Im Affekt: Immer Ärger mit der Elite

Nr. 4 –

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Da lädt also Tamedia-Verleger Pietro Supino zum «traditionellen ‹Tages-Anzeiger›-Meeting» im Zürcher Schiffbau, um als Erstes den aktuellen Journalismus abzukanzeln. Dieser, so meint er, habe sich zu lange als Ort verstanden, an dem die «gesellschaftlichen Eliten ihre Botschaften verbreiten und Medienmacherinnen und -macher ihre Weltbilder pflegen».

Und ganz der Vorzeigechef, lässt er es nicht bei der Kritik bewenden, sondern geht gleich als gutes Vorbild voran. Zum Meeting mit rund «300 Gästen aus Politik, Wirtschaft und Kultur» hat er den UBS-Chef Sergio Ermotti als Redner eingeladen. Zwar beträgt das Jahressalär des UBS-Chefs heute vierzehn Millionen Franken – aber hey, wie man in den Tamedia-Zeitungen lesen kann, war sein erster Lehrlingslohn auch nur 350 Franken im Monat. Er weiss also, was es heisst, mit wenig Geld auskommen zu müssen, er hat es nie vergessen und gehört eigentlich nicht zur Elite. Ausserdem wird er, wie er im Tamedia-Interview betont, «anhand meiner Leistungen bezahlt».

Welche Leistung es konkret rechtfertigen soll, so viel mehr Geld als die allermeisten anderen Menschen zu verdienen, fragen die «Tages-Anzeiger»-Chefredaktorin und ihr Redaktionskollege nicht. Dafür betonen sie in einem Begleittext zum Interview, wie schonungslos Ermottis Analyse zur politischen Schweiz sei. Schonungslos ist sie allerdings vor allem jenen gegenüber, die über weit weniger Geld verfügen als er: So verlangt Ermotti, die Schweiz solle «das Ausgabenwachstum der öffentlichen Hand bremsen», was bekanntlich als Erstes Kürzungen bei Subventionen, in der Kinderbetreuung, der Bildung oder im öffentlichen Verkehr bedeuten dürfte. Zu spüren bekäme das kaum die Elite.

Die Lösung seines Problems mit dem Elitejournalismus ist laut Supino übrigens nicht Journalismus, der den Mächtigen auf die Finger schaut, sondern einer, der erfasst, was die «Bevölkerung» angeblich bewegt. Was dabei rauskommt: Davon kann man sich in diesem Interview ein Bild machen.

Rednerinnenvorschlag fürs nächste «Tages-Anzeiger»-Meeting: eine der vielen Angestellten, die bei der UBS wegen Ermotti ihren Job verloren haben.