Die Lernwerkstatt

Alles wird besetzt – oder nicht?

In der Stadt Zürich sind einige Areale besetzt. Und einige sehen aus, als wären sie besetzt. Doch hinter den Fassaden gibt es grosse Unterschiede.

Foto der alten Zentralwäscherei in Zürich
«Das Areal ist nicht etwa besetzt»: Die alte Zentralwäscherei in Zürich.

Das alte, industrielle, fünfstöckige Gebäude aus Betonplatten ist an allen irgendwie zugänglichen Stellen mit Graffitis und Plakaten bedeckt. Auf dem kleinen Vorplätzchen stehen Skateboardrampen und Gartenstühle; eine Mauer, Holzkonstruktionen und einige besonders genügsame Bäume auf schmalen Erdstreifen schirmen es gegen die Strasse ab. Immer wieder kommen Leute, gehen hinein oder sitzen draussen, essen, trinken. Regelmässig finden abends Partys statt. 

Das Areal ist nicht etwa besetzt, nein, es wird seit dem Auszug der Zentralwäscherei Zürich 2019 im Auftrag der Stadt zwischengenutzt. Ein Verein, der sich aus mehreren Kollektiven zusammengesetzt hat, wurde damit beauftragt, einen niederschwelligen Eventort für Junge zu schaffen. Er betreibt einen Gastrobetrieb und einen unkommerziellen Kulturraum. Die übrigen Räume werden als Ateliers genutzt. Sie werden über die Raumbörse vergeben, die dem Jugendkulturhaus Dynamo angegliedert ist. Sie vermittelt kostengünstig Räume in der Stadt Zürich, insbesondere an Junge unter 28 Jahren. Auf ihrer Plattform finden sich geprüfte Inserate von Eigentümern für Dauer-, Tages- und Stundennutzungen zu günstigen Preisen. Ausserdem können gegen Übernahme der Herrichtungs-, Unterhalts- und Betriebskosten Räume der Zwischennutzungsprojekte der Raumbörse genutzt werden.

«Ziel ist die Förderung von Selbstorganisation, Kreativität, von Experimenten und sozialem Zusammenhalt», sagt Daniel Hilfiker, der Leiter des Dynamos. In Zürich forderten schon 1968 Jugendliche ein autonomes Jugendzentrum. Freiräume sind bis heute ein grosses Bedürfnis. Das Jugendkulturhaus Dynamo decke dieses Bedürfnis nicht, versuche aber, autonome Projekte durch die Raumbörse zu fördern, sagt Hilfiker. «Sowohl diese autonomen Projekte als auch die weniger selbstständigen beide abzuholen, ist die grösste Schwierigkeit.» Ausserdem schränkten baurechtliche und feuerpolizeiliche Bestimmungen sowie oftmals die Hauseigentümer:innen die Freiheiten der Projekte ein. 

In einer Besetzung dagegen gilt das nicht, weil die Besetzung an sich schon illegal ist. «Trotzdem ist man mit den Eigentümern im Austausch darüber, was einem wichtig ist», sagt eine Zürcher Besetzerin, die anonym bleiben möchte. Dass man aber jede Änderung an der Infrastruktur selbst vornehmen kann und muss, gefalle ihr besonders. Und dass man sich mit so vielen Leuten gemeinsam das Leben organisiere. Ständig kommen und gehen Leute; die kreativ selbstumgestaltete Besetzung seiein Treffpunkt für die Community, sagt die Besetzerin. 

Auch Hilfiker von der Raumbörse sieht ein, dass in einer Besetzung kreativer experimentiert werden kann und dadurch neue Lebensformen entstehen können. «Die Zwischennutzungen der Raumbörse ersetzen aber auch keine Besetzungen.» Es brauche beide Modelle. Einerseits das der Raumbörse: mit einem klaren Rahmen und der damit verbundenen Sicherheit, die den Aufbau unkommerzieller sozialer, kultureller, künstlerischer und gewerblicher Arbeit unterstützt. Andererseits auch das Modell der Besetzungen – mit grösstmöglicher Freiheit, die eine Auflehnung gegen bestehende und die Entdeckung von neuen Arbeits- und Wohnformen zulässt. 

Das Wohnen in den Räumen der Raumbörse sei selten möglich, weil meist die baurechtliche Situation schwierig und die Räume ungeeignet seien, sagt Hilfiker. Das bedeute aber auch, dass sie für Besetzer nicht von Interesse seien. «Aber die Nachfrage nach günstigen Büros, Ateliers, Sälen und Lagern in Zürich ist ebenfalls sehr hoch und übersteigt das Angebot bei Weitem.» Und das, obwohl die Stadt eine «Kein Leerstand»-Strategie verfolge und Raum im Besitz der öffentlichen Hand konsequent zwischengenutzt werde – sofern das nicht von Kontaminierung oder Bundesbaurecht verunmöglicht wird. 

Anders sei das bei privatem Eigentum. Hilfiker glaubt, dass vor allem viele Geschäftsräume nicht zur Zwischennutzung angeboten werden. «Viele Häuser stehen jahrelang leer, weil niemand die Miete zahlen kann». So hoch angesetzt sei sie oft, damit ein möglichst hoher Wert steuerlich abgezogen werden kann, sagt er. 

Derartige Profitmaximierung ist für die Besetzerin das Schlimmste. Sie kritisiert, dass Menschen überhaupt an Wohnraum verdienen können. An Wohnraum, den sie geerbt haben oder kaufen konnten, weil sie aus irgendwelchen Gründen zu so viel Geld gekommen sind. «Daher ist mein Wohnort durchaus auch eine Prinzipienfrage», sagt sie. Aber sie könne sich mit dem, was sie verdiene, in der Stadt Zürich eine Miete schlicht auch nicht leisten.