Die achte Front

Le Monde diplomatique –

Israel hat die Gunst der US-amerikanischen Öffentlichkeit verloren. Deshalb hat Ministerpräsident Benjamin Netanjahu die Eröffnung einer „achten Front“ angekündigt. Mit einer „Schlacht um die Wahrheit“ will er die Herzen und Köpfe zurückgewinnen. Die israelische PR hatte sich bisher vor allem auf traditionelle Medien konzentriert. Doch bei einem Treffen mit Influencern in New York erklärte Netanjahu neulich, am wichtigsten seien heutzutage die sozialen Medien.

Über Plattformen wie Instagram, Tiktok, X, Facebook oder Youtube werden tausende Nachrichten und Videos verbreitet, die nicht den offiziellen Diskurs bedienen: Reportagen unabhängiger Journalisten, Berichte von Palästinensern, Bilder verstümmelter Körper. Wer sich über andere Quellen informiert, nimmt der israelischen Regierung nicht so leicht ab, was im Namen des Rechts auf Selbstverteidigung erlaubt sein soll.

Tel-Aviv strebt nach der Deutungshoheit. Die Regierung hat die Agentur Clock Tower X beauftragt, die sozialen Medien der USA mit Inhalten zu fluten, die „für die Generation Z kalibriert sind“. Auch über neue Websites, die die Antworten von ChatGPT und Grok beeinflussen sollen, oder über Influencer, die bis zu 7000 Dollar pro Veröffentlichung erhalten.

Es muss zudem unsichtbar gemacht werden, was die Leute nicht mehr sehen sollen. Das bewerkstelligen Algorithmen, und bei X macht sich Netanjahu darüber keine Sorgen: „Elon ist ein Freund, wir werden mit ihm reden.“ Ein Problem ist dagegen Tiktok – für 40 Prozent der US-Jugendlichen die erste Informationsquelle. Das chinesische Unternehmen privilegiert angeblich propalästinensische Inhalte. Aber die sind laut Washington Post nur sichtbarer, weil die Nutzer 17-mal mehr von ihnen produzieren als proisraelische Inhalte.

Das ficht Netanjahus Leute nicht an. Ihnen gilt Tiktok als „Al Jazeera auf Steroiden“, das mit Videos von Massakern in Gaza eine „Gehirnwäsche junger Amerikaner“ betreibe. Ein Statistiker will berechnet haben, dass die Chance, Antisemit zu werden, bei 30 Minuten Tiktok-Nutzung um 17 Prozent ansteigt.

Doch Donald Trump hat gerade die Übernahme von 80 Prozent von Tiktok USA durch ein Konsortium gestattet, das von Larry Ellison geführt wird. Der Gründer von Oracle ist der größte private Mäzen der israelischen Armee. Die von Oracle entwickelte Überwachungsinfrastruktur wird auch vom israelischen Staat genutzt. Die Oracle-Managerin Safra Catz erklärt ganz offen: „Wenn die Mitarbeiter nicht mit unserer Mission einverstanden sind, den Staat Israel zu unterstützen, ist das vielleicht nicht das richtige Unternehmen für sie.“

Ellison träumt davon, den öffentlichen Raum mit Kameras zu erfassen, deren Bilder in Echtzeit von KI ausgewertet werden. So würden die Bürger sich „besser benehmen, weil alles registriert und analysiert wird“. Mit Tiktok hätte Ellison eine neue gigantische Quelle persönlicher, sozialer, kultureller und politischer Daten – und könnte den öffentlichen Diskurs noch wirksamer steuern. Es sei denn, eine Generation mit informationeller Erfahrung sieht sich anderswo um.

Benoît Bréville