Im Affekt: Defilee der Selbstgerechten
Und am Ende des Umzugs, quasi Besenwagen, kommt meist noch die WOZ und räumt im Affekt alles beiseite. Auch ziemlich scheinheilig, keine Frage. Wer die bestürzende Einfalt der medialen Diskurslogik beklagt, bleibt selber doch ein Teil von ihr (der Logik und der Einfalt). Selbstgerecht? Sind immer die anderen, man nennt es auch das Wagenknecht-Syndrom.
Den Umzug lanciert hat diesmal der deutsche Journalist Tilo Jung («Jung & naiv»), indem er der diesjährigen Berlinale-Jury ein Bekenntnis zu Palästina entlocken wollte, wie er das an den Pressekonferenzen des Festivals offenbar gerne tut. Jurypräsident Wim Wenders sagte darauf recht unverbindlich, dass die Kunst als «Gegengewicht zur Politik» für die Menschen arbeiten müsse, «nicht für die Politiker». Doch weil er davor auch etwas Dummes gesagt hatte, dass sich nämlich die Kunst aus der Politik heraushalten müsse, konnte wieder mal alles nach Schema laufen.
Der dumme Satz von Wenders machte Schlagzeilen, worauf die indische Autorin Arundhati Roy ihrerseits für Schlagzeilen sorgte, indem sie aus Protest gegen Wenders ihren Auftritt am Festival absagte und sich damit die Reise nach Berlin ersparte, wo ein älterer Film von ihr in einer Nebensektion gezeigt wird. Festivalchefin Tricia Tuttle versuchte mit einem Statement, den Ruf der Berlinale als politischer Diskursraum zu retten, wobei sie zugleich die mediale Fixierung auf isolierte Soundbites beklagte – was sogar eine richtig gute Pointe gewesen wäre, wenn sie sich im gleichen Atemzug bei Tiktok bedankt hätte, dem neuen Sponsoringpartner des Festivals.
Die NZZ schliesslich, wo man die Berlinale ohnehin vor allem als Plattform für «Israel-Hass» sieht, seit dort der Film «No Other Land» preisgekrönt wurde, durfte das Festival per Pushnachricht zum «Tribunal der Israel-Hasser» stempeln. Im gepushten Artikel selbst wars dann nur ein «Tribunal der Palästina-Freunde», und so bleibt vom Ganzen immerhin eine Erkenntnis am Rande: dass das bei der NZZ tatsächlich Synonyme sind.
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