Nr. 04/2020 vom 23.01.2020

Musik, Politik, Zukunft

Von Timo Posselt

Nicht ohne amerikanische Flagge, sagt sich der Musiker Wanlov the Kubolor. Kurz darauf hat er sich ein rot-weiss-blaues Sternenbanner um den Hals gewickelt und tingelt mit dem befreundeten Rapper M3nsa durch die Strassen der ghanaischen Hauptstadt Accra. Als Rapduo FOKN Bois sammeln sie Spenden für die USA und rufen: «Helft Amerika! Ghana, wir haben doch keine Probleme. Die Amerikaner leiden.» Auf dem Kopf den Spendentrog, im Ohr den eigenen Soundtrack zur Aktion. Belustigt spenden die GhanaerInnen ein paar landeseigene Cedis und Pesewas.

Schon in der Anfangsszene des Dokumentarfilms «Contradict» von Thomas Burkhalter und Peter Guyer werden kulturelle Stereotype über den afrikanischen Kontinent programmatisch auf den Kopf gestellt. In unaufgeregten Porträts nähert sich der Film sechs ghanaischen MusikerInnen: Wanlov the Kubolor, M3nsa, Worlasi, Adomaa, Mutombo da Poet und Akan. Die beiden Filmemacher begleiten sie zu lokalen Radiostationen, bei aufwendigen Videodrehs im Studio und beim ersten Auftritt in einer Fernsehshow. Dazwischen sprechen die MusikerInnen über Werte, Politik und die Zukunft.

Die sechs eint ein schwarzes Selbst- und Geschichtsbewusstsein. So erzählt Rapper Wanlov the Kubolor, wie unter den europäischen Kolonialmächten die Klänge der ghanaischen Musik unterdrückt wurden. Und Sängerin Adomaa dichtet: «Zeig der Welt die Magie in deinem Melanin.»

Immer wieder werden dazwischen Szenen aus Gottesdiensten geschnitten. Pfarrer kommen zu Wort und eine stellvertretende Sozialministerin. Manche dieser zusätzlichen Interviews sind erhellend: So erzählt Radiomoderatorin Nana Akosua Hanson vom Privileg ihrer Ausbildung und davon, wie sie sich nun in der Pflicht sehe, das System zu verändern. Andere Aussagen sind allerdings Quatsch: etwa, wenn die Ministerin von der natürlichen Überlegenheit des weiblichen Chromosomensatzes schwadroniert. Da hätte der Film besser den MusikerInnen mehr Platz eingeräumt. Er zielt auf die grosse postkoloniale Gegenwartsanalyse, dabei steckten diese politischen Fragen bereits in den Geschichten der porträtierten MusikerInnen.

In: Solothurn, Landhaus, So, 26. Januar 2020, 17.45 Uhr, und Reithalle, Di, 28. Januar 2020, 15 Uhr. Ab 30. Januar 2020 im Kino.

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