Seit Vier Jahren im Krieg: Frieden nur noch als ferne Erinnerung

Nr. 9 –

Wie ein Feuerwehrmann, eine Seniorin und ein Bezirksleiter in der ukrainischen Hauptstadt den härtesten Winter seit Kriegsbeginn durchstehen.

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Portraitfoto von Feuerwehrkommandant Illja Holubjew in Arbeitskleidung
Menschen retten und die Mannschaft schützen: Feuerwehrkommandant Illja Holubjew stammt aus dem Donbas, wo schon vor zwölf Jahren gekämpft wurde. Foto: Dzvinka Pinchuk

Illja Holubjew spricht den Namen des Aggressorstaats nicht mehr aus. Er findet keine Schimpfwörter, keine grossen Erklärungen, kein Verständnis. Er sagt nur «Land 404», wenn er über Russland spricht. Ein technischer Fehlercode, Seite nicht gefunden. Ein Staat, der für ihn nicht mehr existiert und der auch an diesem Abend Mitte Februar schuld daran ist, dass er mit einer Taschenlampe durch die Fahrzeughalle seiner Wache leuchten muss.

Holubjew ist 33 Jahre alt und Kommandant der Feuerwehr im Kyjiwer Bezirk Podil. Er trägt ein T-Shirt mit einem aufgestickten Emblem, ein Geschenk eines Kollegen vom Rettungs- und Feuerwehrdienst der Königlichen Neuseeländischen Luftwaffe. Auf dem Emblem steht ein Motto auf Māori, das übersetzt so viel heisst wie «Hinein in das lodernde Feuer». Der Spruch sei eine Beschreibung des Berufsalltags in einem Land ohne Krieg, sagt Holubjew. In der Ukraine kommen noch die Angriffe mit Drohnen und Raketen dazu – und in der Nähe der Front die Artillerie. «Es geht nicht nur darum, Menschen zu retten, sondern auch darum, die eigene Mannschaft zu schützen», sagt der Feuerwehrmann. Jeder Einsatz passiere unter doppelter Bedrohung: des Feuers und des möglichen Beschusses.

«Man muss anders denken»

Der Lichtkegel seiner Taschenlampe streift die Einsatzwagen, von denen viele aus Deutschland gespendet wurden. Wegen der stundenlangen Stromausfälle liegt die Wache im Halbdunkel. Draussen rattert ein Dieselgenerator in der eisigen Kälte – neben Gebäuden, die in den vergangenen Jahren durch Angriffe beschädigt wurden – und versorgt wenigstens Holubjews Büro notdürftig mit Strom. Im oberen Stockwerk dösen seine Kollegen auf den Betten, die Gesichter beleuchtet von den Bildschirmen der Smartphones, wartend auf einen möglichen Einsatz.

Holubjew öffnet die Tür zu seinem Büro – ein karg eingerichteter Raum einer Person, die mehr Zeit draussen als hinter dem Schreibtisch verbringt. Wie viele Einsätze es bisher waren, kann Holubjew nicht sagen. Die Erlebnisse fliessen ineinander. Seit zwölf Jahren ist er Feuerwehrmann, und fast genauso lange begleitet ihn der Krieg.

«Für mich war die Arbeit beim Rettungsdienst immer etwas Ehrenvolles. Was kann es Schöneres geben, als Menschen zu retten?», fragt Holubjew, der in der Stadt Jenakijewe im Donbas aufgewachsen ist. Schon sein Grossvater war Feuerwehrmann. «Als junger Mann habe ich den Nervenkitzel gesucht, die körperliche Anspannung, das Gefühl, im Extremfall bestehen zu müssen. Auch deshalb habe ich mich für diesen Beruf entschieden.» Doch 2014, am dritten Tag seines Praktikums, begann der Krieg im Donbas. «Ich hatte damals noch nie einen echten Brand gesehen», sagt er; die Erinnerungen schmerzen ihn sichtlich, seine Erzählung gerät ins Stocken. In der Ausbildung habe es Sicherheitsabstände gegeben, klar definierte Zonen, einen genauen Ablauf für den Ernstfall. «Aber Brände im Kriegszustand sind ein ganz anderes Bild. Da ändert sich alles. Man muss anders denken.»

Jenakijewe geriet unter russische Besatzung, Holubjews Eltern und seine Verwandten blieben dort. Nur Illja entschied sich zu gehen und fand eine Stelle in Kyjiw. «Damals war ich hier der Einzige in unserer Mannschaft, der den Krieg erlebt hatte.» Heute ist Frieden nur noch eine ferne Erinnerung für Holubjew. Jeder Bereich seines Lebens ist vom Krieg berührt. Die Familie: noch immer mit ihm in Kontakt stehend, aber ohne dass sie über die aktuelle militärische und politische Lage sprechen kann. Der Alltag: geprägt von Alarm und Stromabschaltungen. Der Beruf: Einsätze in eingestürzten Häusern, Brände wegen herabfallender Trümmer der abgeschossenen Drohnen.

In den Jahren vor dem erneuten russischen Überfall am 24. Februar 2022 hat Holubjew noch hin und wieder geglaubt, dass der Krieg enden wird. «Irgendwann habe ich aufgehört, darüber nachzudenken.» Rückblickend, sagt er, habe er wohl schon gewusst, dass es einen grossen Krieg geben werde. «Die russischen Truppen standen an der Grenze. Viele von uns wollten trotzdem nicht wahrhaben, dass Russland uns überfällt.»

Am vierten Jahrestag der russischen Invasion gibt es noch immer keine Aussicht auf Frieden. Präsident Wolodimir Selenski erklärte vor kurzem, dass er den «historischen Scheiss» von Putin nicht brauche. Dass nicht nur Russland, sondern auch die USA die Ukraine darauf drängten, den Donbas aufzugeben. Die Gesprächsrunden in Abu Dhabi und in Genf wiederum scheinen ergebnislos zu bleiben. Nach aktuellen Umfragen des Kyjiwer Instituts für Soziologie glauben 69 Prozent der Befragten nicht, dass die laufenden Gespräche zu einem echten Frieden führen werden. Denn die Menschen werden Angriff für Angriff vom Gegenteil überzeugt.

«Putin ist erst 73»

Die romantischen Parolen vom ukrainischen Sieg und der Rückeroberung der Krim, die im Jahr 2022 zu hören waren, sind mittlerweile verstummt. Die Stimmung ist nüchtern, bei vielen fast schon zynisch. Das Land hat den härtesten Kriegswinter bislang zwar fast überstanden. Doch schon jetzt fürchten sich viele vor der nächsten Heizsaison.

«Putin ist nicht tot. Er ist erst 73 Jahre alt. Er hat Raketen. Warum sollte er diesen Krieg beenden?», fragt Maxim Bachmatow in seinem Büro. Bachmatow leitet die Verwaltung des Desna-Bezirks – des bevölkerungsreichsten Stadtteils Kyjiws. Eine halbe Million Menschen leben hier, wo Tausende Wohnungen nicht beheizt werden können. Bachmatow fürchtet, dass die Bewohner:innen wegziehen. Der 47-Jährige, Buzz Cut, graue Strickjacke mit nordischem Muster, Stiefel im Ugg-Stil, war früher Komiker, Fernsehmoderator, Unternehmer. Vor knapp einem Jahr wurde er von Selenski als Bezirksleiter und Krisenmanager eingesetzt. Für die Stadtregierung von Kyjiw und den amtierenden Bürgermeister Vitali Klitschko, den er vor der Pandemie kurzzeitig beraten hat, hat er kein warmes Wort übrig. Man arbeite aneinander vorbei, Kyjiw sei nicht ausreichend auf den Winter vorbereitet gewesen. «Klitschko war ein grosser Boxer», sagt Bachmatow, «aber als Stadtoberhaupt ist er unfähig.» Die Kanalisation sei marode, die Wärme- und die Wasserversorgung anfällig, Brücken seien sanierungsbedürftig, Krankenhäuser unterfinanziert. «Kyjiw war auch ohne Putin in einem schlechten Zustand», sagt er. «Putin hat die Lage lediglich verschärft.» Die Stadt ächze unter der Dauerbelastung. «Die Stromausfälle und die ausbleibende Heizung stellen für junge, gesunde Menschen eine grosse Belastung dar», sagt Bachmatow. «Aber für alte, kränkere Menschen können sie tödlich sein.»

Maia Tarassenko sitzt auf ihrem Bett
Diesen Winter fühle sie sich erstmals hilflos, sagt Maia Tarassenko. Foto: Bohdan Kinashchuk

In einem einst verlassenen Sanatorium am Stadtrand von Kyjiw zeigt sich abseits von den jungen Hauptstädter:innen, die trotzig und demonstrativ bei minus zwanzig Grad tanzen gehen – die Technoraves werden im Internet gestreamt und von vielen als weiterer Beleg für die ukrainische Resilienz gedeutet –, ein anderes Bild. Maia Tarassenko, kurze, graue, lockige Haare und Brille, ist Pensionärin und wurde vor einigen Wochen von Sozialarbeiter:innen aus ihrer kalten Wohnung gerettet. An einem Vormittag im Februar sitzt sie auf ihrem Bett in einem Zimmer der improvisierten Notunterkunft. Auf dem Boden liegen Hausschuhe. Neben den Betten stehen Rollatoren und kleine Nachttische mit Wasserflaschen, Plastikbechern und Büchern – ein starker Kontrast zum Bild an der Wand, das die Minions zeigt: Comicfiguren vor einer Strandkulisse mit Palmen. Im Vergleich zur Lage in ihrer Wohnung sei das hier das Paradies, sagt Tarassenko.

Vier Grad in der Wohnung

Gefragt nach ihrem Alter, erklärt sie stolz, dass sie im Oktober neunzig Jahre alt werde. Bisher habe sie den Krieg durchgehalten. Aber in diesem Winter fühle sie sich hilflos. «Im Moment bin ich ein bisschen erkältet, deshalb huste ich ständig», sagt sie. In ihrer Wohnung habe es zuletzt vier Grad gehabt, sagt Tarassenko. «Ich hatte Stiefel an, zwei Paar Socken, vier Pullover, einen Mantel, eine Mütze, Handschuhe. Ich sass da und überlegte, was ich noch anziehen könnte. Das greift die Psyche an.»

Draussen im Gang sitzt Wolodimir Lepschejew auf einem Sessel, neben ihm lehnen zwei Krücken an der Wand. Der 43-jährige Veteran, olivgrüne Jogginghose und Daunenweste, hat 2014 bei Pokrowsk sein Bein verloren – und dieses Jahr am 3. Februar durch eine Drohne in Kyjiw seine Wohnung. «Mein Plan ist es, meine Kinder grosszuziehen, Ordnung in die Dokumente und Angelegenheiten zu bringen, mich wieder zu fangen. Man muss überleben, und dann sehen wir weiter. Vielleicht werden wir sogar umziehen, wir haben Verwandte in Mailand», sagt Lepschejew und blickt seinen beiden Söhnen nach, sechs und zwölf Jahre alt. Sie toben durch die Gänge.

Seine Moral sei nicht gebrochen, sagt Lepschejew. Doch was die Zukunft seines Landes betreffe, halte er inzwischen alles für möglich. «Wenn der Krieg aufhört, ergibt es Sinn, sich hier weiterzuentwickeln. Wenn er nicht aufhört, müssen wir wegziehen, denn niemand wird Mitleid mit mir haben.» Lepschejew ist überzeugt: «Wenn die Russen hierherkommen, werde ich als Erster erschossen.» Auch in Butscha, in Irpin und in Hostomel habe die russische Armee schliesslich diejenigen sofort hingerichtet, «die seit 2014 im Donbas gekämpft haben». Auf seinem Smartphone zeigt er Fotos und Videos von seiner ausgebrannten Wohnung: zerbrochene Fenster, geschmolzenes Plastik. Wahrscheinlich sei er nun irgendwie obdachlos, sagt Lepschejew, der seine neuen Lebensumstände noch nicht richtig begreifen kann.

Weiterarbeiten

Lepschejew und seine Familie hatten Glück: Sie haben überlebt. Zehntausende Zivilist:innen wurden in den vergangenen Jahren durch Luftangriffe getötet oder verletzt. Die Nacht, die der Feuerwehrkommandant Illja Holubjew als psychologisch am schwierigsten beschreibt, datiert auf den 31. Juli 2025. Damals griff Russland die Ukraine mit mehr als 300 Drohnen und Raketen an. Holubjew wurde zu einem Wohnhaus gerufen, in dem mehrere Menschen starben. Ein neunstöckiger Plattenbau, die Stirnseite komplett weggerissen. Betonplatten, aufeinandergestapelt wie Karten. Staub, Schreie, Blaulicht.

«Man geht hinein in so ein Haus, arbeitet sich durch Trümmer, räumt Schutt zur Seite – und dann sieht man Spielzeug. Ein Kinderzimmer. Kleine Betten, bunte Wände, Stofftiere zwischen Betonbrocken», sagt er. Das sei das Schwierigste. «Nicht die Angst, nicht die Explosionen, nicht das Chaos. Sondern dieser Moment, in dem man versteht, wer hier gelebt hat.» Er erinnert sich an ein Bett, unter dem etwas lag, das im Halbdunkel wie ein kleiner Körper ausgesehen habe. «Zwei, drei Sekunden lang habe ich den Atem angehalten. Gott sei Dank war es keine Leiche. Und dann arbeitet man weiter im nächsten Zimmer.»

Holubjew sagt, für ihn und seine Mannschaft beginne die eigentliche Belastung, wenn man nach den Vermissten suche, die nach Angriffen wahrscheinlich noch unter den Trümmern lägen. Wenn Angehörige am Absperrband stünden. Viel zu oft bedeutet retten, die Toten zu bergen. «Es geht darum, dass wir unsere Pflicht erfüllen, und um einen Ausdruck von Menschlichkeit», sagt er. Er erzählt von einem Einsatz im Januar, einer bitterkalten Nacht in Kyjiw mit zweistelligen Minusgraden, lebensgefährlich für Menschen ohne festen Ort zum Übernachten.

«Viele Obdachlose versuchen, sich mit Feuern zu wärmen», sagt Holubjew. In jener Nacht geriet eines im Keller eines Plattenbaus ausser Kontrolle. «Als wir ankamen, schlug uns dicker Rauch entgegen. Wir zogen den Atemschutz über, gingen einer nach dem anderen hinein, tasteten uns durch Dunkelheit und Qualm.» Hinein in das lodernde Feuer. «Wir konnten die beiden Männer retten», sagt Holubjew. «Das sind die Erlebnisse, die die furchtbaren Momente in unserer Arbeit überlagern, die die schwarzen Lücken füllen. Sie sind wie Balsam für die Seele.»