Nr. 21/2019 vom 23.05.2019

Damals hinterm Mond

Was hat Neil Armstrong auf dem Mond getrieben? Er hat, wie auch immer, unbewusst ein Mondkind gezeugt. Weil dem Kind dort nicht wohl ist, so allein auf dem Trabanten, sehnt es sich nach der Erde – doch wie nur soll es ein Mensch werden wie alle anderen, wo das Mondkind doch so ganz anders aussieht und so seltsam spricht? Wobei, soll es überhaupt?

Vor einem Vorhang aus Himmelsfäden erzählen die Puppenspielerin Frida Leon und der Künstler Jorge Arbert von der Erdankunft dieses Fremdlings auf der Suche nach sich selbst. «Mondkind» ist das Stück (nicht nur) für Kinder am diesjährigen Wildwuchs, dem Theaterfestival für Inklusion in Basel. Hier werden künstlerisch jene Grenzen reflektiert, die manche Menschen in ihrem Alltag allerorts zu spüren bekommen. Zum Beispiel auf dem dreiteiligen Parcours «Wer hat hier Recht(e)?», wo man in der Praxis einer Ärztin erlebt, was es heisst, wenn die Kommunikation wegen einer Hörbehinderung nicht funktioniert.

Um Verunsicherung geht es auch bei Mallika Taneja, die in der Performance «Be Careful» die alltägliche Gewalt gegen Frauen in ihrer indischen Heimat thematisiert. Im Tanzstück «We Bodies» wiederum wird die Figur des Monsters umcodiert zum körperlichen Wunder, das die gängigen Vorstellungen von Normalität ausser Kraft setzt.

Wildwuchs in: Basel Kaserne, und Birsfelden Roxy. Do, 23. Mai 2019, bis So, 2. Juni 2019. Genaues Programm: www.wildwuchs.ch.

Florian Keller

Ganz hell im Schatten

So richtig berühmt geworden ist sie nie, Karen Dalton (1937–1993). Dabei hätte sie das Zeug dazu gehabt und auch das Umfeld, im Greenwich Village der sechziger Jahre, befreundet mit Tim Hardin und Bob Dylan. Eine starke, klare Stimme zu ihrem Banjo und der zwölfsaitigen Gitarre, wunderbar zarter Folk und Blues. Zwei Alben veröffentlichte sie, sonst trat Dalton kaum je an die Öffentlichkeit – ein musikalisches Ausnahmetalent, aber eben auch den Drogen zugeneigt, dem Zweifel, dem Abgrund. Mit 55 Jahren starb sie an den Folgen von Aids.

In ihrem Dokumentarfilm «A Bright Light. Karen and the Process» versucht nun die Lausanner Filmemacherin Emmanuelle Antille, dieser Künstlerin auf die Spur zu kommen. Die Regisseurin fährt durch die USA, trifft frühere WeggefährtInnen. So versucht sie, Dalton aufzuspüren – und findet sie, zumindest bruchstückhaft. Nach dem Film gibts ein Konzert mit Daltons Liedern, gesungen von Laure Betris, Melissa Kassab und Dayla Mischler.

«A Bright Light. Karen and the Process» mit Livekonzert in: Bern Kino Rex, Do, 23. Mai 2019, 20.30 Uhr; Luzern Kino Bourbaki, Fr, 24. Mai 2019, 20.40 Uhr.

Alice Galizia

Licht ins Dunkel

«Unsere Seelen sind ein Minenfeld», sagt Ursula Biondi, die mit siebzehn Jahren einst im Gefängnis landete – weil sie schwanger war. «Administrative Versorgung» hiess das im Behördensprech, ein Wort, mit dem brutale amtliche Willkür bürokratisch kaschiert wurde. Wer einen «falschen» Lebenswandel pflegte, konnte bis 1981 ohne richterlichen Beschluss interniert werden: in Heimen, Strafanstalten oder in der Psychiatrie. Das Theater St. Gallen will nun das Schicksal von Betroffenen «exemplarisch und hautnah» auf die Bühne bringen, für den Titel des Projekts hat Biondi das Stichwort geliefert: «Verminte Seelen» heisst das Stück über dieses dunkle Kapitel Schweizer Sozialgeschichte, Regie führt Barbara-David Brüesch.

«Verminte Seelen» in: St. Gallen Lokremise, Di, 28. Mai 2019, 20 Uhr (Uraufführung); weitere Vorstellungen: 6./12./20. Juni 2019, jeweils 20 Uhr.

Florian Keller

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