Kost und Logis: Unter Hempels Sofa
Karin Hoffsten über eine (all)tägliche Herausforderung
Die Mahnung «Nie mit leeren Händen irgendwo hingehen!» stammt nicht aus dem Knigge für gut erzogene Gäste, sondern scheint die Maxime derer zu sein, bei denen es zu Hause immer aussieht wie im Möbelhaus, Abteilung Wohnzimmer. Sie verfügen über den segensreichen Charakterzug, nach allem, was in ihrer Nähe herumsteht oder -liegt, zu greifen, sobald sie die Wohnung durchqueren, um es dort zu deponieren, wo es hingehört: schmutzige Tassen in der Spülmaschine, getragene Socken im Schmutzige-Wäsche-Korb, gelesene Zeitungen im dafür vorgesehenen Gestell oder gleich im Altpapier.
Meine Fähigkeit, auch bei häufigem Passieren alles um mich herum zu übersehen, brachte schon meine Mutter auf die Palme, und so sieht es denn bei mir zu Hause schnell aus wie bei Hempels unterm Sofa. Als irgendwann die Frage nach einer externen Reinigungskraft im Raum stand, musste ich mich mit meinem Wesenszug auseinandersetzen und gewöhnte mich daran, vor der jeweiligen Säuberung zumindest die zu putzenden Regionen von Gegenständen zu befreien.
Daneben blieben gesperrte Zonen, die niemand betreten durfte, und an dem, was sich hinter den Schranktüren verbarg, änderte sich auch nichts. Auch das nur halb lustig gemeinte Eingeständnis, nun halt mal ein Messie zu sein – aber nur ein «trockener», denn bei «feuchten» krabbeln Maden über den Herd! –, half auch nicht weiter. Immer häufiger kam mir, frei nach Heinrich Bölls Kurzgeschichte, in den Sinn: «Es muss etwas geschehen! Es wird etwas geschehen! Es hätte etwas geschehen müssen!», bis ich begann, mich etwas ernster mit dem Thema auseinanderzusetzen. Nach dem Konsum diverser Youtube-Filmchen und Zeitungsartikel war mir aber klar: Die angepriesenen Systeme überfordern mich.
Ob es nun die «12-12-12-Methode» ist oder die «30-Tage-Challenge» – originelle Zahlenkunststücke darüber, wie viel wann weggegeben oder ausgetauscht werden soll – oder Tipps wie: allen Gegenständen einen festen Platz geben und kleine Teile in beschrifteten Behältern aufbewahren – ich gab schnell wieder auf, worauf im Durcheinander zusätzlich auch noch kleine Behälter auftauchten. Unbeschriftet natürlich.
Die Fachfrau, die ich nach Hause einlud, fand es auch unordentlich, bot mir aber nur die Teilnahme an ihren Kursen an. Dabei fehlt es mir ja nicht an der Theorie, wie man Sachen sortiert. Das Problem ist der Horror, der mich beim praktischen Versuch – allein daheim – ergreift. Ich bin wohl eine der raren Personen, die lieber die Steuererklärung ausfüllen, als eine Schublade zu ordnen.
Inzwischen habe ich tatsächlich eine Fachperson gefunden, die mir hilft, den Horror zu überwinden, indem sie mich ganz konkret unterstützt. Dass ich von der ersten Ladung getragener Kleidung, die ich stolz im Caritas-Laden ablieferte, ein paar Klamotten im Koffer aus Versehen wieder mit nach Hause nahm, liegt sicher nur an der mangelnden Übung.
Karin Hoffsten bittet alle Familien namens Hempel um Entschuldigung, sind diese doch nur per Zufall in den ehrverletzenden Vergleich geraten. Einst bezog er sich auf einen sogenannten Hempel oder Hampel, was einen einfältigen und unkultivierten Menschen meinte (siehe auch «Hampelmann»).