nochmals über soziale Medien verbreitete, sorgte er für Furore. Eigentlich ist ihr Anliegen wenig kontrovers: Nelson war ein Freund der Sklaverei und Churchill – dessen entscheidender Beitrag zum Sieg über die Nazis niemand bestreitet – ein glühender Imperialist, der während des Zweiten Weltkriegs den Hungertod von drei Millionen BengalInnen mitverantwortete.

Aber gemäss der etablierten Liturgie Grossbritanniens muss man darüber schweigen. Die beiden sind als Helden zu feiern, und Schluss. Die Aufforderung an Afua Hirsch, das Land zu verlassen, scheint aus dieser Perspektive konsequent: Wer die Bewunderung für solche Figuren nicht teilt – oder eine zwiespältige Haltung zu deren Denkmälern äussert –, schliesst sich selbst aus der britischen Gesellschaft aus.

Weissgewaschen und verteidigt

Über die Geschichte Grossbritanniens wird in diesen Tagen heftig gestritten. Die wiedererstarkte Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) hat eine Debatte über Rassismus angestossen, bei der die britische Erinnerungskultur eine zentrale Rolle spielt. Es geht ums Empire, um Denkmäler für dubiose Figuren, um Sklavenhandel – und um den langen Schatten, den diese Vergangenheit bis heute wirft. Ein Kulturkampf, der spätestens seit dem Brexit-Votum ausgefochten wird, hat damit einen neuen Höhepunkt erreicht.

Für die konservative Seite geht es darum, an einem weissgewaschenen Geschichtsbild festzuhalten. Das British Empire tritt in diesem Bild als eine «Kraft des Guten» auf, wie es jüngst ein Tory-Abgeordneter formulierte: Die Verbrechen des Kolonialismus sind vernachlässigbar und der Imperialismus ein moralisch einwandfreier Ausdruck der Grösse Britanniens.

Premierminister Boris Johnson, von der Coronakrise völlig überfordert und froh über jede Ablenkung, hat sich mit Begeisterung in diese Debatte gestürzt. Er hat sein Idol Churchill in Schutz genommen und gesagt, man dürfe die «Vergangenheit nicht redigieren oder zensurieren». Dass die Churchill-Statue am vergangenen Wochenende im Hinblick auf die BLM-Demonstration mit einer Holzverkleidung versehen wurde, um sie vor Attacken zu schützen, sei zutiefst bedauerlich.

Mal abgesehen davon, dass Denkmäler vor grösseren Protesten schon öfter verhüllt worden sind und dass die Statuen von Mahatma Gandhi und Nelson Mandela gleichermassen mit Brettern vernagelt wurden; abgesehen auch davon, dass die Gewalt auf dem Parliament Square am Samstag nicht von BLM-Protestierenden ausging, sondern von einem Haufen pöbelnder Rechtsextremer – abgesehen von all dem redet Johnson völlig am Thema vorbei: Den KritikerInnen geht es nicht darum, Zensur zu üben, sondern darauf hinzuweisen, dass die Version der Geschichte, die sich das konservative Grossbritannien erzählt, fehlerhaft und voll von Löchern ist.

Was Generationen von BritInnen etwa im Schulunterricht über die Sklaverei gelernt haben, beschränkt sich darauf, dass Grossbritannien den Sklavenhandel abgeschafft hat. Die Tatsache, dass britische Kaufleute zuvor jahrhundertelang ganz vorne mit dabei gewesen waren, ist in dieser Erzählung offensichtlich ein Detail. 1833 verbot Grossbritannien die Sklaverei im ganzen Weltreich – aber die Regierung kompensierte die SklavenhalterInnen für ihren Verlust: Der Staat zahlte ihnen die damals gigantische Summe von zwanzig Millionen Pfund als «Wiedergutmachung», vierzig Prozent der öffentlichen Ausgaben in jenem Jahr; die Schulden, die der britische Staat dafür aufgenommen hatte, wurden erst 2015 völlig getilgt.

Folterknechte als Fussnote

Davon wendet die offizielle britische Erinnerungskultur den Blick ab – genauso wie vom Unrecht und von den unzähligen Verbrechen des Kolonialismus. Dass die BritInnen zum Beispiel die Ersten waren, die Konzentrationslager errichteten, als sie Anfang des 20. Jahrhunderts in Südafrika gegen die Buren kämpften; dass die britischen Kolonialherren im Mau-Mau-Aufstand in Kenia in den fünfziger Jahren als sadistische Folterknechte auftraten; dass die britische Regierung zwischen 1968 und 1973 2000 EinwohnerInnen von Diego Garcia, einem Archipel im Indischen Ozean, zwangsdeportierte – all das kommt lediglich als Fussnote vor, wenn überhaupt.

Die Amnesie ist sogar staatlich verordnet worden. In den letzten Jahren des Kolonialismus, bis in die siebziger Jahre hinein, ordnete das Aussenministerium die Vernichtung von Tausenden Akten an, die Grossbritannien hätten peinlich werden können – Rassismus, Menschenrechtsverletzungen, Brutalität. Man nannte es «Operation Legacy»: Operation Vermächtnis.

Die klaffenden Lücken in der Historiografie und die Verweigerung jeglicher Vergangenheitsbewältigung dienen mitunter als Erklärung, warum Millionen BritInnen ihre eigene Geschichte so unkritisch sehen. Eine Umfrage letztes Jahr ergab, dass fast ein Drittel der britischen Bevölkerung findet, das Land könne auf den Kolonialismus stolz sein; weniger als zwanzig Prozent halten das Empire für etwas Anrüchiges. Die kollektive Gedächtnisschwäche erklärt auch, dass im Hafen Bristol über hundert Jahre lang die Statue des Sklavenhändlers Edward Colston in nachdenkender Pose stehen konnte – bis vor zwei Wochen, als ihn BLM-Protestierende vom Sockel zerrten und ins Hafenbecken warfen.

Segregiert und kontrolliert

Die Gegenwart der kolonialen Gesinnung geht jedoch über Denkmäler hinaus: Wie der Soziologe Paul Gilroy schon 1987 im Klassiker «There Ain’t No Black in the Union Jack» beschrieben hat, verbreitete sich – zum Ende des britischen Weltreichs – in den sechziger und siebziger Jahren die Idee von «Great Britain» als ethnisch weiss definierte Nation. Der Ausschluss von EinwanderInnen aus den ehemaligen Kolonien war die logische Konsequenz dieser Vorstellung – und sie übersetzte sich in konkrete politische Massnahmen: Die restriktiven Einwanderungsgesetze, die in jenen Jahrzehnten eingeführt wurden, zielten darauf ab, die Immigration von People of Color zu beschränken.

So ist der strukturelle Rassismus, dem MigrantInnen aus dem Commonwealth auch heute noch ausgesetzt sind, eng verknüpft mit der kolonialen Vergangenheit und der Idee von der Überlegenheit weisser BritInnen. Nadine El-Enany, Rechtsdozentin in London, schreibt in ihrem neuen Buch «(B)ordering Britain» von den «heimischen Räumen des Kolonialismus», in denen ethnische Minderheiten «segregiert und kontrolliert» werden, stets «Armut, Exil und dem Tod ausgesetzt». Als Beispiel nennt sie den Grossbrand im Grenfell Tower, bei dem vor drei Jahren 72 Menschen starben, die meisten aus migrantischen Communitys. «Einwanderungsgesetze, Visaanforderungen und externe Grenzkontrollen» seien als «fortlaufende Ausdrücke des Empire» zu sehen.

Auch ethnische Communitys, die seit Jahrzehnten, gar Jahrhunderten im Land leben, sind diesem strukturellen Rassismus ausgeliefert. Schwarze BürgerInnen werden insbesondere im Rechts- und im Bildungssystem systematisch benachteiligt und sind überdurchschnittlich von Armut betroffen. Und selbst wer privilegiert ist, hat stets das Gefühl, nicht wirklich dazuzugehören: In den Augen patriotischer weisser BritInnen schulden sie dem Land Dankbarkeit. Zum Beispiel Afua Hirsch, als Tochter eines Briten und einer Ghanaerin in eine Londoner Mittelklassefamilie geboren.

«Britishness – zumindest die patriotische, defensive und glorifizierende Version davon – scheint höchst fragil zu sein», schrieb die Journalistin vor einigen Jahren: Sie vertrage keine Kritik, am wenigsten von jemandem wie Hirsch, der es «erlaubt» worden sei, in Grossbritannien Karriere zu machen. Die Frage des Moderators, warum sie nicht in ein anderes Land ziehe, wenn sie Churchill nicht für einen tadellosen Staatsmann halte, verweist genau auf das Problem: «Rassismus ist, wenn man Schwarzen, die ihr eigenes Land kritisieren, sagt, sie sollen es verlassen», twitterte Hirsch nach dem Vorfall.

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