Zwinglis Bibel neben Regenbogenfarben
Die Zürcher Pfarrerin Priscilla Schwendimann sitzt zwischen Reformtradition und queerer Gegenwart. Sie zeigt, wie sich eine jahrhundertealte Religion neu lesen lässt – und warum Christentum und Queerness kein Widerspruch sein müssen.
Ein handgeschriebenes Buch aus dem 16. Jahrhundert hinter einer Vitrine. Verschnörkelte Buchstaben, verbleicht, vergilbt, kaum noch leserlich. Das Schild neben der Vitrine verrät, dass es sich um die Bibelübersetzung von Zwingli aus dem Jahr 1531 handelt. Neben der Vitrine ein Plakat, in allen Regenbogenfarben, auf dem in grossen Lettern steht: «Jesus liebt alle».
Wie kann Christentum, eine Religion, die seit Hunderten von Jahren praktiziert wird, immer noch modern sein? Und welchen Platz kann die queere Community darin einnehmen?
Priscilla Schwendimann ist eine der jüngsten reformierten Zürcher Pfarrer:innen und die erste LGBTQ+-Pfarrerin in der Schweiz. Draussen vor ihrem Büro flattern Möwen über der Limmat, es ist leicht bewölkt und kühler Wind weht vorbei. Schwendimann grüsst mit einem breiten Lächeln und mit klarer Stimme. Später, im Büro, giesst sie in zwei Teetassen heisses Wasser. An der Wand hängen viele Fotos – und auch LGBTQ+-Flaggen. Auf dem Sofatisch steht ein Marienbild. Der eigentlich hellgelbe Heiligenschein ist regenbogenfarbig.
«Zuerst muss man zwischen der Kirche als Institution und dem christlichen Glauben selbst unterscheiden», sagt Priscilla Schwendimann gleich zu Beginn.
Und diese Unterscheidung reicht weit zurück. «Was das Judentum damals ausgezeichnet hat», so Schwendimann, «war, dass es zu den allerersten Religionen gehört hat, die ihre heiligen Texte schriftlich fixierten und kanonisierten.» So wie später das Christentum, das aus dem Judentum hervorgegangen ist. Das hat den Vorteil, dass Lehren erhalten bleiben. Dafür können sich diese Texte nicht dem Zeitgeist anpassen.
Plötzlich geht die Lampe im Zimmer aus. Bewegungssensor. Die junge Frau steht auf und schwenkt kurz die Hand. Danach setzt sie sich wieder in den Sessel, etwas tiefer als zuvor, schmunzelnd. Die Spannung zwischen Queerness und Christentum sei eine Folge davon, sagt sie dann, dass die Bibel in ihrer Zeit gemäss damaligem Wissensstand aufgeschrieben wurde.
Das betrifft nicht nur Queerness: «Im Amerikanischen Bürgerkrieg zwischen Nord- und Südstaaten ging es auch um die Frage, ob Sklaverei biblisch ist oder nicht. Beide Seiten haben mithilfe der Bibel argumentiert», sagt die Pfarrerin. Beide Seiten konnten sie instrumentalisieren.
Als die Bibel geschrieben wurde, entsprach es dem Wissensstand, dass allein der männliche Samen Leben erzeugt. Über Eierstöcke wusste man damals noch nichts. Das ist relevant für das Buch Levitikus im Alten Testament. Dort steht, ein Mann dürfe nicht bei einem Mann liegen. Frauen werden nicht erwähnt. Grund dafür war womöglich die Vorstellung, dass es evolutionär unsinnig sei, männlichen Samen „zu verschwenden“, während Frauen nur als Trägerinnen desselben galten. Deshalb werden Frauen in diesem Verbot nicht erwähnt.
Richtet sich die Stelle nun nur gegen queere Männer, nicht aber gegen queere Frauen? Oder betont sie lediglich, dass Leben nicht vergeudet werden soll? «Die Hermeneutik, also die Auslegung der Texte,», sagt Priscilla Schwendimann mit ruhiger Gestik, «spielt eine ganz grosse Rolle.»
Wobei sich diese Texte teils im Lauf der Zeit verändert haben: Das Alte Testament wurde ursprünglich auf Hebräisch geschrieben, das Neue Testament auf Altgriechisch.
Priscilla Schwendimann erklärt, dass sich das Weltbild der Altgriechen grundlegend von jenem der Hebräer unterschieden habe und Texte entsprechend angepasst wurden. «Zum Beispiel im Römerbrief: Eine Frau, Junia, wurde dort als Apostelin bezeichnet», sagt die Pfarrerin. Das habe aber nicht ins griechisch geprägte Weltbild gepasst, in dem Frauen keine führende Rollen innehatten: «So wurde Junia in manchen Texten zu Junias. Wir wissen nicht, wie oft solche Anpassungen vorgenommen wurden.»
Solche gezielten Änderungen seien aber die Ausnahme gewesen, so Schwendimann. Sie ändert ihre Sitzposition, sitzt nun an der Kante des Sessels und legt die Hände sorgsam in den Schoss. «Grundsätzlich wissen wir, dass die Abschreibungen präzise und zuverlässig gemacht worden sind.»
Hinzu kommt aber die Frage der Übersetzung: Einhergehend mit der Entwicklung, dass immer weniger Menschen Hebräisch oder Altgriechisch sprachen, wurden sie immer wichtiger. Und Übersetzungen sind selten perfekt.
«Das Hebräische ist eine Wurzelsprache», sagt Schwendimann: «Ein einziges Wort kann viele verschiedene Bedeutungen haben. Im Deutschen haben wir für jede Nuance ein eigenes Wort, was Übersetzungen zwangsläufig interpretativ macht.»
Wobei sich die Perspektive der Gesellschaft, die die Texte liest und übersetzt, im Lauf der Zeit verändert hat. Schwendimann erklärt das anhand eines Beispiels: dem Verständnis von Liebe, Romantik und Beziehungen.
«Es gibt in der Bibel verhältnismässig viele gleichgeschlechtliche Beziehungen auf freundschaftlicher und emotionaler Ebene», sagt sie. «Was fehlt, ist ein Konzept einer gleichgeschlechtlichen romantischen Paarbeziehung.»
Gleichgeschlechtliche sexuelle Handlungen werden in der Bibel nur im Kontext von Gewalt und Missbrauch erwähnt, nie im Kontext von einvernehmlichen Beziehungen. So wie bei Sodom und Gomorra: Kaum eine Stelle wird so oft zitiert, wenn es um Homosexualität geht. Tatsächlich könnte die Stelle auch anders gedeutet werden: Gott missbilligt grundsätzlich Vergewaltigung und Grausamkeit.
Die Bibel ist in 66 Büchern aufgeschrieben, sogar in 73, wenn die deuterokanonischen Schriften dazugezählt werden: jedes Buch aus einer anderen Perspektive, von einem anderen Autor. Und jeder darf sich ein anderes Bild von Gott machen.
«Jeder Mensch, der sagt: ‹das ist Gott›, macht sich ein Bild von Gott», sagt die Pfarrerin. Das sei bemerkenswert, wenn man bedenke, dass das zweite Gebot, das Mose von Gott erhält, lautet: «Du sollst dir kein Götterbild machen.» «Denn in dem Moment, wo etwas aufgeschrieben ist, machen wir uns zwangsläufig ein Bild», so Schwendimann. Per se sei das nicht schlimm. Aber: «Die Problematik liegt darin, wenn ich mein Bild von Gott mit Gott selbst gleichsetze – wenn also meine Interpretation zur einzigen Wahrheit wird.»