Nr. 02/2015 vom 08.01.2015

«Sonst klebst du an deiner Geschichte»

Sie gehören zu den wichtigen Stimmen der Schweizer Literatur: Mariella Mehr und Melinda Nadj Abonji. Ein Gespräch über den Weg von der Stummheit zur Sprache, über Herkunft, Bluffs und geklaute Bücher.

Von Silvia SüessMail an Autor:in (Text) und Ursula Häne (Fotos)

Melinda Nadj Abonji: «Die entscheidende Frage ist, wie man das Erlebte gestaltet.»

Mariella Mehr sitzt im Zürcher Volkshaus vor einem Glas Wasser. Melinda Nadj Abonji schaut sich um, ob es im Saal hinter der Bar noch Platz für das Gespräch gibt, dort wäre es viel ruhiger. Sie sehe fast nichts mehr, entschuldigt sich Mehr, «wegen der Elektroschocks, die ich als Kind erhalten habe». Dafür sei das Gehör umso wichtiger für sie.

Da der Saal ausgebucht ist, steht ein Restaurantwechsel an. Mehr läuft zielstrebig und trittsicher durch die Zürcher Strassen. Dass sie auf einem Auge blind ist und auf dem anderen nur noch zehn Prozent Sehkraft hat, ist schwer vorstellbar. Mit ihrer tiefen, sonoren Stimme erzählt sie unterwegs Anekdoten von früher: wie ihre erste und einzige Velofahrt als Kind im Zürichsee endete oder wie sie mit dem Fotografen Rob Gnant, der früher Rennen gefahren war, eine wilde Autofahrt unternahm. «Ich fürchte mich ja vor fast nichts. Aber da hatte ich wirklich Angst.» Schliesslich setzen wir uns ins «Stauffacher Tor», hier ist es ruhig.



Mariella Mehr: Immer, wenn ich hierherkomme, muss ich an eine Situation denken, die ich hier vor Jahren erlebt habe. Damals hiess die Beiz noch Italiano.

Melinda Nadj Abonji: Das ist aber lange her, dreissig Jahre oder so.

Mehr: Mehr als dreissig Jahre. Ich sass mutterseelenallein in der Beiz, habe einen Wein getrunken, und da setzte sich eine Frau neben mich, die wunderschön aussah. Und du kennst mich ja, Melinda, ich musste ihr einfach sagen: «Sie sind eine wahnsinnig schöne Frau.»

Mariella Mehr: «Du kannst nur über das schreiben, was du kennst und erfahren hast.›»

Nadj Abonji: Das ist doch toll, wenn einem das mal jemand sagt …

Mehr: Wir begannen, miteinander zu reden, und sie sagte mir, dass sie beim «Magazin» des «Tages-Anzeigers» arbeite – das war damals noch ein Magazin, heute kannst du den Seich ja nicht mehr lesen. Und plötzlich bekam ich den Schnurepfluderi und erzählte von meiner Kindheit. Sie sagte, sie suche schon lange eine gute literarische autobiografische Geschichte für das «Magazin». Da bluffte ich und behauptete, so eine hätte ich geschrieben, die läge bei mir zu Hause in der Schublade. Das war an einem Sonntagabend. Sie meinte, sie würde den Text gerne sehen, am besten morgen, denn dann habe sie Redaktionsschluss. So fuhr ich mit dem Zug schwarz nach Hause nach Bern, ich hatte ja kein Geld damals. Da es den Text noch gar nicht gab, setzte ich mich eine Nacht lang an die Schreibmaschine und schrieb den ersten literarischen Text meines Lebens. Am nächsten Morgen bin ich wieder schwarz nach Zürich gefahren und in die Redaktion des «Magazins» gestolpert. Am Empfang hab ich nach Laure Wyss gefragt.

Nadj Abonji: Ah, die schöne Frau war Laure Wyss!

Mehr: Ja. Und dann kam Laure Wyss und fragte: «So, hast du jetzt den Text?» Das werde ich nie mehr vergessen. Ich habe ihn ganz schüchtern aus der Tasche gezogen und ihr gegeben. Und sie sagte, ich solle eine halbe Stunde warten. Dann ging sie, nach einer halben Stunde kam sie zurück und sagte: «Du bist angestellt.» So bin ich zu meinem Job als freie Mitarbeiterin beim «Magazin» gekommen.

Nadj Abonji: Aha, ein Bluff hat dich also da hingebracht … Auch ich habe geblufft, aber aus meinem Bluff ist damals nichts geworden.

Mehr: Dann hast du nicht gut geblufft.

Nadj Abonji: Nein, es ist eine ganz anders gelagerte Geschichte: Ein Freund im Gymnasium fragte mich, was ich denn so mache … Alle machten ja noch irgendwas ausserhalb der Schule. Und da sagte ich, ich schreibe. Und das stimmte damals gar nicht. Ich hatte noch nichts Eigenständiges geschrieben, und ich hatte mir damals auch nicht gewünscht, es zu tun. Aber es ist mir einfach nichts anderes eingefallen. Das Verrückte ist aber, dass man etwas einfach behauptet, von dem man gar nicht weiss, dass es da ist. Also war es irgendwie trotzdem da.

Mehr: Aber ich war ja bei meinem Bluff schon älter und hatte auch schon geschrieben. Ich begann in der Psychiatrie als Vierzehnjährige, Gedichte zu schreiben. Mein erstes Gedicht hiess «Die blaue Blume». Ich kann es noch heute auswendig. In meinen Akten der Pro Juventute, die ich Jahre später geklaut habe, stand das Gedicht und dazu die Notiz: «Sie glaubt, eine grosse Schriftstellerin zu werden, aber es reicht nur zu einer Lehre als Glätterin.»

Nadj Abonji: Hat dich das nicht beschäftigt, als du das gelesen hast?

Mehr: Nein, weisst du, ich habe zwischen 20 und 23 Jahren mit meiner Kinder- und Jugendzeit abgeschlossen.



Mariella Mehr kam 1947 zur Welt. Ihre Mutter war bereits als Kind von der Pro-Juventute-Stiftung im Zuge der Aktion «Kinder der Landstrasse» ihren jenischen Eltern entrissen worden, um bei Pflegeeltern zu einem sesshaften Leben erzogen zu werden. Auch Mariella Mehr wurde durch die Pro Juventute in ein Heim eingewiesen. Damit begann ihre von der Stiftung akribisch dokumentierte Lebensgeschichte: Mehr wurde über Jahre hinweg misshandelt in Pflegefamilien, Erziehungsheimen, Strafanstalten und psychiatrische Institutionen.

In den siebziger Jahren begann Mariella Mehr, zuerst als Journalistin, später als Schriftstellerin Texte zu schreiben, in denen sie sich gegen Diffamierung, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus engagierte. Immer wieder setzte sie sich schriftstellerisch mit ihrer eigenen Geschichte auseinander und hielt den Nichtjenischen einen Spiegel vor.



Mehr: Was mich stinksauer macht ist, dass es bei mir immer heisst: «die jenische Schriftstellerin».

Nadj Abonji: Das ist vergleichbar mit dem Label Migrationsliteratur. Ich glaube schon, dass es relevant ist, woher man kommt. Aber mit dem Label Migrationsliteratur kann ich nichts anfangen, weil man damit auf «die Migration» reduziert wird. Mich interessiert immer die Sprache, die Frage, wie das Erzählte sprachlich ausgestaltet wird. Wenn ich zum Beispiel deine Literatur lese, Mariella, dann ist völlig klar, dass hier jemand schreibt, der genau beobachtet und weiss, was Armut bedeutet und wie die unterschiedlichen sozialen Schichten die Menschen prägen. Ich glaube, du erzählst andere Geschichten als jemand, der aus bürgerlichem Haus kommt und sich mehrheitlich in diesem Milieu bewegt.

Natürlich kann man immer ausbrechen, die Wahrnehmung ausweiten. Aber wenn du weisst, was Armut ist, wenn du gewisse Ausschlussprinzipien, die spielen, beobachtet und erlebt hast, dann bleibt das nicht ohne Konsequenzen.

Mehr: Ja sicher, du bist geprägt von deiner sozialen Herkunft, da kannst du nichts dagegen und nichts dafür machen. Schreiben ist immer autobiografisch. Denn du kannst nur über das schreiben, was du kennst und erfahren hast. Deine Sprache wächst aus dem heraus. Das heisst aber nicht, dass meine Bücher Autobiografien sind, wie das Beat Mazenauer vor kurzem in einem riesigen Onlineartikel über meine «Gewalttrilogie» geschrieben hat. Das sind für ihn keine Romane, sondern einfach meine Autobiografie.

Nadj Abonji: Wenn man sich wirklich mit deinem Werk auseinandersetzt, ist der Begriff der Autobiografie ganz wichtig. Aber auf der Ebene, auf der der Begriff meistens benutzt wird, ist er ein völliger Ablöscher. Dann nämlich, wenn es nur ums Voyeuristische geht, um die Befriedigung der Neugierde der Leser, die sich fragen: Hat die Autorin das jetzt wirklich so erlebt oder nicht? Und das, finde ich, darf kein Kriterium sein.

Mehr: Was meinst du, was ich nach meinem ersten Roman «Steinzeit» für blödsinnige Interviews geben musste … Und dann hiess es immer wieder: «Sie schreibt zwar gut, aber es ist autobiografisch.»

Nadj Abonji: Geht es um Autobiografie, herrscht bei vielen Leuten die Vorstellung: Man hat etwas erlebt und kann das nun einfach aufschreiben. Das ist lächerlich. Die entscheidende Frage ist, wie man das Erlebte gestaltet. Die Formwerdung ist immer der entscheidende Moment. Wie du gesagt hast, Mariella: Die Energie oder der Impuls kommt aus dem Erlebten heraus. Aber dann kommt die Erfindung dazu, der Imaginationsraum. In «Tauben fliegen auf» schreibe ich über das Begräbnis meiner Grossmutter. Das habe ich in Wirklichkeit nicht erlebt, aber schreibenderweise «erlebe» ich es. «Erfindung» und «Imaginationsraum» sind für mich Begriffe, die zum Biografischen, sogar zum Autobiografischen gehören. Denn das Erfinden bedeutet ja auch das Auffinden von Möglichkeiten, die Wirklichkeit wird fiktiv und umgekehrt. Sonst klebst du immer an deiner Geschichte, und das ist nicht interessant.

Mehr: Nein, überhaupt nicht. Und ich denke jetzt wieder an den Roman «Steinzeit», der noch immer als Autobiografie von mir verkauft wird. He! «Steinzeit» hätte ich in dieser Zeit schon zwanzigmal anders schreiben können. Für mich war «Steinzeit» der erste Versuch, mich auszudrücken. Ich war ja fast ein autistisches Kind. Ich fand keinen Kontakt zu den anderen Kindern in den Heimen.

Ich kann mich an Situationen erinnern, wo ich stundenlang im Aufenthaltsraum in einer Ecke gehockt bin, die Arme um die Knie. Ich sass einfach da. Erst im Knast in Hindelbank lernte ich so richtig reden: mit den anderen Weibern.

Nadj Abonji: Interessant: Aus dem Autismus und aus dem Nichtreden kann Sprache werden. Davon bin ich überzeugt. Auch ich war ein stummes Kind, allerdings aus anderen Gründen. Ich kam mit fünf Jahren in die Schweiz, wo meine Eltern bereits lebten, wurde aber zuerst bei einer Pflegefamilie untergebracht. Dieses ältere Ehepaar sprach nur Schweizerdeutsch, und ich sprach nur Ungarisch, wir konnten also nicht miteinander reden. Das ist auch eine Form von unbeabsichtigter Grausamkeit: Du wirst nicht verstanden, und selber kannst du auch nichts aufnehmen. Dadurch bist du völlig in dir eingeschlossen. Ich habe damals aus der Beobachtung heraus gelebt, vom Ausblick zu den Sternen: Mein Bett stand unter einer Dachluke, und ich bin jede Nacht aufgewacht, habe in den Himmel hinaufgeschaut und geweint. Dieses Stummsein und auch die Verunsicherung in der Sprache ist ein ganz wichtiger Antrieb für meine Literatur.



Melinda Nadj Abonji kam 1968 in Becsej, einer Stadt in der serbischen Provinz Vojvodina, zur Welt, ihre Familie gehörte zur ungarischen Minderheit. Ihre Eltern kamen als Gastarbeiter in die Schweiz. Als Nadj Abonji fünf Jahre alt war, kam sie nach. Seit Jahren tritt sie als Performerin und Musikerin auf. 2004 erschien ihr erster Roman, «Im Schaufenster im Frühling». Mit «Tauben fliegen auf» gewann sie 2010 sowohl den Schweizer wie auch den Deutschen Buchpreis.

Auch Mariella Mehr hat mit ihren Büchern mehrere Preise gewonnen; 1998 erhielt sie den Ehrendoktor der Philosophisch-Historischen Fakultät der Universität Basel. Damals lebte sie schon nicht mehr in der Schweiz, sondern in Italien. Nach fast zwanzig Jahren in der Toskana ist sie vor kurzem wieder in die Schweiz zurückgekehrt.



Mehr: Mir ist eigentlich wurst, ob ich in der Schweiz bin oder in Italien oder wo auch immer. Ich bin eine Weltenbummlerin. Vor langer Zeit bin ich sechs Jahre im Orient herumgetrampt. In Afghanistan habe ich fast eineinhalb Jahre mit einer Familie gelebt, die ich auf verrückte Weise kennengelernt habe: Ich bin in der Wüste rumgelaufen, da kommt mir ein Esel entgegen, auf dem sitzt eine Frau im blauen Gewand mit einem Kind im Arm. Neben ihr geht ein Mann in einem braunen Gewand. Die sahen wirklich aus wie die Heilige Familie! Sie nahmen mich mit zu sich.

Sie lebten in einer Höhle und hatten dreizehn Kinder. Mitten in der Höhle war eine Feuerstelle, und dort wurde jeden Abend dasselbe gekocht. Am Abend legten sich die Kinder wie ein Mandala rund um die Feuerstelle, alle mit den Füssen zum Feuer. Da legte ich mich einfach dazu. Am anderen Morgen gingen die Kinder betteln oder was weiss ich. Und ich war einfach dort und lernte, Schafe zu melken. Irgendwann ging ich dann weiter nach Pakistan und lebte dort in einer Räuberhöhle. Das war zwar ein richtiges Haus, in dem jedoch nur Kriminelle lebten. Aber die haben mich einfach akzeptiert. Ich hatte viel Glück in meinem Leben. Und was ich hier in der Schweiz in meiner Kindheit erlebt habe, das kannst du in jedem Land in Europa erleben, wenn du den falschen Status hast. Heute ist das für mich nicht mehr in erster Linie ein Schweizer Problem, sondern es ist ein soziales Problem. Es ist ein menschliches Problem, das du überall, wo du hinkommst, sehen kannst.

Nadj Abonji: Das stimmt schon. Trotzdem ist es wichtig, dass man ganz genau hinschaut. Ich habe Geschichte studiert, und Quellenarbeit ist für mich von besonderem Interesse, vor kurzem habe ich zu Hexenprozessen geforscht. Ich finde es notwendig herauszufinden, was in welchem Land unter welcher Gesetzgebung möglich war.

In Bezug auf die Schweiz heisst das: Was war möglich an Grausamkeiten in einem sogenannt demokratischen Staat, der neutral war und auf seine besondere Art in die beiden Weltkriege involviert war? Natürlich gibt es immer Tendenzen, die man in mehreren Ländern beobachten kann, aber trotzdem muss man die Sache landesspezifisch betrachten, sonst wird das Ganze eine grosse Sauce.

Mehr: Im Dezember ist der Autor Ralph Giordano gestorben. Er hat vor vielen Jahren gesagt: «Das Leid ist international.» Das war für mich ein prägender Satz. Denn es gibt Menschen, die andere Menschen als Unterhunde anschauen und sie entsprechend behandeln. Wie sie es machen, das ist vielleicht eine nationale Geschichte, aber die Tendenz und der Grundgedanke ist überall derselbe.



Mariella Mehr setzte sich in ihren Büchern stets mit Gewalt und mit Gegengewalt auseinander. Ihre Protagonistinnen sind junge Frauen, die von Opfern zu Täterinnen werden. 1981 erschien ihr erster Roman, «Steinzeit», zwei Jahre später veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband. In den kommenden Jahren publizierte sie mehrere Gedichtbände, Theaterstücke sowie Romane. Mit jedem Roman erfand sie eine überraschend andere und stets gewaltige Sprache. 1995 erschien «Daskind», ihr erstes Buch der «Gewalttrilogie», 1998 folgte «Brandzauber», und 2002 schloss «Angeklagt» die Trilogie über das Thema «Gewalt von Frauen an Frauen» ab. Zurzeit schreibt Mehr an einem neuen Roman.



Mehr: Als ich etwa zwölf war, lebte ich in Zug in einem Heim, das Maria Opferung hiess und von Franziskanerschwestern geführt wurde. Da hat mich die Pro Juventute hingeworfen, weil sie meinten, um mich verlottern zu lassen, sei ich wohl doch zu gescheit. Jedes Mädchen im Heim musste ein Ämtlein erledigen. Ich hatte die Aufgabe, die saubere Wäsche der Nonnen von der Waschküche in einen bestimmten Raum zu bringen. Der Weg führte durch die Bibliothek der Nonnen. Ich sehe die Bibliothek noch heute vor mir. Und ich rieche sie vor allem. Denn du musst dir vorstellen: Das waren alles ledergebundene Bücher.

Nadj Abonji: Nur das Beste vom Besten!

Mehr: Eines Tages klaute ich den Schlüssel von der Bibliothek, ging zum Schlüssel-Fischer und liess mir eine Kopie machen. Der hat mich gekannt und hat mir den Schlüssel gemacht, ohne dafür etwas haben zu wollen. Dann bin ich jeweils nachts, wenn ich wusste, dass die Nonnen beim Gebet sind, in die Bibliothek geschlichen und habe mich von A bis Z durchgelesen. In einem Laden in Zug, den es noch heute gibt, hatte ich eine Taschenlampe geklaut. Da müsste ich mal vorbei und sagen, dass ich das getan habe. Ganze Nächte lang habe ich unter der Decke gelesen. Geschlafen habe ich dann jeweils in der Schule.

Nadj Abonji: Bei mir gibt es die Geschichte vom Kindergarten: Wir spielten das Märchen vom Schneewittchen als Theaterstück. Welche Rolle ich, die kein Wort Deutsch konnte, haben sollte, war unklar. Schliesslich hat die Kindergärtnerin mich als Tannenbaum verkleidet. Also wirklich! In grünem Filz und brauner Hose musste ich einfach so dastehen. Ich habe mich so geschämt. Nicht einmal ein Lied konnte ich singen. Später, in der Schule, hatte ich grosse Mühe, lesen zu lernen. Ich konnte zwar die Buchstaben zusammensetzen, aber ich konnte die Wörter nicht lesen. Aber von dem Moment an, wo es bei mir klick machte, wurde ich lesesüchtig. So eine schöne Bibliotheksgeschichte wie du, Mariella, habe ich nicht, aber es gab in unserem Dorf eine Dorfbibliothek, in der ich immer meine Bücher ausgeliehen habe.

Mehr: Du hast sie nicht geklaut wie ich?

Nadj Abonji: Nein, dazu war ich viel zu brav! Vom Moment an, wo ich lesen konnte, wurde das Hochdeutsch zu einer Art Glückssprache für mich, weil ich sie mit niemandem sprechen musste. Das Ungarische teilte ich mit meiner Familie, das Schweizerdeutsch gehörte zur Schule – aber das Hochdeutsch gehörte nur mir. Ich führte sogar Selbstgespräche auf Hochdeutsch. Wenn ich las und in andere Welten eintauchte, verspürte ich ein unbeschreibliches Glücksgefühl. Ich las auch sehr gern laut vor in der Schule.



Die gesprochene Sprache ist in Melinda Nadj Abonjis Werk noch immer sehr wichtig. Seit über fünfzehn Jahren arbeitet sie mit dem Spoken-Word-Autor und Beatboxer Jurczok 1001 an einer eigenständigen Bühnensprache: In ihren Performances führen sie Rap, Spoken Word, minimale Elektronik, folkloristische und experimentelle Klänge von elektronischer Geige, Stimme und Human Beatbox zusammen. 2012 kam ihre CD «Voice Beatbox Violin» heraus.

Mittlerweile ist die Geige für Nadj Abonji etwas in den Hintergrund gerückt, dafür ist ihre Stimme als Instrument wichtiger geworden: Auf der vor kurzem erschienenen CD «Verhören» setzt sie sich mit dem Musiker Balts Nill in einer literarisch-musikalischen Performance mit dem Hexenprozess auseinander, der 1652 im Val Avers gegen Trina Rüdi stattfand. Ausserdem erschien letztes Jahr auf ihre Anregung hin Mariella Mehrs Roman «Angeklagt» als Hörbuch, gelesen von Susanne-Marie Wrage.



Nadj Abonji: Vor ein paar Jahren war ich in einer Jury von Pro Litteris. Wir vergaben den Hauptpreis für das Lebenswerk an Mariella Mehr. Damals kannte ich vor allem ihre journalistischen Texte, die sie früher für die WOZ geschrieben hatte. Als ich ihre Bücher auftreiben wollte, merkte ich, dass ganz viele vergriffen und nicht mehr erhältlich sind. Und nicht nur das: Auf der Homepage von Nagel & Kimche, dem Verlag, in dem Mariella ihre «Gewalttrilogie» veröffentlicht hat, existiert ihr Name gar nicht. Das ist doch stossend: Eine literarische Stimme, die weit über die Grenzen hinaus wichtig ist, droht zu verschwinden. Und das in einer Zeit, in der man sagt, alles sei jedem zu jeder Zeit zugänglich.

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