Nr. 08/2015 vom 19.02.2015

Theater

Maliks rote Schuhe

Die roten Schuhe. Die haben es Kari Selb angetan und schliesslich dazu geführt, dass die junge Frau in einer Gefängniszelle sitzt. In einem atemlosen Monolog erzählt Kari nun einer Gerichtspsychologin aus ihrem Leben in einem Schweizer Dorf, das kein wirkliches Dorf mehr ist, in einer Familie, in der Missbrauch und Gewalt hinter den gut verglasten Fenstern zum Alltag gehörten: «Wenn irgendetwas, Frau Doktor, mich zu der gemacht hat, die ich heute bin, dann waren es Maliks rote Schuhe.»

Der Roman «Angeklagt» der Schweizer Autorin Mariella Mehr ist ein Buch, das einen nicht zuletzt durch seine furiose Sprache in einen Schock- oder Ausnahmezustand versetzt, aus dem man als LeserIn kaum mehr herauskommt. Nun kommt das 2002 erschienene und leider vergriffene Buch erstmals auf die Bühne. Die Gruppe Lux & Ludus inszeniert unter der Regie von Gisela Nyfeler eine Bühnenversion von «Angeklagt». Gespielt wird Kari von der Schauspielerin Julia Monte, unterstützt von der Musikerin Rea Dubach, die mit Geräuschen, Klängen und Gesängen das Stück musikalisch gestaltet.

«Angeklagt» ist der dritte Teil von Mariella Mehrs Gewalttrilogie, zu der auch «Daskind» (1995) und «Brandzauber» (1998) gehören. In allen drei Romanen geht es um das Thema «Gewalt von Frauen an Frauen» (siehe auch WOZ Nr. 1+2/2015).

«Angeklagt» in: Bern Gaskessel. Premiere: Do, 
19. Februar 2015, 20 Uhr. Weitere Vorführungen Fr–So, 20.–22. Februar 2015, jeweils 20 Uhr. www.gaskessel.ch, www.luxundludus.ch

Silvia Süess

Europa – dieses bitterzarte Wesen

Sein 30-Jahr-Jubiläum hat das Theater Marie aus Aarau schon feiern können, und noch immer erprobt das kleine professionelle Tourneetheater neue Wege und Möglichkeiten. 2015 steht eine Projektserie unter dem Stichwort «Zukunft Europa» auf dem Plan. Dabei werden AutorInnen der jüngeren Generation beauftragt, sich in kurzen Texten eine Zukunft – vielleicht auch eine Nichtzukunft – auszumalen, die dann theatralisch umgesetzt wird. Den Anfang machen Ariane Koch und Joël László.

Was fällt einem heute zu Europa noch ein zwischen Nationalismus und EU-Bashing? Kann neben Euro- und Ukrainekrise noch so etwas wie bitterzarte Hoffnung keimen?

Ariane Koch, 27-jährig, aus Basel, vielfältig und vielseitig tätige bildende Künstlerin und Autorin, hat kurze Beiträge zu einer Enzyklopädie des Verschwindens geschrieben, von dem Menschen, aber auch ganze Staaten betroffen sein können. Dabei dürfen die aktuellen Tragödien an den Aussengrenzen Europas nicht fehlen; umgekehrt lässt sich den Vernetzungsversuchen in der neuen Internet-Eurosphäre einiges satirisches Potenzial abgewinnen.

Joël László, Jahrgang 1982, hat Islamwissenschaften studiert, arbeitet an einem wissenschaftlichen Projekt zur Migration in die Türkei und ist seit ein paar Jahren auch als Autor tätig. Er präsentiert eine Pinakothek der übrig bleibenden Kunstschätze in einer postapokalyptischen Zeit. Das scheint auch eher düster, aber ein Coiffeurbesuch der anderen Art wird die Verfassung des europäischen Menschen anhand seiner Behaarung messen und ironisch umspielen.

«Zukunft Europa» in: Aarau Theater Tuchlaube, 
Fr, 20., Mi, 25., Fr, 27., und Sa, 28. Februar 2015, jeweils 20.15 Uhr; am Freitag mit Publikumsgespräch. www.theatermarie.ch

Stefan Howald

Diskussion

Kulissendörfer

Wem gehört die Stadt? Und warum? Diese Fragen stellen sich immer wieder. Der öffentliche Raum in Städten wurde in den letzten Jahren für gewisse Bevölkerungsgruppen immer mehr eingeschränkt: so zum Beispiel durch den Wegweisungsartikel, der in Bern bereits Ende der neunziger Jahre eingeführt und von weiteren Städten übernommen wurde. Wer nicht ins öffentliche Bild passt oder auf irgendeine Art «negativ» auffällt, kann von der Polizei von öffentlichen Plätzen weggewiesen werden, auch über längere Zeit hinweg.

Zudem wird der öffentliche Raum zusehends für grosse Events hergerichtet, immer mehr kommerzialisiert: Wer nicht konsumieren möchte, hat hier nichts mehr verloren. Welche Bedeutung wird öffentlichen Räumen zugeschrieben? Ist die zunehmende «Eventisierung» produktiv, oder schadet sie einer Stadt? Zu solchen und ähnlichen Fragen diskutieren unter dem Titel «PublicViewingSwissDomeSuperLightShow: Bern – eine grossartige Kulisse!?» der Berner Stadtpräsident und erklärte Eventfan Alexander Tschäppät, der Stadtforscher Daniel Blumer sowie der Architekt Fritz Schär. Die Diskussion moderiert die Autorin und Musikerin Sandra Künzi.

Das Gespräch bildet den Auftakt zur Diskussionsreihe «Café publique», die von «Le bruit qui court. Kunst ganz öffentlich» organisiert wird. «Le bruit qui court» besteht aus einer losen Gruppe von Kunstschaffenden, die während eines Jahres Debatten über den öffentlichen Raum in der Stadt Bern führt sowie über die Rolle der Kunst im Zusammenhang mit Stadtplanung, -entwicklung, Gestaltung und Architektur.

«PublicViewingSwissDomeSuperLightShow: Bern – eine grossartige Kulisse!?» Diskussion mit Stadtpräsident Alexander Tschäppät, Stadtforscher Daniel Blumer und Architekt Fritz Schär in: Bern Reitschule Grosse Halle, So, 22. Februar 2015, 16 Uhr. www.lebruitquicourt.ch

Silvia Süess

Lesung

Ein Blick von unten

«In unserem literarischen Gedächtnis wird sich die Figur des kleinen Michel zu Jerome D. Salingers Holden Caulfield gesellen», schrieb der französische Literaturnobelpreisträger Jean-Marie Gustave Le Clézio. Erdacht hat sich diesen «kleinen Michel» der Schriftsteller, Dichter und Essayist Alain Mabanckou. Der 1966 im Kongo geborene Autor, der mit 22 Jahren nach Frankreich auswanderte und derzeit in den Vereinigten Staaten lebt, wo er in Los Angeles französische Literatur unterrichtet, wurde für seine Werke bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 2012 mit dem Grand Prix de Littérature der Académie française für sein Gesamtwerk.

In seinem neusten Roman, «Morgen werde ich zwanzig», lässt uns Mabanckou die Republik Kongo am Ende der siebziger Jahre aus der Sicht des zehnjährigen Michel entdecken. Grosse welt- und lokalpolitische Umwälzungen sind dabei genauso präsent und erscheinen doch nicht gewichtiger als die ganz persönlichen Kämpfe, die Michel auf seinem Weg in die Zwischenwelt zwischen Kind und Nicht-mehr-ganz-Kind ausficht. Mabanckou lässt seinem nach Unabhängigkeit strebenden Helden genug Raum, damit dieser nicht zur blossen Allegorie zeitgeschichtlicher Entwicklungen wird, und entfaltet die Welt rund um Michel genug, damit sie mehr ist als die blosse Bühne für eine Familiengeschichte in Afrika. Am kommenden Donnerstag gastiert Mabanckou mit diesem fein gezeichneten Stück Literatur für eine deutsch-französische Lesung im Literaturhaus Zürich.

Alain Mabanckou: «Morgen werde ich zwanzig» in: Zürich Literaturhaus, Do, 26. Februar 2015, 19.30 Uhr.

Stephanie Danner

Wieder mal zu Hause

Der Bündner Schriftsteller Arno Camenisch (37) wurde für seinen charmant-abgründigen Humor und seine feine Beobachtung des nur scheinbar Alltäglichen bereits mit vielen Preisen ausgezeichnet, unter anderem gleich für sein Romandebüt «Sez Ner» von 2010. Camenischs Texte – er schreibt Prosa, Lyrik und Theaterstücke – wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt. So verwundert es nicht, dass den Schweizer, der auf Rätoromanisch und Deutsch veröffentlicht, seine Lesereisen an viele spannende Orte und mitunter weit weg von zu Hause führen. Umso erfreulicher, dass er sich diesen Freitag zusammen mit dem Musiker Christian Brantschen im Theater Chur zu einem literarisch-musikalischen Abend einfindet. In gewohnt schelmischer Manier liest Camenisch – begleitet vom Pianisten und Akkordeonisten Brantschen – Spoken-Word-Texte und Kolumnen, die er 2013/14 für die «Südostschweiz» verfasst und nun unter dem Titel «Nächster Halt Verlangen» veröffentlicht hat.

Arno Camenisch: «Nächster Halt Verlangen» in: Chur Theater Chur, Fr, 20. Februar 2015, 20 Uhr.

Stephanie Danner

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